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Auf den Tag genau: Am 27. Juni 1970 wurde Geretsried zur Stadt erhoben. Ein bewegender Moment für Rathauschef Heinz Schneider.

Ehrengäste, Geschenke und Gedenkmünzen

Stadterhebung: Geretsried feiert 1970 eine Woche lang

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Heute vor 50 Jahren wurde Geretsried zur Stadt erhoben. Gefeiert wurde eine ganze Woche lang.

Geretsried – Das hat Geretsried noch nicht gesehen: Mit einem unglaublichen Festprogramm feiert die Gemeinde 1970 die Erhebung zur Stadt. Und mit Stolz zeigen die Geretsrieder den vielen hundert Gästen, was sie seit der Gemeindegründung 1950 geschafft haben. Ein Rückblick auf ein historisches Ereignis.

„Der meistbeschäftigte Mann in der Verwaltung war damals mein ehemaliger Kollege Hans Schossee“, erinnert sich Lilo Plangger (72). Schossee ist Leiter des Festbüros und Organisator der Festwoche, die von Freitag, 26. Juni, bis Sonntag, 5. Juli, veranstaltet wird. Bürger und Vereine beteiligen sich rege. Das freut den Rathausmitarbeiter. Groß ist auch die Nachfrage nach den Kunststoffgirlanden, die vom Festbüro ausgegeben werden. Sie sollen für einen einheitlichen Schmuck der Häuser sorgen.

Musikalischer Auftakt

Eingeläutet wird die Festwoche am Freitagabend mit einem Konzert des Philharmonischen Orchesters Bad Reichenhall in der Turnhalle der Karl-Lederer-Schule. Der Samstag ist für viele Geretsrieder ein aufregender Tag – auch für Lilo Plangger. Sie ist eine der Hostessen, die sich um die vielen Ehrengäste kümmert. Die acht feschen Damen sind gut erkennbar an ihren roten und blauen Minikleidern, die für diesen Anlass extra angefertigt wurden. „Die Stoffe für die Kleider bekamen wir damals über die Firma Rohi“, berichtet die gebürtige Graslitzerin.

Gut gelandet: Eine Brieftaube überbringt Grüße aus der Patenstadt Amberg. Am Mikrofon: Bürgermeister Heinz Schneider.

Bürgermeister Heinz Schneider begrüßt die Ehrengäste vor dem Rathaus mit einem Glas Sekt. Unter ihnen sind Landtagspräsident Rudolf Hanauer, der Oberbürgermeister der Patenstadt Amberg, Franz Prechtl, und der Vize-Präsident der Regierung von Oberbayern, Dr. Hans Schmitt-Lermann. Während seiner Ansprache wird dem Geretsrieder Bürgermeister eine Brieftaube gebracht. Sie kommt – direkt aus Amberg. Die Taube ist am Morgen zusammen mit elf Kolleginnen aufgelassen worden, um auf dem Luftweg Grüße aus der Patenstadt zur Stadterhebung zu überbringen.

Rundfahrt durch alle Ortsteile

Nach dem Empfang geht es in sechs Omnibussen auf große Fahrt durch die damals drei Ortsteile der Gemeinde. Im Promibus macht Schneider selbst den Fremdenführer. Die Tour endet auf dem Festplatz. Dort wird in einem extra aufgebauten Zelt durch Landtagspräsident Hanauer die Leistungsschau der Geretsrieder Industrie eröffnet. Lilo Plangger erinnert sich: „Auch dort waren wir natürlich im Einsatz.“ Mittags begleiten die Damen die geladenen Gäste zum Essen in die Paulaner-Wirtschaft am Neuen Platz (heute das griechische Lokal Ammos) und in die ehemalige Gaststätte Korb in Gartenberg.

1300 Brieftauben werden aufgelassen

Auch in Geretsried werden an diesem denkwürdigen Tag Brieftauben aufgelassen, um die Kunde von der Stadterhebung in die Welt hinauszutragen. Pünktlich um 14.30 Uhr gibt Bürgermeister Schneider den Start frei, und 1300 Vögel steigen in die Luft. Der Taubenstart leitet den Festakt zur Stadterhebung im Festzelt ein. Staatssekretär Hugo Fink erinnert in seiner Rede an die Anfänge Geretsrieds: Im Juni 1949 hatte die Regierung von Oberbayern beim Innenministerium das Verwaltungsverfahren für die Gemeindegründung beantragt – und einige Bedenken angemeldet, heißt es im Isar-Loisachboten. So hätte sie von einem ungünstigen Zuschnitt gesprochen, von einem Gemeinwesen, dem der natürliche Mittelpunkt fehlen werde, von einer krisenanfälligen Industrie und gemeint, es sei fraglich, ob der Bevölkerung das notwendige Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt werde. „Diese Fehleinschätzung der Situation sei der Regierung heute verziehen. Die Bedenken konnten die Gemeindegründung nicht verhindern“, sagt Fink. Heute gelte uneingeschränkt: Geretsried habe seine Existenzberechtigung und seine Lebensfähigkeit bewiesen.

Bürgermeisterkette aus der Patenstadt

Was folgt, ist die Übergabe der Urkunde zur Stadterhebung. Anschließend erhält Bürgermeister Schneider ein besonderes Geschenk: Ambergs Oberbürgermeister Prechtl überreicht Rathauschef Schneider eine von einem Goldschmied kunstvoll gefertigte Bürgermeisterkette. Darin sind die Wappen Geretsrieds, Ambergs und des Freistaats Bayern eingearbeitet. Auch für die Ehrengäste gibt es Geschenke: Sie dürfen Gedenkmünzen mit nach Hause nehmen, die extra geprägt wurden. Ein Volkstumsabend der Landsmannschaften und Trachtenvereine im Festzelt beschließt den großen Tag.

Zahlreiche Ausstellungen

In der folgenden Woche ist einiges geboten in der jungen Stadt im Isartal: Insgesamt werden elf Ausstellungen eröffnet. In einer Kunst- und Gemäldeschau zeigt Maler Fritz Haferkorn Aquarelle und Ölbilder, und Bildhauer Professor Wilhelm Srb-Schlossbauer demonstriert sein Schaffen mit der Großplastik „Die Wasserträgerinnen“. Es gibt Festgottesdienste, Standkonzerte, Sportveranstaltungen, ein Reitturnier, einen Fackelzug und einen Großen Zapfenstreich. Im Feuerwehrhaus in Gartenberg wird der Vorläufer des Heimatmuseums eröffnet, an der Jahnstraße wird die Altentagesstätte eingeweiht.

Prächtiger Festzug: Hunderte Teilnehmer – darunter auch die Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn – ziehen zum krönenden Abschluss der Festwoche durch die Geretsrieder Straßen.

Krönender Abschluss ist am Sonntag der Festzug. „Der war wirklich sehr prächtig“, blickt Lilo Plangger zurück. 88 Einzelgruppen sind gemeldet. Die größte Gruppe mit 570 Personen stellen die Feuerwehren mit Abordnungen aus dem ganzen Landkreis, von einer Reihe befreundeter Gemeinden und sogar aus Südtirol. Auch eine große Reitergruppe nimmt am Festzug teil. Festzugschef Schossee will bei den Geretsrieder Rektoren über 100 Schulbuben ausleihen, die die Taferl mit der Bezeichnung der einzelnen Gruppen tragen sollen. Der Weg ist über vier Kilometer lang: Es geht vom Neuen Platz zum Karl-Lederer-Platz und zurück zum Festplatz. „Wenn da so viele Geretsrieder im Umzug mitmarschieren, wer wird dann den Festzug noch anschauen?“ meint ein Geretsrieder. „Ganz einfach“, bekam er zur Antwort. „Der Zug muss einen Haken schlagen, sodass sich die Zugteilnehmer selbst bewundern können.“

Mit einem großen Brillantfeuerwerk endet die wahrlich ereignisreiche Festwoche.

Randgeschichte 1: Die letzte Panne

Der Festakt zur Stadterhebung erlebt eine unliebsame Unterbrechung: Staatssekretär Hugo Fink ist in seiner Festansprache noch nicht all zu weit gelangt, als die Lautsprecheranlage ausfällt und er sich in dem großen Zelt mit den vielen hundert Gästen nicht mehr verständlich machen kann. Zehn lange Minuten dauert es, bis der Schaden behoben ist. „Das ist in einer Zeit passiert, da Geretsried noch Gemeinde ist. Bei einer Stadt darf das nicht mehr passieren“, meint der Staatssekretär dazu. Wegen dieser Panne wird Geretsried übrigens zehn Minuten später zur Stadt erhoben

Randgeschichte 2: Ein erster Wunsch

Landtagspräsident Rudolf Hanauer sagt beim Festakt zur Stadterhebung, dass im Gegensatz um Mittelalter die Erhebung zur Stadt kaum mehr Rechte mit sich bringe. Darauf entgegnet Bürgermeister Schneider später: „Wir wären schon zufrieden, wenn man die Stadt Geretsried auf den Landkarten entsprechend ihrer Größe vermerkte und wenn wir bei der Autobahnausfahrt nicht nur ein Hinweisschild auf Münsing, sondern auch auf Geretsried fänden. Alle diesbezüglichen schriftlichen Eingaben der Gemeinde hatten nämlich bisher keinen Erfolg.“

Randgeschichte 3: Wo sind die Minister?

Hunderte Ehrengäste verfolgen den Festakt zur Stadterhebung. Sie zollen den Menschen Respekt für die große Aufbauleistung. Doch es kommt auch Wehmut auf. Anwesend sind der Landtagspräsident, ein Staatssekretär und weitere Politprominenz. Aber: Minister und Ministerpräsident fehlen. „Kein Wunder, dass sich 17 000 Geretsrieder brüskiert fühlen“, so Redaktionsmitglied Wolfgang Morath im Isar-Loisachboten. Mann könne den Bürgermeister gut verstehen, wenn er meint: „Wir sind sehr enttäuscht, dass nicht wenigstens ein Minister den Weg zu uns gefunden hat.“

Randgeschichte 4: Eine Glocke aus Berlin

Auch in der alten Reichshauptstadt Berlin hat man von der Stadterhebung Geretsrieds Kenntnis genommen. Während des Mittagessens der Ehrengäste im Gasthaus Korb in Gartenberg überreicht der Chefarzt des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin, Prof. Dr. Heim, Bürgermeister Heinz Schneider eine kleine Nachbildung der Berliner Freiheitsglocke. Sie soll dem neuen Stadtrat während der Sitzungen als Ordnungsglocke dienen. Prof. Heim erinnert in seinen Worten daran, dass Geretsried schon einige Zweigbetriebe von Berliner Firmen aufgenommen habe.

nej

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