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Ein besonderes Fundstück: Im Internet entdeckte Werner Sebb Namenslisten des dritten Transports aus Graslitz. Er saß in Waggon Nummer acht. 

Sonderausstellung im Rathaus

Eine Reise ohne Rückfahrschein

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Geretsried - Werner Sebb bereitet eine Sonderausstellung im Museum der Stadt Geretsried vor – und macht im Internet einen erstaunlichen Fund.

Vor 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Laut Statistik waren es 554 Graslitzer, die am 7. April 1946 vor dem Barackenlager auf der Böhmwiese aus Viehwaggons kletterten. Auch Werner Sebb gehörte dazu – er war damals ein kleiner Bub. Unter dem Titel „Einmal hin – und nicht zurück“ bereitet der 76-Jährige gerade eine Ausstellung mit Gegenständen aus der alten Heimat vor. Besonders stolz ist Sebb auf einen Fund, den er im Internet gemacht hat.

Im World Wide Web stieß der Geretsieder auf Namenslisten des dritten Transports aus Graslitz. 40 Waggons à 30 Personen waren es, die am 5. April 1946 die Stadt im Egerland verließen. Sebb befand sich im Wagen Nummer acht. „Beim Einladen hielt man zum Glück die richtige Reihenfolge ein. Zuunterst die Kisten, darauf die Menschen. Und wir Kinder fanden, da meist unterernährt und schmalbrüstig, in kleinen Stauräumen unter dem Waggondach Platz“, erinnert sich der pensionierte Chemie-Ingenieur.

Nachdem die 1200 Personen mit Proviant versorgt waren, wurden die Waggons verschlossen, „und ab ging die Post, respektive die Bahn Richtung Westen“. Über Eger, „wo auf dem Bahnhof hunderte zerstörte Lokomotiven standen“, verließ der dritte Graslitzer Transport die damalige Tschechoslowakei. Am Abend des nächsten Tages, es war ein Samstag, erreichte der Zug München-Allach. Dort wurde die Kolonne in zwei Teile zu je 20 Wagen aufgeteilt. „Die erste Hälfte fuhr am Sonntag weiter in Richtung Wolfratshausen und landete schließlich am frühen Vormittag vor dem Lager Buchberg.“

Aus den Unterlagen der Stadt geht hervor, dass in Geretsried 554 Personen aus diesem Transport registriert wurden. Laut den Listen waren es genau 600 Menschen, die sich in den Waggons befanden. „Vielleicht haben die Tschechen einige Leute wieder aus dem Transport rausgenommen und die Listen nicht korrigiert“, vermutet Sebb. Möglicherweise fand die Registrierung in Gelting auch zu einem Zeitpunkt statt, als einige Heimatvertriebene bereits weiter gezogen waren – in Richtung Ammerland oder Wolfratshausen.

In die Aufbereitung der Listen hat Sebb viel Energie und Arbeit gesteckt. Insgesamt enthalten sie fast 13 000 Namen aus 13 Transporten – alphabetisch geordnet. Mit Hilfe von Erich Peter vom Heimatkreis Graslitz durchforstete der Hobby-Historiker die Unterlagen am Computer und auf Papier, um die relevanten Waggonnummern mit den dazu gehörenden Namen zu finden. Die Listen geben auch Aufschluss über den Tag der „Verladung“, das Alter, das Geschlecht, den Heimatort und den Beruf der Menschen. „In Summe waren es vielleicht drei Monate, die ich dafür gebraucht habe“, schätzt der gebürtige Graslitzer. Herausgekommen sind 20 Listen – für jeden Waggon eine – mit 600 Namen von Geretsriedern der ersten Stunde. Sie werden zusammen mit anderen Ausstellungsstücken ab dem 7. April im Foyer des Stadtmuseums gezeigt.

Das Leben gepackt in eine Kiste

„Wir haben die Häuser mit steckendem Schlüssel verlassen, so dass die Tschechen gleich einziehen konnten“, erinnert sich Werner Sebb an den Tag, als er seine Heimat Graslitz zusammen mit seiner Familie verlassen musste. Das war ein Freitag, genauer gesagt der 5. April 1946. Was die Sudetendeutschen mitnehmen durften, war streng reglementiert. 

In einem Schreiben auf Tschechisch und Deutsch heißt es: „Personen, welche für den Abtransport bestimmt sind, haben ihre Wohnung in vollster Ordnung zu verlassen. Gepäck wird für eine Person zugelassen: ein Gepäckstück von 60 Kilogramm und Handgepäck von höchstens 10 Kilogramm. Die übrigen Sachen sind in der Wohnung an Ort und Stelle zu lassen, zum Beispiel Vorhänge, Teppiche, Tischlampen, Wandspiegel, Waschschüsseln, Teile der Einrichtung, Tischdecken, zwei Handtücher, in Betten Matratzen, Bettlaken und mindestens ein Kopfkissen und Zudeckbett, alles frisch bezogen.“ Weiter heißt es: „Das Gepäck darf nicht in Teppiche oder Überzüge gepackt werden. Wird bei der Kontrolle festgestellt, dass dies nicht beachtet wurde, wird die betreffende Person nicht in den Transport aufgenommen, sondern ins Inland auf Arbeit geschickt.“

Gedenkveranstaltungen

Am 7. April 1946 kamen die ersten Heimatvertriebenen aus Graslitz im Lager Buchberg auf der heutigen Böhmwiese an. Aus Anlass des 70. Jahrestags haben der Arbeitskreis Historisches Geretsried, die Egerländer Gmoi Geretsried sowie die Union der Vertriebenen und Aussiedler in Zusammenarbeit mit der Stadt eine Reihe von Gedenkveranstaltungen organisiert. Dazu sind alle interessierten Bürger eingeladen. 

Das Programm am Donnerstag, 7. April, im Überblick: 

18 Uhr: Kranzniederlegung am Gedenkstein vor dem Rathaus durch die Egerländer Gmoi. 

18.15 Uhr: Vortragsveranstaltung im großen Sitzungssaal des Rathauses. Es moderiert Werner Sebb vom Arbeitskreis Historisches Geretsried. 

19.45 Uhr: Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum durch Anita Zwicknagl vom Kulturamt. 

20 Uhr: Gedenkfeier der Union der Vertriebenen im kleinen Ratsstubensaal. Der Landtagsabgeordnete Josef Zellmeier spricht zum Thema „Auferstanden aus Ruinen“. 

Mit den Gedenkveranstaltungen soll an die Ankunft der ersten Heimatvertriebenen aus Graslitz im Lager Buchberg erinnert werden. Zeitzeugen werden die katastrophalen Umstände der Vertreibung schildern und die ersten Aufbaujahre in Geretsried skizzieren. Die Ausstellung im Stadtmuseum bietet weitere Informationen über den Vertriebenentransport. Gebrauchsgegenstände und Erinnerungsstücke vermitteln einen Eindruck, was man damals als lebensnotwendig und erhaltenswert erachtete.

Doris Schmid

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