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Aus Alt mach Neu (im Uhrzeigersinn): Auf dem ehemaligen Lorenz-Areal, an der Egerlandstraße und auf dem Karl-Lederer-Platz wird oder soll gebaut werden.

Stadtentwicklung

Geretsried verändert sich: Architekt und Stadtplaner Klaus Kehrbaum im Interview

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Neue Mitte, Wohnen an der Banater Straße und die Entwicklung der Böhmwiese: An vielen Projekten in Geretsried ist Architekt Klaus Kehrbaum beteiligt. Er baut aber keine Kehrbaum-Häuser oder Kehrbaum-Städte, wie er im Interview erklärt.

Geretsried – Geretsried verändert sich. Am Karl-Lederer-Platz wird an der „Neuen Mitte“ gearbeitet. Ende des Jahres soll die Baustelle an die Egerlandstraße weiterziehen. Geplant ist zudem ein neues Quartier auf dem ehemaligen Lorenz-Areal und die Entwicklung der Böhmwiese. An den Projekten maßgeblich beteiligt ist Klaus Kehrbaum. Der 59-Jährige führt ein Architekturbüro mit 25 Mitarbeitern in München. Im Interview spricht er über den Prozess, in dem viel Herzblut steckt.

Herr Kehrbaum, Sie waren in den vergangenen Monaten sehr häufig in der Stadt.

Teilweise war ich tatsächlich mehr in Geretsried als in meinem Büro oder Zuhause. Aber solche Projekte kann man nicht vom Schreibtisch betreuen. Und das kann auch nur der, der es sich ausgedacht hat. Das kann ich nicht an jemanden aus meinem Büro delegieren.

Ist Geretsried Ihnen eine zweite Heimat geworden?

Ich fühle mich immer sehr wohl in Geretsried. Die Stadt ist es ausdrücklich wert, dass man hier etwas tut. Und wenn ein Architekt, ein Stadtplaner so einen Umbruch mitprägen darf, ist das natürlich etwas ganz Besonderes. Das wird dann Heimat.

Sie sind mit drei Projekten betraut: Der Zentrumsstärkung, einem neuen Quartier auf dem ehemaligen Lorenz-Areal und der Entwicklung der Böhmwiese. Am Karl-Lederer-Platz sind die Veränderungen inzwischen sichtbar. Wie ist das für Sie?

Geretsried war eine Siedlung mit drei- bis viergeschossigen Gebäuden und Grünbereichen dazwischen. Und dann war da noch der Aufmarschplatz von früher. Ich hatte anfangs gefragt, ob Geretsried eine Siedlung, ein Bauschema aus den 1960er Jahren bleiben will. Die Willenserklärung war, wir wollen Stadt werden, wir wollen ein Zentrum, ein Herz, eine Mitte bekommen. Ich habe in etlichen Sitzungen mit den Investoren, den Fraktionen, den Bürgern, den Nachbarn gesprochen. In den geplanten Stadträumen und den Gebäuden steckt nun mein Herzblut. Das ist ein Weg, der prägt. Es ist eine Ehre, von der Stadt das Vertrauen zu haben, diesen wichtigen Wandel mitzubegleiten. Dass hier ein Architekt mit seinem Team eine derart große Aufgabe, die sehr vernetzt angelegt ist, mit den Stadträten und Investoren zusammen schafft, ist erstaunlich. Man darf aber neben dieser Zentrumsstärkung nicht vergessen, dass es noch viele andere Baumaßnahmen im Stadtgefüge gibt, die die Entwicklung der Stadt voranbringt. Nachverdichtung, Grünachsen, Kita, Schulen, Eisstadion, Bürgerhaus, das sind alles traumhafte Bausteine für ein besseres Geretsried.

Ich höre eine große Leidenschaft heraus.

Ich habe die Wünsche, die Anregungen der Stadträte sehr ernst genommen. Damit kommt Leidenschaft. Als Architekt bin ich von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends, wenn samstags oder sonntags jemand anruft, sechs bis sieben Tage die Woche im Dienst. Das wird dann zum Lebensinhalt. Man schlendert hoffentlich später durch die Stadt und sagt: Wow, die festgelegten Räume, Gebäude, Details und Farben funktionieren gut. Und vor allem die Bürger und Gäste mögen ihr neues Stadtzentrum. Das ist schon ein Traum!

„Ich versuche, Unikate zu schaffen“

Mit einem Projekt wie in Geretsried setzen Sie sich also ein Denkmal?

Ich denke nicht, dass es ein Denkmal ist. Wir sind dafür ausgebildet, das können viele Architekten. Aber das Wichtige ist, konsequent eine Idee zu entwickeln. Wenn ich für Bauherren baue, baue ich keine Kehrbaum-Häuser oder Kehrbaum-Städte. Ich versuche, Unikate zu schaffen. Das bedeutet, dass wirklich jedes Objekt ein anderes wird. Passau ist nicht vergleichbar mit Kaufbeuren, Kaufbeuren nicht mit Augsburg, Augsburg nicht mit Geretsried, und so weiter.

Wie gefällt Ihnen die „Neue Mitte“ bisher?

Ich bin heute bewusst von der Egerlandstraße zum Rathaus gelaufen. Dann versteht man, warum dieser „Klotz“ (PulsG, Anm. d. Red.) so hoch ist. Es entsteht ein Höhenspiel, das mit dem historischen Rathaus beginnt. Dort ist ein zehngeschossiger Anbau denkbar. Dann geht es über zum BGZ1 und BGZ2. Den Hochpunkt soll an der Ecke die Sparkasse bilden, dann kippt es wieder runter auf vier, fünf Geschosse und kommt zum bisher höchsten Gebäude am Karl-Lederer-Platz, dem PulsG. Das Höhenspiel ist genau das, was eine Stadt ausmacht. Sind alle Gebäude auf drei Geschosse nivelliert, hat man eine Siedlung. Aber eine Stadt wird über Höhen geprägt. Wenn man jetzt über die B11 vom Kreisverkehr in Richtung Wolfratshausen fährt, ist man überrascht, dass da dieser große Baukörper steht. Später werden da aber einige stehen. Dann wird man erkennen, hier ist das Zentrum der Stadt.

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An der Oberflächengestaltung des Platzes wird inzwischen auch schon gearbeitet. Sie hatten zur Beleuchtung des Platzes einen Sternenhimmel geplant. Da die meisten Anwohner keine Stahlseile an ihren Häusern montieren lassen wollen, klappt die Umsetzung nicht. Hätten Sie das gedacht?

Nein. Ich finde es schade, dass er nicht kommt. Ich kenne etliche Plätze mit dieser Überspannung. Damit entsteht ein sehr guter Raum. Fast als würden bei einer Gartenparty von Baum zu Baum Lampen hängen. Ein fantastischer Effekt. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum die Nachbarn da nein gesagt haben, verstehe auch nicht ihre Bedenken. Mit Schwingungsdämpfern ist der Anschluss heute gar kein Thema. Wenn man nicht weiß, was gekommen wäre, würde man dieses Lichtszenario nicht vermissen. Aber es wäre das Sahnehäubchen gewesen – schade.

Entscheidung gegen Mediensäule „für mich nicht nachvollziehbar“

Ein anderes Sahnehäubchen wäre die Mediensäule gewesen. Der Stadtrat hat sie ganz knapp abgelehnt.

Das ist das Zweite, was ich nicht verstanden habe. Natürlich kostet das Geld, aber der Stadtrat hätte mir ein Budget vorgeben und woanders hätten wir einsparen können. Wenn man seine Wohnung einrichtet und unbedingt ein wunderschönes, sehr teures Bild aufhängen will, nimmt man günstigere Möbel, weil dieses Bild die Wohnung prägen wird. Für mich ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar. Ich habe vor, dem Stadtrat noch einmal zu empfehlen, über eine abgespeckte Version nachzudenken. Man wird später in einem Glaselement mit dem Aufzug zur Tiefgarage fahren, farblich toll gestaltet. Aber hätte man die Glashaut des Aufzuges als Mediensäule ausgestattet, hätte man Uhrzeit, Temperatur, Veranstaltungen in der Stadt den Besuchern und Bürgern vermitteln können. Sogar Stimmungsbilder wie Schneeflocken oder Sternenhimmel hätte man mit LED- Stripes simulieren können. Früher gab es die Litfaßsäule, heute die Mediensäule. Das ist eigentlich ein Muss. Eine Viertel Million ist viel Geld, keine Frage. Aber es hätte staatliche Zuschüsse gegeben, wäre damit „bezahlbar“ gewesen und hätte dem Zentrum sehr gutgetan. Daher mein Appell an den Stadtrat: Wollen wir das nicht doch noch machen – als Qualitätsbaustein des Platzes?

Ohne dieses Element wird der Platz sicher sehr clean?

Nein, nein, nein. Sie werden überrascht sein, wenn Sie den Platz fertig sehen. Wie am Kornmarkt in Bregenz werden Sie meinen, Sie sind im Süden. Der Boden wird leicht beige. Die geschliffenen Oberflächen wirken wie Sand oder italienischer Terrazzo. Und es wird sogar wassergebundene Bereiche geben, wo die Bäume und das Grün stehen.

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Apropos Bäume. Grün wird der Platz nun nur am Rand.

Möglichst autofrei, möglichst hohe Aufenthaltsqualität und Schatten dort, wo die Sonne ganztags hinscheint, waren übereinstimmend die Ziele aus dem Bürgerworkshop und die des Stadtrats. Im Schatten von PulsG braucht es keine Bäume. Da möchte man Platz für Märkte und für Feiern. Das wird fantastisch, wie in einer Arena wird man durch die umliegenden Gebäude die Musik nicht laut aufdrehen müssen, und man wird die Geige sogar ohne Mikrofon hören. Für solche Veranstaltungen, für Märkte und die normale Gastronomie braucht es diese Multifunktionsfläche. Und wo die Sonne jetzt hinscheint, beim Café Waldmann beginnend bis zum Rathaus, soll die höchste Aufenthaltsqualität für den Tagesbereich sein. Daher vor allem dort die Bäume.

Grundwassersituation: Architekt lobt Bürger, „dass sie den Finger in die Wunde gelegt haben“

Ein Thema, das stark diskutiert wurde, war die Grundwassersituation im Zentrum. Um gegenzusteuern wurden Düker eingebaut. Haben diese dem starken Regen im Mai standgehalten?

Keine Probleme. Die Düker laufen gut. Da wir noch Strömungsversuche machen, sind wir sogar heilfroh über die derzeitige Extremwetterlagen, weil wir die Düker austesten können. Die simulierten Wasserpegel werden eingehalten. Ich muss aber ehrlicherweise sagen, dass man das Thema ohne den Druck der Bürger vielleicht nicht so ernst genommen hätte. Hut ab, dass sie den Finger in die Wunde gelegt haben.

Gehen wir noch kurz zur Egerlandstraße. Man hört, Sie sind nicht mehr für die Baugenossenschaft tätig.

Architektentätigkeit besteht aus vier bis fünf Bausteinen. Das eine ist der Städtebau, dann gibt es den Entwurf bis zur Baugenehmigung. Beides habe ich für die Egerlandstraße gemacht. Danach kommen die Ausführungsplanung und die Bauleitung. Bauleitung war sowieso ein anderes Büro, die Werkplanung hat man mir gegeben, mir aber später gekündigt. Warum das passiert ist, weiß ich nicht. Ein Zerwürfnis gab es nicht. Aber es steht einem Bauherrn frei, das mit einem anderen Büro zu machen. Der Entwurf bleibt, und sollte der Kollege etwas ändern, was für mich gestalterisch nicht akzeptabel ist, werde ich ein Veto einlegen, ebenso wie sicher der Gestaltungsbeirat.

Zum Schluss würde ich gerne noch über das Projekt „Wohnen an der Banater Straße“ sprechen. Ein umstrittenes Projekt.

Wenn man die Hintergründe nicht weiß, versteht man, dass die Nachbarn Bedenken hatten/haben. Aber es ist ein Vorzeigeprojekt, das mehr kann als Wohnraumschaffung. Die Bedenken der Nachbarn kann und muss man natürlich verstehen. Sie sind aber unberechtigt. Der Bebauungsplan ist auf sehr fundierten Gutachten von Verkehr- und Schallexperten aufgebaut und dieser schreibt klipp und klar vor, was möglich ist. Und wenn jemand eine Wohnung kauft oder mietet, weiß er, wo er sie kauft oder mietet und das wird auch in den Vertrag geschrieben. Damit kann eigentlich keiner klagen. Unabhängig davon wird man keine Probleme haben. Wenn Sie sich jetzt an die Banater Straße stellen, hören Sie kaum etwas. Aber wir haben trotzdem die Spitzenlärme angesetzt, als wären sie rund um die Uhr und jeden Tag im Jahr vorhanden. Aber das wird in 100 Jahren nie stattfinden. Die Bedenken kann man zerstreuen. Die Nachbarbetriebe sollten froh sein, dass ihre Mitarbeiter dort wohnen und über die Straße in die Arbeit gehen können.

„Jede Stadt wächst“

Was ist besonders am Projekt „Wohnen an der Banater Straße“?

Man hat mit der Stadt das Geretsrieder Modell entwickelt. Die Wohnungen werden superschön gestaltet und hochwertig ausgestattet, aber im bezahlbaren Bereich liegen. Durch das gewählte Konzept an Wohnungen erreicht man ein vernünftiges Mietlevel. Für den Wohnungsmix hat man sich mit Psychologen unterhalten. Es wird nicht nur Zwei- und Dreizimmerwohnungen geben, sondern es werden alle Mietsuchendes etwas finden. Dementsprechend ist auch die Infrastruktur aufgebaut. Wir haben eine Sozialberatung, einen Gemeinschaftsraum zum Mieten, einen Platzbereich für Feste, Kinderspielplätze, Bereiche für Jugendliche und vieles mehr.

Es ist tatsächlich alles sehr durchdacht. Ist das so üblich?

Nein. Ein normaler Bauträger sagt, ich habe ein Grundstück, packe möglichst viel drauf und möchte die Rendite. Das macht dieser Investor nicht, sondern sein Argument ist es, ein nachhaltig gutes, lobenswertes Stadtquartier zu bauen.

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Wächst die Stadt durch solche großen Bauprojekte nicht zu stark?

Jede Stadt wächst. Schon allein dadurch bedingt, weil so viele Leute zuziehen. Aber auch, weil eine Person früher 15 bis 20 Quadratmeter hatte, heute sind 40 – 50 Quadratmeter üblich. Man hatte früher mit der Familie gelebt und wenn man alt geworden ist, konnte man sich das Reihenhaus oder die Wohnung nicht mehr leisten und ist in etwas Kleineres gezogen. Das macht man heute nicht mehr. Das heißt, ich brauche allein durch die Belegung der Wohnungen dreimal so viel Wohnraum für die gleichen Menschen wie in den 1960er Jahren. Deswegen explodieren alle Städte so. Dazu kommt noch das Thema des Ballungsraumes München.

Da wir nun ausgiebig über Wohnraum gesprochen haben. Wie wohnen Sie denn?

Ich wohne – was kein Mensch versteht, weil ich mein Büro in München habe – immer noch in Kaufbeuren im Allgäu. Stellen Sie sich eine Stelle vor, am Rand von Kaufbeuren, davor ein kleiner See und Bergblick. Ich bin schnell mit dem Rad an den schönsten Seen oder auf einer Alm und könnte direkt mit den Langlaufskiern von der Haustür wegfahren. Eine Traumlage, die ich bisher nirgend wo anders gefunden habe.

sw


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