Michael Müller, Leonie, Johanna, Helmut und Bärbel Hahn um den Gedenkstein vor dem Rathaus, der mit Blumen geschmückt ist.
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In stillem Gedenken: (v. li.) Bürgermeister Michael Müller, Leonie, Johanna, Helmut und Bärbel Hahn.

75 Jahre nach Ankunft der ersten Heimatvertriebenen: Kranzniederlegung am Gedenkstein

Gelbe Rosen als Zeichen der Hoffnung

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Vor 75 Jahren fanden über 500 Menschen aus dem Egerland in Geretsried eine neue Heimat. Sie bauten diese Stadt mit auf und machten sie zu „einem blühenden Gemeinwesen“. Am Jahrestag der Ankunft fand eine Gedenkfeier statt.

Geretsried – 554 Heimatvertriebene aus Graslitz im Egerland fanden am 7. April vor 75 Jahren Zuflucht in Geretsried. Dieser Tag ist ein historisches Datum. Denn mit ihrem Engagement und ihrem Fleiß legten die Menschen den Grundstein für die Stadt Geretsried. Zum Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung und zum Dank an alle Geretsrieder der ersten Stunde wurde am Mittwoch vor dem Rathaus ein Kranz niedergelegt.

Das Zuhause für die Neuankömmlinge: Heruntergekommene Baracken des Lagers Buchberg

Zehn Jahre nach der Ankunft der ersten Heimatvertriebenen ließ die Egerländer Gmoi dort einen Gedenkstein aufstellen. Denn der Zug mit den Graslitzern hielt unmittelbar vor dem heutigen Rathaus mitten im Wolfratshauser Forst. „Sie waren eingepfercht zu je 30 Personen in einem Viehwaggon, sitzend oder liegend auf den wenigen Habseligkeiten, die man ihnen erlaubt hatte, mitzunehmen“, berichtete der Chef der Egerländer, Helmut Hahn. „Als Toilette gab es meist nur einen Eimer oder ein Loch im Boden.“ Ihr neues Zuhause waren die heruntergekommenen Baracken des Lagers Buchberg. Kaum vorstellbar ist diese Szenerie, wirft man heute einen Blick vom frisch sanierten Karl-Lederer-Platz auf die Böhmwiese hinüber, wo die Baracken einst standen.

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Coronabedingt kamen am Mittwoch nur wenige zur Gedenkfeier, die unter Einhaltung von Sicherheitsabständen und -maßnahmen draußen stattfand. Trotz des kalten Winds waren die Egerländer in ihrer traditionellen Tracht erschienen. Auch Zeitzeugen wie Werner Sebb und Sonja Gruber, die die Vertreibung als Kinder erlebt hatten, nahmen daran teil.

Gedenken an die Vertriebenen - und an Verfolgte, die es noch heute gibt

Die Töchter von Helmut und Bärbel Hahn, Leonie und Johanna, legten den mit gelben Rosen und orangen Gerbera geschmückten Kranz nieder. „Wir gedenken vor allem derjenigen, die nach Ende des Krieges durch Willkür, durch Rachehandlungen bei Flucht und Vertreibung durch Hunger und Erfrierung umgekommen sind und denen es nicht vergönnt war, einen Neuanfang in Frieden und Freiheit zu wagen“, sagte Hahn. Aber man denke auch an alle, die bis heute aufgrund ihrer Religion, Herkunft, Hautfarbe oder Gesinnung verfolgt, vertrieben und getötet werden.

Geretsried zu dem gemacht, was es heute ist, ein blühendes Gemeinwesen

Bürgermeister Michael Müller über die Heimatvertriebenen

Bürgermeister Michael Müller hielt ebenfalls eine kurze Ansprache. „75 Jahre, das ist eine lange Zeit“, sagte der Rathauschef. „Flucht und Vertreibung ist aber auch in der heutigen Zeit immer noch aktueller denn je.“ Mit der Niederlegung des Kranzes gedenke man der Opfer von Flucht und Vertreibung aus der alten Heimat. Und man erinnere damit an all jene, die mit angepackt und die Stadt aufgebaut haben. Ihnen gebühre Dank und Anerkennung. Sie haben „Geretsried zu dem gemacht haben, was es heute ist, ein blühendes Gemeinwesen“. Mit dem Trauerstück „Ich hatt’ einen Kameraden“, gespielt von Roland Hammerschmied, endete die Gedenkfeier.

Lesen Sie auch: Dramatische Szenen - und ein hoffnungsvoller Neuanfang: Ein Rückblick auf die Ankunft der Heimatvertriebenen und ihr Wirken in Geretsried

Anlässlich des Jahrestags hat die Stadt wieder einen Film produziert. Er zeigt unter anderem historisches Material vom Tag der Gedenksteinenthüllung 1956 und schlägt eine Brücke ins Jahr 2021. Der Film ist auf der Webseite der Stadt Geretsried abrufbar (www.geretsried.de). nej

Auch in Wolfratshausen fanden Heimatvertriebene Zuflucht - das Badehaus erinnert daran

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