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Klimaneutrale Pizza? Warum beliebtes bayerisches Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen will

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An einem Fließband belegen Mitarbeiter von Gustavo Gusto Tiefkühlpizza mit Champignons
In Geretsried stellt Franco Fresco die Gustavo-Gusto-Tiefkühlpizza her. © Archiv

Beim Klimagipfel in Glasgow haben Politiker erneut um das 1,5-Grad-Limit gerungen. Unternehmer Christoph Schramm von Gustavo Gusto will nicht nur reden. Er macht klimaneutrale Pizza.

Geretsried - Der Klimawandel ist spätestens durch die „Fridays for Future“-Bewegung in aller Munde. Im Wahlkampf für den neuen Bundestag rühmten sich fast alle Parteien ihrer ambitionierter Klimaschutzziele. In dieser Legislaturperiode sollen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Das Geretsrieder Unternehmen Franco Fresco, das unter der Marke „Gustavo Gusto“ Tiefkühlpizza und Eis verkauft, ist da schon weiter. Es ist seit über zwei Jahren klimaneutral. Dass es mit dem Prädikat allein nicht getan ist, erklärt Gründer und Geschäftsführer Christoph Schramm (43) im Interview.

Herr Schramm, kann man Klimaneutralität schmecken?

Christoph Schramm: Leider nein. Ich glaube, wenn man sie schmecken könnte, wäre es viel leichter, das Thema in den Markt zu drücken, und mehr Marktbegleiter würden umdenken.

Aber bei Ihnen kann man die Klimaneutralität zumindest sehen. Auf den Pizzakartons findet sich ein entsprechendes grünes Siegel. Was bedeutet das konkret?

Schramm: Für den Verbraucher sollte es erst einmal ein gutes Gewissen bedeuten. Vielleicht hat das auch Auswirkungen auf den Geschmack (lacht). Für unser Unternehmen heißt es, dass wir nicht mehr CO2 ausstoßen, als wir auf der anderen Seite wiedergutmachen.

Christoph Schramm, Geschäftsführer von Gustavo Gusto
Mit Brief und Siegel: Christoph Schramm führt ein klimaneutrales Unternehmen und versorgt Deutschland, Österreich und Schweiz mit klimaneutraler Pizza. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Gustavo-Gusto kompensiert CO2, um Tiefkühlpizza klimaneutral herzustellen

Wie das?

Schramm: Wir finanzieren Projekte, die helfen, CO2 zu sparen, und zwar mindestens so viel wie wir ausstoßen.

Wie groß ist der CO2-Fußabdruck von Franco Fresco?

Schramm: Aktuell liegen wir bei 27 Tonnen pro Jahr.

Können Sie erklären, wie sich dieser Wert bemisst?

Schramm: Ein externes und branchenunabhängiges Unternehmen beleuchtet all unsere Unternehmensprozesse – jedes Jahr. Das geht los beim Arbeitsweg der Mitarbeiter, den Lieferketten und Produktionsschritten. Es fließt sogar jede Dienstreise mit ein. Eins zu eins wird man die tatsächliche CO2-Bilanz vermutlich nie treffen, aber dem Ganzen liegt ein Berechnungsmodell zugrunde. Im Vergleich zum durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausstoß in Deutschland stehen wir übrigens gar nicht so schlecht da (siehe Kasten am Ende des Artikels).

Mit welchen Projekten kompensieren Sie die 27 Tonnen CO2 pro Jahr?

Schramm: Wir unterstützen aktuell zwei Klimaschutzprojekte in Indien. Im Dorf Kaneri im Bundesstaat Maharashtra unterstützen wir ein auf Biomasse basierendes Kraftwerksprojekt. Dort werden hauptsächlich Reisschalen und Agrarabfälle aus der Region in sauberen Strom verwandelt. Außerdem beteiligen wir uns an einem Hydropower-Projekt mit einem sogenannten Laufwasserkraftwerk. Es ist eines der größten privaten Wasserkraftwerksprojekte in Indien.

Warum ausgerechnet Indien?

Schramm: Es ist schon heute stark vom Klimawandel betroffen. Klimaneutralität ist ein Weltproblem, kein Länderproblem. Insofern setzen wir da an, wo wir mit unserem Geld am meisten Wirkung erzielen können. Das ist in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Wie werden die Projekte ausgewählt?

Schramm: Wir arbeiten mit einem Partner zusammen, der Nachhaltigkeitsberatungsgesellschaft „Fokus Zukunft“ in Starnberg. „Fokus Zukunft“ trifft eine Vorauswahl und berät uns, welche Projekte zu unserem Unternehmen passen.

„Gute“ Projekte können sich im Nachhinein als gar nicht so gut herausstellen. Jüngst ist das Baumpflanzprojekt „Plant for the Planet“ in die Kritik geraten. Wie stellen Sie sicher, dass Sie wirklich eine gute Sache unterstützen?

Schramm: „Fokus Zukunft“ ist für uns ein vertrauenswürdiger Partner. Die einzelnen Projekte, die wir unterstützen, sind nach internationalen Standards zertifiziert. Darauf müssen wir uns verlassen. Als Privatunternehmen ist es für uns unmöglich, vor Ort jeden Schritt zu überprüfen. Über die CO2-Kompensation hinaus investieren wir übrigens auch noch in ein Baumprojekt. Über den Verein „Projekte für arme Menschen“ pflanzen wir alle sechs Minuten einen Baum. Der Kopf der Organisation hat mit mir studiert und ist ein guter Freund von mir. Das Geld kommt an.

Klimaneutralität bei Gustavo-Gusto: Tiefkühlpizza soll auch möglichst nachhaltig produziert werden

Kompensieren ist das eine. Arbeiten Sie auch daran, Ihren CO2-Ausstoß zu verringern?

Schramm: Wir versuchen jeden Tag, ein Stückchen besser zu werden. Radikal neu zu denken, ist einer unserer Unternehmenswerte. Das bezieht sich auch auf Nachhaltigkeit.

Haben Sie ein Beispiel?

Schramm: Im neuen Werk in Thüringen, das wir gerade bauen, planen wir beispielsweise eine Solaranlage und ein Blockheizkraftwerk. Im bestehenden Werk in Geretsried würden wir auch gern selbst Energie erzeugen, aber da müssen wir schauen, wie wir das umsetzen können, weil wir dort nur Mieter sind. Bei den Zutaten für unsere Pizzen versuchen wir laufend, den Grad an Tierwohl zu steigern und nehmen lieber Produkte aus der Region, auch wenn es etwas mehr kostet. Allerdings ist all das immer eine Gratwanderung.

Das müssen Sie erklären.

Schramm: Nachhaltigkeit kostet Geld. Klimaneutral zu werden, das hat unser Unternehmen nicht gefährdet, aber wir haben es gespürt. Als junges, stark wachsendes Unternehmen haben wir immer eine gewisse Knappheit an personellen Ressourcen und Liquidität. Der Wille zur Nachhaltigkeit ist da, wir bewegen uns kontinuierlich, aber wir können nicht von Anfang an so wie wir wollen. Es geht nur peu à peu.

Herausforderung für Gustavo-Gusto-Gründer: Klimaneutrale Pizza oder Wachstum?

Da wären wir schon bei den Herausforderungen. Klimaneutrale Unternehmen sind die Ausnahme. Was ist denn daran so schwer?

Schramm: Klimaneutralität auf dem Papier ist es, meiner Meinung nach, nicht. Man muss nur bereit sein, dafür zu bezahlen, also CO2-Zertifikate zu kaufen. Dieser – salopp gesagt – „Ablasshandel“, eigentlich ist es nichts anderes, entbindet einen aber nicht von der Verpflichtung, selbst im Unternehmen zu schauen, wo kann man CO2 einsparen. Ja, das hindert ein Unternehmen am Wachstum. Oder sorgt dafür, dass der Unternehmer eine nicht so große Ausschüttung im Jahr hat oder die Manager geringere Tantieme bekommen.

Weshalb ist es Ihnen das wert?

Schramm: Gegenfrage: Warum sind andere Unternehmen, warum sind die Menschen immer darauf aus, immer mehr Profit zu machen? Es ist unlogisch, auf Kosten unserer Erde Profit zu machen. Es ist dumm und kurzsichtig. Wie wollen sie das ihren Kindern verkaufen? Wir müssen uns mal eingestehen, wie verweichlicht und dekadent wir geworden sind. Wir sind es unseren Kindern, der ganzen Erde, allen Lebewesen schuldig umzudenken.

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Ist das zu schaffen?

Schramm: Meiner Meinung nach ist es beim aktuellen Kurs nicht zu schaffen. Es muss klare politische Vorgaben geben, die umgesetzt werden. Dafür muss das Bewusstsein bei den Menschen noch mehr geschärft werden. Viele empfinden es als Einschnitt, wenn sie weniger Autofahren, nicht mehr in den Urlaub fliegen, ihren Fleischkonsum reduzieren sollen. Das ist hart, wenn woanders ein paar hundert neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Es muss sich einiges radikal ändern.

Schließen wir mit einem persönlichen Tipp von Ihnen: Was kann jeder Einzelne für den Klimaschutz tun?

Schramm: Sich fragen, für was es sich wirklich lohnt, Geld auszugeben. Mehr auf die Ernährung zu achten, zu schauen, was kaufe ich, wo kommt das her. Bewusster und achtsamer zu leben, ohne sich komplett kasteien zu müssen. Mir ist bewusst, dass wir uns nicht von heute auf morgen ändern können. Aber wir können versuchen, unseren Kindern ein besseres Vorbild zu sein, um ihnen die richtigen Werte beizubringen.

Lesen Sie auch: Gustavo Gusto: Die Corona-Gewinner aus Bayern

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Stichwort Klimaneutralität

Der Begriff „klimaneutraler Betrieb“ ist nicht markenrechtlich geschützt, so das Bayerische Landesamt für Umwelt. Ein Unternehmen oder ein Produkt gilt demnach als klimaneutral, wenn dieses keine klimaschädlichen Emissionen verursacht beziehungsweise entstehende Treibhausgase durch zertifizierte Ausgleichsprojekte kompensiert werden. Dazu lässt man berechnen, wie viel CO2 durch ein Unternehmen oder ein Produkt verursacht wird. Zum Vergleich: Der deutsche Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 liegt laut Umweltbundesamt bei durchschnittlich 11,2 Tonnen im Jahr. Berücksichtigt werden dabei Faktoren wie Heizung, Strom, Mobilität, Ernährung und vieles mehr. In diesen Bereichen können Treibhausgasemissionen reduziert werden. Der Rest, der nicht vermieden werden kann, lässt sich ausgleichen, beispielsweise indem man Naturschutzprojekte in der Region oder auch in anderen Ländern finanziell unterstützt.

Auch auf politischer Ebene ist die Klimaneutralität Thema. Die EU hat sich mit dem Europäischen Klimagesetz verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden. „Die Klimaneutralität bis Mitte des 21. Jahrhunderts ist notwendig, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen – ein Schwellenwert, der vom Weltklimarat als sicher eingestuft wird“, heißt es auf der Internetseite des Europäischen Parlaments. Auf dieses Ziel haben sich 195 Länder mit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens festgelegt.

Die Deutsche Bundesregierung hat heuer ihr Klimaschutzgesetz von 2019 nachgeschärft, das aus Sicht des Bundesverfassungsgerichts zu kurz griff. Nach dem geänderten Klimaschutzgesetz soll die Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 erreicht werden. sw

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