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Was für ein Panorama: Aus dem zehnten Stock des Hochhauses betrachtet, schaut selbst die Maria-Hilf-Kirche klein aus. 

Serie: Unsere Hausberge  

Vom zehnten Stock aus liegt einem die Welt zu Füßen

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Brauneck, Benediktenwand und Schafreuter: Im Südlandkreis stehen einige hohe Berge. Der Norden hat, sagen wir, ein paar markante Hügel aufzuweisen. In Geretsried ist das anders: Dort gibt es ein Haus, das einem als höchste Erhebung ins Auge fällt – das Tengelmann-Hochhaus. Ganz oben ist Ingeborg Reiter zu Hause. Wir haben sie besucht.

Geretsried – Der Aufzug braucht ungewöhnlich lange, bis er unten im Erdgeschoss ist. Öffnet man die rote Tür und schaut auf das Baujahr, braucht man sich nicht zu wundern: 1969 steht unterhalb der Metall-Knöpfe, die Besucher bis in die zehnte Etage bringen. 48 Jahre hat der Lift schon auf dem Buckel. Dementsprechend lange braucht der Fahrstuhl, bis er endlich oben angekommen ist. Eine von vier Wohnungstüren öffnet sich. „Griaß Eana“, sagt eine sympathische, ältere Frau mit schulterlanger, blond gelockter Bob-Frisur, während sie uns hereinbittet.

Mehr geht nicht: Bis heute ist dieses Gebäude das höchste Wohnhaus der Stadt. Die Ansicht stammt aus den 1970er-Jahren.

Draußen ist es schwül-warm. Aber in der lichtdurchfluteten Wohnung von Ingeborg Reiter im zehnten Stock ist es angenehm kühl. Der Balkon zeigt Richtung Süden, und das Panorama, das sich dort eröffnet, ist atemberaubend: Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint. Am Horizont Berge, so weit das Auge reicht. „Auf einem jeden bin ich gewesen“, sagt Reiter und deutet in die Ferne. Dann kommt ein schmaler Streifen, auf dem die Nachbar-Gemeinde Königsdorf zu erkennen ist. Aus dem satten Grün vor dem Hochhaus ragen die Maria-Hilf-Kirche, Wohnhäuser, ein paar Baukräne – und das Hochregallager von Rudolf Chemie. Im Westen sind der Kreisverkehr an der B 11 und der Schwaigwaller Hang auszumachen. Aus der Entfernung schaut die Hochspannungsleitung, die sich auf seinem Kamm entlang zieht, wie ein dünner Faden aus. Irgendwo im Süden geht die Stromleitung in den Horizont über. So haben die Stadt bestimmt noch nicht viele Geretsrieder gesehen.

Ingeborg Reiter hat diesen beeindruckenden Anblick jeden Tag, und das seit 30 Jahren. „Und ich genieße das“, sagt die gebürtige Münchnerin, die 1966 vom Schliersee nach Geretsried zog. Erst nach Gartenberg, dann an den Neuen Platz. Seit 1987 lebt sie im Hochhaus an der Ecke Sudetenstraße/Richard-Wagner-Straße, das im Volksmund meist immer noch Tengelmann-Hochhaus genannt wird, obwohl der Betreiber des Supermarkts längst gewechselt hat. Ältere Geretsrieder nennen es auch „Florian“.

Logenplatz: Ingeborg Reiter lebt seit 1987 im Hochhaus am Chamalièresplatz. Sie ist sogar einmal im Haus umgezogen – ohne dabei die Etage zu wechseln.

Der Balkon von Ingeborg Reiter ist lang – 15 Meter werden es schon sein, schätzt die Geretsriederin. Er hat eine angenehme Breite, und die Tröge an der Balustrade sind locker bepflanzt. Die Seniorin hat duftenden Lavendel neben Buxbaum und Zierfichte gesetzt. Für den zehnten Stock eignen sich vor allem immergrüne, stabile Pflanzen, meint die 80-Jährige, der man ihr hohes Alter nicht ansieht. Sie müssen Unwetter und Regen aushalten. „Wenn ein Gewitter zu uns kommt, dann sehe ich das als erste“, meint die Seniorin schmunzelnd. „Meistens zieht es im Kreis umher und kommt erst Stunden später nach Geretsried“, so ihre Erfahrung. Das meiste habe sich dann schon im Umland entladen. „Aber so einen Sturm wie vor ein paar Tagen, so was habe ich hier oben noch nie erlebt“, sagt Reiter. „Da habe ich richtig Angst bekommen.“ Der Regen peitschte gegen die Fenster, der Wind knickte die Äste des Oleanders um und brach Blüten ab. „Das ganze Haus hat geschwankt.“ Solche Momente kämen aber Gott sei dank nicht oft vor.

Von unten dringen Geräusche nach oben. Manche wie ein Martinshorn kommen einem viel lauter vor als auf der Straße. „Besonders unangenehm sind die Laubbläser“, sagt die gelernte Pelznäherin. „Da meint man, die föhnen ein einzelnes Blatt trocken.“ Trotzdem ist man ganz ungestört auf dem Balkon. Will Reiter einen Nachbarn sehen, muss sie um die Ecke schauen. Es geht ein laues Lüftchen, im Vogelhäuschen landet eine Meise. „Hier oben habe ich meine Ruhe“, sagt die Seniorin. Im Sommer sitzt die zweifache Großmutter am liebsten im Schatten unter der Markise und macht Kreuzworträtsel. „Hier ist es zu jeder Jahreszeit schön. Man muss nur genau hinschauen.“

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