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Sie bleiben positiv: Eryka Servotka (Style & more) und Winfried Müller (Optik-Studio M) machen das Beste aus Baustellenschutt und Behinderungen.

Gelassenheit hilft

Wie die Einzelhändler mit der Großbaustelle Egerlandstraße umgehen

Erst Corona, jetzt Großbaustelle: Die Einzelhändler und Gastronomen an der Egerlandstraße haben es nicht leicht. Doch ans Aufgeben denkt (noch) keiner.

Geretsried   Das Sparkassengebäude ist abgerissen, die Baugenossenschaft Geretsried (BG) hat mit dem Erdaushub und -abtransport unter ihrem neuen Gebäude namens BGZ2 begonnen. Bagger und Lastwagen sind den ganzen Tag im Einsatz. „Glücklicherweise gab es bisher auf der Baustelle keine Verzögerungen durch die Corona-Pandemie oder durch belastetes Material im Erdreich“, berichtet BG-Sprecherin Ursula Hölzl. Der Erdaushub solle Ende Juni größtenteils abgeschlossen sein, dann könne man mit dem Rohbau starten. Bis 2022 soll an der Egerlandstraße ein teils sechsgeschossiges Gebäude mit knapp 100 frei finanzierten Wohnungen in den oberen Stockwerken sowie Einzelhandel (geplant ist ein Aldi-Markt) und Gastronomie im Erdgeschoss stehen.

Über Umwege in die Egerlandstraße

Zugleich baut die BG eine allgemein nutzbare Tiefgarage, die sich direkt an die Tiefgarage unter dem Karl-Lederer-Platz anschließt. Besucher, die vom Karl-Lederer-Platz kommen, gelangen zur Zeit nur über Umwege zur Egerlandstraße. Ein Bauzaun versperrt den direkten Weg dorthin. Wer ins Isar-Kaufhaus, zu Rewe, zum Schmid-Bäck’, zu Intersport Utzinger oder in die Paracelsus-Apotheke will, muss den Schleichweg über den Lenauweg nehmen. In die Geschäfte und Lokale im nördlichen Teil führt ein schmaler Weg hinter der Drogerie Rossmann entlang des BGZ-Gebäudes. Laut Ursula Hölzl werden demnächst Markierungen in Fuß-Form auf den Boden gemalt, um Fußgängern und Radfahrern den Weg zu weisen.

„Es sollte eigentlich kein Problem sein, uns zu finden“, sagt Rudi Utzinger vom gleichnamigen Sportgeschäft an der Ecke Egerlandstraße/Fasanenweg. Auf die Baustelle hat sich Utzinger schon vor Langem eingestellt. Zusätzlich zum stationären setzt er auf den Online-Handel. Das habe ihm bereits in der Corona-Krise sehr geholfen, sagt er. Während die Kunden in dieser Zeit überwiegend Fitness-Artikel für das Training daheim bestellt hätten, würden sie jetzt nach der Laden-Wiederöffnung Trekking-Kleidung, Tennis-Zubehör und andere Outdoor-Sportartikel kaufen. „Für uns läuft es trotz Baustelle sehr gut“, sagt Utzinger. Es gebe genug Parkmöglichkeiten mit der neuen Tiefgarage und den neu geschaffenen Plätzen vor der Petruskirche. Einziger Nachteil sei im Moment, dass wegen der Baustelle aus Platzgründen keine Waren draußen aufgestellt werden könnten. „Aber die Bauarbeiter der Firma Holzer aus Degerndorf sind alle sehr entgegenkommend, was lärmende und staubende Arbeiten betrifft. Das ist ein tolles Miteinander“, so der Sportartikelhändler und Beirat im Einzelhändlerverein ProCit.

Schilderwald: Welcher Händler wo zu finden ist, zeigen Tafeln am Bauzaun.

Auch für Frederik Holthaus, Inhaber des Isar-Kaufhaus und ebenfalls ProCit-Vorstandsmitglied, ist die Situation erträglich. „Die Geretsrieder sind inzwischen baustellenfest“, meint er scherzhaft. Seit drei Jahren werde schließlich an der „Neuen Mitte“ gebastelt. Die Kunden seien nach der Zwangsschließung froh, wieder unbeschwert shoppen zu können. Kleine Unannehmlichkeiten wie die Baustellengeräusche oder dass sie ein paar Schritte mehr laufen müssten, würden ihnen nichts ausmachen. Dass das Geschäft wegen der Sicherheitsauflagen – etwa der beschränkten Anzahl an Kunden pro Quadratmeter – erst langsam wieder anlaufe, störe ihn nicht, sagt Holthaus. Er sei recht zuversichtlich, die Baustellenzeit gut zu überstehen.

Vor dem Schaufenster des Isar-Kaufhauses stehen gerade Christa und Willi Modlmayer. Die beiden alteingesessenen Geretsrieder finden die Absperrzäune, die Umleitungen und den beengten Platz vor den Geschäften nicht so schlimm, sagen sie. „Da müssen wir jetzt durch. Danach wird alles umso schöner“, meint Christa Modlmayer. Weniger optimistisch blickt Trudi Gunnesch in die Zukunft. Die Betreiberin des Geschenke- und Dekoladens „Bellissimo“ an der nördlichen Egerlandstraße hat vorerst geschlossen. „Ich muss erst schauen, wie es mit der Baustelle weitergeht. Wenn die versprochene Wand kommt, die uns vor Staub und Dreck schützen soll, mache ich wieder auf“, sagt Gunnesch. Die Geschäftsfrau braucht die von ihr gemietete Fläche vor ihrem Geschäft, um Postkartenständer und anderes dort aufzustellen, sonst wird es drinnen zu eng. Sie sei froh, seit acht Jahren zusätzlich einen Online-Shop zu betreiben, der gut angenommen werde. Ende Mai will Gunnesch entscheiden, wann sie wieder öffnet. Ihren geliebten Laden nach 15 Jahren aufzugeben, komme für sie nicht in Frage, betont sie. Dafür mache ihr der persönliche Umgang mit ihren Kunden zu viel Spaß.

Online-Shops laufen parallel gut

Eryka Servotka gleich nebenan mit „Style & more“ denkt positiv. Durch die Baustelle würden zwar Parkplätze wegfallen – im Moment ist die ganze Reihe zwischen Apotheke und Restaurant „Il Soprano“ gesperrt –, zudem hätten die Leute weniger Lust, an der Egerlandstraße zu bummeln, sagt sie, aber ihre Stammkundinnen würden ihr die Treue halten. Da sie keinen Online-Vertrieb habe, versuche sie, den Kundinnen das Einkaufen so leicht wie möglich zu machen. Sie bringe teilweise Kleider zu ihnen nach Hause, damit die Frauen sie in Ruhe anprobieren könnten, weil sich im Moment ja auch nur zwei Kunden gleichzeitig in dem kleinen Laden aufhalten dürften.

Uwe Schoßig grenzt mit der Iris-Apotheke direkt an die Baustelle. Trotzdem seien die Beeinträchtigungen im Moment noch im Rahmen, sagt er. Teilweise sei es laut, und der Boden vibriere durch die Rüttelarbeiten. Was Schoßig wirklich kritisiert, ist, dass „weder Baugenossenschaft noch Stadt die Nachbarn über die jeweils nächsten Schritte informieren“, wie er sagt.

Schräg gegenüber hat Winfried Müller seit 41 Jahren seinen Tennis-Shop und das Optik-Studio. Er sei nicht auf Laufkundschaft angewiesen, erklärt er. „Klar, es ist dreckig, staubig und laut im Moment. Aber mit dem Parken klappt es zum Beispiel ganz gut. Man findet hier immer einen Platz, besonders seit kein Durchgangsverkehr mehr herrscht“, sagt Müller. Er lobt die Bauarbeiter. Sie bemühten sich sehr und kündigten die anstehenden Arbeiten immer an.

Umsatzeinbruch im Spezialitätenladen

Erst vor zwei Monaten hat Mohamed Shaker Hafsevgawi den „Istanbul Supermarkt“ am nördlichen Ende der Egerlandstraße eröffnet, dort, wo sich zuvor ein griechisches Spezialitätengeschäft befand. Durch die Baustelle sei der Umsatz eingebrochen, sagt der Syrer. Zum Glück habe er aber viele Stammkunden, die seine türkischen und arabischen Spezialitäten, sein frisches Obst und Gemüse sowie das Fleisch und das Fladenbrot schätzten.

Lesen Sie auch: Ein Jubiläumsbrot für Geretsried

Auf seine treuen Gäste setzt ebenfalls Emanuele Braito, Inhaber des Eiscafés „Rialto“. Schräg vor seinem Lokal wird die Einfahrt zur Tiefgarage hinabführen. „Corona war jetzt noch das Tüpfelchen auf dem i vor dem Baubeginn“, sagt Braito. Er lebe vom Sommergeschäft, mit den Einnahmen komme die Familie normalerweise über den Winter. Heuer werde es dafür nicht reichen. Vor den nächsten eineinhalb Jahren graut dem Gelatiere. Doch die Flinte ins Korn werfen werde er nicht: „1986 haben meine Eltern das Rialto eröffnet. Ich arbeite hier seit fast 20 Jahren, und ich will hierbleiben.“ Tanja Lühr

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