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Auf Wiedersehen: Michael Mock hat sich aus der Mobilen Jugendarbeit verabs chiedet.

„Es war ein tägliches Abenteuer“

Geretsried: Streetworker Mock sucht neue berufliche Herausforderung

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Nach sieben Jahren hat Streetworker Michael Mock den Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit in Geretsried verlassen. Im Interview blickt er zurück.

Geretsried – Sozialpädagoge Mock stammt aus Nordrhein-Westfalen. Jetzt sucht der 52-Jährige eine neue berufliche Herausforderung. Im Interview mit unserer Zeitung blickt er auf die Zeit in Geretsried zurück.

Herr Mock, Sie wollten zwei, drei Jahre in Geretsried bleiben. Daraus sind über sieben geworden.

Die Tätigkeit im Bereich Mobile Jugendarbeit und Streetwork war genau mein Ding. Dort konnte ich meine kommunikativen und konstruktiven Fähigkeiten in der wichtigen Kontakt- und Beziehungsarbeit ausspielen. Mir hat die aufsuchende Jugendarbeit viel Spaß gemacht, und es war ein tägliches Abenteuer, wen man wo trifft und was daraus entwickelt werden kann.

Sie sind ein extrovertierter Typ. Ist es Ihnen leicht gefallen, zu den Geretsrieder Jugendlichen Zugang zu finden?

Als rheinische Frohnatur ist es mir sehr leicht gefallen, humorvoll Kontakt aufzubauen und einen dauerhaften Zugang zu finden. Für viele Jugendlichen war es eine neue Erfahrung, dass ihnen ein Erwachsener mit akzeptierender Grundhaltung auf Augenhöhe begegnet, der sie vertrauensvoll mit Respekt und Toleranz behandelt, der sie wirklich ernst nimmt und wertschätzt, wie sie sind.

Wie ticken die Geretsrieder Jugendlichen in Bezug auf Alkohol und Drogen?

Die Jugendlichen in Geretsried verhalten sich in diesem Punkt genauso, wie überall anders auch in der Bundesrepublik. Es gibt keine nennenswerten Unterschiede zwischen Ortsteilen, Schulen oder Gesellschaftsschichten.

Welche Themen beschäftigen die Geretsrieder Jugendlichen auf der Straße?

Die gleichen Themen, die alle Heranwachsenden auf ihrem Entwicklungsweg haben. Zentral sind das die Ablösung vom Elternhaus, Bewältigung von Konflikten, Themen rund um Schule und Ausbildung, natürlich auch der Umgang mit Suchtmitteln, Schwierigkeiten bei Rechtsverstößen und – zum Glück selten – Probleme mit Anwohnern. Die Jugendlichen, mit denen ich gearbeitet habe, verbringen einfach ihre Freizeit gerne mit Gleichgesinnten an Treffpunkten im öffentlichen Raum.

Im Jahresbericht 2019 sprechen Sie von einem lang ersehnten Generationswechsel im öffentlichen Raum.

Zwischen 2014 und 2016 gab es einen großen Boom in der Mobilen Jugendarbeit mit unglaublich vielen Interaktionen mit den Zielgruppen. Seit 2017 sind die Kontaktzahlen spürbar zurückgegangen und erst wieder 2019 durch eine neue Generation Jugendlicher erfreulicherweise angestiegen.

Sie wollten einen regelmäßigen Fußball-Treff ganz ohne Leistungsdruck einrichten. Ist Ihnen das gelungen?

Das Medium Fußball konnte ich sehr gut in meine Arbeit integrieren, um die Persönlichkeitsentwicklung und das Sozialverhalten zu fördern. Phasenweise gab es einen regelmäßigen Fußball-Treff in Stein, so wie viele kleine und drei große Turniere. Meistens hatte ich aber einfach einen Ball im Rucksack und habe gezielt die Sport- und Bolzplätze aufgesucht, um neue Kontakte zu knüpfen oder bestehende Verbindungen zu vertiefen.

Im Sommer des vergangenen Jahres fand ein Fußballturnier zur Förderung von Respekt und Toleranz, Teamwork und Fair-Play in Stein statt. Sie mussten das Turnier abbrechen. Was war passiert?

Fünf Mannschaften mit etwa 35 Spielern aus Geretsried nahmen daran teil. Wegen der großen Hitze wurden die Teams mit kostenlosem Mineralwasser versorgt und die Spielzeit durch Trinkpausen im Schatten verkürzt. Es gab eine Schlägerei, und nach der Hälfte musste das Turnier abgebrochen werden. In intensiven Gesprächen konnten die Ursachen der Geschehnisse reflektiert und aufgearbeitet werden, sodass die Beteiligten ihren Eigenanteil und die Wechselwirkungen im Konflikt erkennen und einsehen konnten. Das hat Augen und Geist für eine konstruktive Problemlösung und eine Verhaltensverbesserung geöffnet.

Hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

In der ersten fünf Jahren waren deutlich mehr Jugendliche im öffentlichen Raum unterwegs, vieles hat sich seither aus unterschiedlichen Gründen in den privaten Bereich verlagert. In der letzten Zeit ist es viel schwieriger und mühsamer geworden, die Zielpersonen zu finden, stabile Beziehungen dauerhaft aufrecht zu erhalten und Entwicklungsschritte nachhaltig zu unterstützen.

Welche Gründe sind das Ihrer Meinung nach?

Teils liegt es sicher an der noch intensiver gewordene Mediennutzung, teils aber auch daran, dass die Polizei in Geretsried sehr präsent ist. Die Heranwachsenden wollen natürlich nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Wir wissen alle, dass das in dieser Lebensphase nicht immer ganz einfach ist.

Gab es einen Fall, in dem Sie nicht helfen konnten?

Ein Grundmaß an Hilfe geht immer. Allein durch die Aufmerksamkeit für eine Person und ihre Problemlage ist eine wichtige Unterstützung. Viele brauchen einfach mal einen Menschen, der sie annimmt, versteht, tröstet oder ihnen auch Mut zuspricht. Und natürlich gab es auch Fälle, wo nicht viel auszurichten war und durchgeführte Hilfsmaßnahmen erfolglos blieben.

Wie bleibt Ihnen Geretsried in Erinnerung?

Sehr gut. Ich habe mich in der Stadt und mit den hier lebenden Menschen sehr wohlgefühlt. Ich habe erfahren dürfen, dass es hier ein sehr gutes Miteinander gibt, dass Konflikte gut miteinander gelöst werden und eine offene Atmosphäre herrscht.

Sie suchen eine neue berufliche Herausforderung. Haben Sie die schon gefunden?

Die Corona-Pandemie wirkt sich leider auch auf den Arbeitsmarkt aus. Es gibt Überlegungen und Gespräche zu meiner beruflichen Zukunft, noch ist aber nichts unterschrieben.

nej

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