Zufrieden mit dem ungestalteten Karl-Lederer-Platz: Bürgermeister Michael Müller genießt den Ausblick von der Beletage des PulsG auf die „Neue Mitte“ und das Rathaus.
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Zufrieden mit dem ungestalteten Karl-Lederer-Platz: Bürgermeister Michael Müller genießt den Ausblick von der Beletage des PulsG auf die „Neue Mitte“ und das Rathaus.

Rückblick auf das außergewöhnliche Jahr 2020

Geretsrieder Bürgermeister im Interview: „Corona wird uns sicherlich noch länger begleiten“

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Hinter Bürgermeister Michael Müller liegt ein außergewöhnliches Jahr. Im Interview erzählt er, wie es ihm mit den Herausforderungen ging und was er im neuen Jahr erwartet.

Geretsried – 70 Jahre Gemeinde, 50 Jahre Stadt: 2020 sollte etwas Besonderes für Geretsried werden. Doch statt im Zeichen des Doppeljubiläums zu stehen, überschattete die Corona-Pandemie alle Pläne. Dazu kamen weitere Herausforderungen, mit denen sich Bürgermeister Michael Müller gleich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit konfrontiert sah. Wie es ihm damit ging und was er im neuen Jahr erwartet, erzählt er im Interview mit unserer Zeitung. Das Gespräch fand im Dezember in seinem Büro statt – mit Abstand und trennenden Glasscheiben.

Herr Müller, hinter Ihnen liegt ein außergewöhnliches Jahr. Das Thema Corona ist allgegenwärtig. Was hat sich für Sie durch die Pandemie verändert?

Michael Müller: Wie vermutlich für jeden von uns war das auch für mich ein ganz enormer Einschnitt ins tägliche Leben. Ich war als Student ein Semester in Japan. Da trugen die Menschen schon vor 25 Jahren Mundschutz. Doch bei uns hätten wir uns das vor einem Jahr überhaupt nicht vorstellen können. Auch daran, sich nicht mehr die Hände geben oder umarmen zu können, musste ich mich erst einmal gewöhnen.

Wie hat sich die Situation auf Ihre Arbeit im Rathaus ausgewirkt?

Michael Müller: Wir haben bauliche Anpassungen vorgenommen. So stehen auf dem Konferenztisch in meinem Büro jetzt Glasscheiben zwischen den Plätzen. Im Bereich der Digitalisierung haben wir nachjustiert und beispielsweise einen IT-Leiter eingestellt. Organisatorisch haben wir die Abläufe in der Verwaltung angepasst. Zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermeiden wir etwa Ansammlungen im Rathaus, indem wir Termine vergeben.

Seit Beginn des zweiten Lockdowns arbeiten die Rathausmitarbeiter auch wieder in zwei Schichten.

Michael Müller: Genau. Wir arbeiten, wo es möglich ist, im Wechsel vormittags im Büro und nachmittags daheim. Wir waren im Grunde seit Oktober dafür gerüstet, jederzeit den Schalter umlegen zu können. Dank der Erfahrungen im ersten Lockdown verlief das fast unmerklich. Das Rathaus ist grundsätzlich weiterhin geöffnet, auch wenn die Eingangstür abgeschlossen ist. Man bekommt für alles, was man möchte, einen Termin. Je nach Dringlichkeit früher oder später.

Wie geht es Ihnen persönlich mit der Situation?

Michael Müller: Es ist eine Umstellung. Gerade als Bürgermeister, als politisch agierender Mensch bin ich von der persönlichen Begegnung abhängig. Seit einem Dreivierteljahr sind gewisse Bereiche ausgeknipst. Man kann sich zwar auch anders bemerkbar machen, aber das Amt lebt von persönlichen Begegnungen. Natürlich hat jede Medaille aber auch zwei Seiten. Es gibt nun Phasen der Ruhe, die ich vorher nicht hatte. Das schafft mehr Gelegenheit zur Reflexion.

Das kommt ja sehr passend zum Beginn Ihrer zweiten Amtszeit.

Michael Müller: Ja. Wobei ich sicher auch für das Programm gewählt wurde, mit dem ich angetreten bin. Durch die Corona-Pandemie wurde nun allerdings einiges ausgebremst. Der alte Stadtrat konnte nicht vernünftig verabschiedet werden. Und für den neuen ist die Gremienarbeit schwieriger geworden.

Inwiefern?

Michael Müller: Anfangs haben wir uns in allem vertagt. Über den Sommer ist es dann etwas angelaufen, jetzt soll wieder nur das Nötigste entschieden werden. Der neue Stadtrat kann unter den gegebenen Umständen nur schwer zusammenwachsen. In Sitzungen sind alle über den riesigen Ratsstubensaal verteilt, wir können uns nicht bei politischen Stammtischen austauschen und nonverbale Kommunikation funktioniert mit der Mund-Nasen-Maske natürlich auch nicht. Aus diesen Gründen war beispielsweise die Diskussion um das Parkraumkonzept im Zentrum auch so schwierig.

Wie geht es nun weiter?

Michael Müller: Ich bin überzeugt, dass die neuen Stadträte in das Kollegialorgan hineinwachsen. Wir versuchen, das Schiff auf Kurs zu halten, und ich meine, das ist uns bislang gelungen. Es ist ja nicht so, dass wir nichts vorangebracht hätten. Mit dem neuen Wohnquartier an der Banater Straße haben wir eine richtungsweisende Entscheidung getroffen. Und was die Diskussion um das Parkraumkonzept angeht: Unsere Arbeit lebt von unterschiedlichen Meinungen. Am Ende zählt, dass wir einen Beschluss fassen. Und da mache ich mir auch beim neuen Stadtrat keine Sorgen. Wir werden in alter Tradition zum Wohle der Stadt Geretsried handeln.

Der Wohnungsbau an der Banater Straße und das Parkraumkonzept für die „Neue Mitte“ waren wichtige Themen im Jahr 2020. Was steht 2021 an?

Michael Müller: Nicht allein im neuen Jahr, sondern in der gesamten neuen Amtsperiode lautet das Credo: Kindergärten und Schulen haben Vorrang. Zudem wird uns das Thema Digitalisierung weiterhin beschäftigen, durch die Corona-Pandemie sicher noch stärker als gedacht. Und der dritte Punkt, auf den wir uns konzentrieren wollen, ist Mobilität und Verkehr. Dabei spielen natürlich auch Klima und Umwelt eine Rolle.

Das müssen Sie erklären.

Michael Müller: Wir stehen vor der viel beschworenen Verkehrswende. Nun stellt sich die Frage, inwieweit es angesichts des Klimawandels und der sich verändernden Rahmenbedingungen gelingt, andere Verkehrsmittel als das bis dato privilegierte Auto in unserer Stadt zu etablieren. Dass wir uns dabei schwertun, haben wir bei besagter Diskussion über das Parkraumkonzept gemerkt. Zwei Tagesordnungspunkte zuvor hat der Stadtrat einstimmig und ohne Diskussion dafür gestimmt, den motorisierten Individualverkehr aus der Stadt bekommen zu wollen. Und dann plädieren manche für kostenfreies Parken auf dem Karl-Lederer-Platz.

Um bestehende Strukturen zu ändern, muss die Stadt auch Geld in die Hand nehmen.

Michael Müller: Das zeigt sich beim Stadtbus. Wenn wir ihn stärken wollen, müssen wir an anderer Stelle sparen. Gleiches gilt für die fahrradfreundliche Kommune. Wir haben mit großer Euphorie gesagt, da machen wir mit. Jetzt müssen wir auch die nötigen Mittel und Ressourcen zur Verfügung stellen. Ich will nicht sagen, dass wir das Geld nicht haben. Es verlagert sich nur.

Sie sagen verlagern. Stehen durch die Corona-Pandemie nicht weniger Mittel zur Verfügung?

Michael Müller: Natürlich. Die Gewerbesteuereinnahmen werden sinken. Jetzt noch nicht so viel. Aber wir werden den Einbruch 2022, 2023 deutlich spüren. Es wird keinen desaströsen Zusammenbruch geben, aber es ist absehbar, dass es schwieriger wird. Wir werden Schwerpunkte setzen müssen. Das ist wie in der Familie: Man träumt vom Urlaub auf den Malediven, am Ende wird es aber dann doch „nur“ der Schwarzwald.

Was bedeutet die fortschreitende Digitalisierung für die Stadt?

Michael Müller: Wir brauchen eine moderne Verwaltung und müssen das Thema in den Schulen voranbringen. Wir stehen hier in der Diskussion mit dem Freistaat, der sachzuständig ist. Für Eltern und Schüler ist natürlich entscheidend, dass wir schnell zu Lösungen kommen. Aber es geht dabei eben nicht nur um die Anschaffung von Geräten, sondern auch um deren dauerhafte Betreuung. Dafür sind die Gemeinden und der Landkreis noch nicht gerüstet.

Warum?

Michael Müller: Früher hat man als Sachaufwandsträger eine Tafel mit einer Packung Kreide und später vielleicht einen Beamer hingestellt. Aber fürs Homeschooling brauchen wir eine ganz andere technische Infrastruktur, die ebenfalls betreut werden muss. Da nützen uns auch Zusagen des Freistaats für finanzielle Unterstützung nichts. Wir brauchen die IT-Leute, um Tausende von Schülern versorgen zu können. Und dazu kommt die unglückselige Privatisierung der Telekommunikation vor Jahrzehnten. Alle fordern schnellere Leitungen, aber wir als Kommune haben dabei keine Entscheidungskompetenz, das wird nach wie vor oft vergessen.

Das dritte Thema, das Sie angesprochen haben, ist die Kinderbetreuung. Es werden immer wieder fehlende Plätze angemahnt. Wie sieht es aktuell aus?

Michael Müller: Wir erreichen in Geretsried eine Betreuungsquote von über 90 Prozent. Zum Vergleich: Dieser Wert liegt im Landkreis bei 76 Prozent. Ich weiß aber, dass das Eltern nichts nützt, die auf einen Platz warten. Faktisch haben wir 1497 Betreuungsplätze in Krippe, Kindergarten und Hort geschaffen und damit mehr, als wir absolut an Kindern haben. Um diese Plätze voll ausschöpfen zu können, brauchen unsere Träger ausreichend Personal. Ich will es aber nicht auf sie allein abwälzen. Das Thema bleibt eine Herausforderung. In der Gesamtheit muss man eben aber auch anerkennen, dass die Stadt eine ganze Menge macht.

Das wäre?

Michael Müller: Wir zahlen 9 Millionen Euro Zuschüsse an Betreuungseinrichtungen. Das ist der höchste Anteil an Zuschüssen, den die Stadt überhaupt ausschüttet. Im vergangenen Jahr haben wir eine Großtagespflege genehmigt, Einrichtungen der Caritas, der AWO und in Gelting erweitert. Und wir gehen davon aus, dass die Gebäude für die Mittagsbetreuungen an den beiden Grundschulen im ersten Quartal 2021 fertiggestellt werden können. Der Bauablauf läuft gut, aber es gibt coronabedingt natürlich einige Einschränkungen, auf die wir keinen Einfluss haben. Wir hoffen, dass wir die zwei Einrichtungen Mitte Februar in Betrieb nehmen können.

Was steht diesbezüglich nächstes Jahr auf dem Aufgabenzettel?

Michael Müller: Wir arbeiten weiter an den Planungen für eine neue Kindertagesstätte mit zehn Gruppen an der Johann-Sebastian-Bach-Straße. Und im Bereich der Schulen wird die Mittelschule das zentrale Thema sein. Hier wollen wir 2021 mit dem Anbau starten. Und weiterhin beschäftigt uns die Suche nach einem Standort für eine dritte Grundschule. Darüber kann ich aber nicht öffentlich philosophieren.

Wie sieht es mit dem Bürger- und Jugendhaus aus, das in Stein gebaut werden soll?

Michael Müller: Die Planungen laufen. Der Stadtrat hat beschlossen, die Kosten auf 7 Millionen Euro zu deckeln. Das führt zu Abstrichen, die gerade eingearbeitet werden. Das Ergebnis wird dann dem Stadtrat vorgestellt, damit er abschließend entscheiden kann. Parallel sind wir mit den Fördergebern in Gesprächen. Von diesen Mitteln hängt das Projekt ebenfalls ab.

Sprechen wir noch kurz über die anderen Baustellen der Stadt. Im neuen interkommunalen Hallenbad hat es gebrannt. Eigentlich sollte es im März eröffnen.

Michael Müller: Wir müssen von einer Verzögerung von mindestens zwei Monaten ausgehen. Es ist aber schwer zu sagen, da auch hier das Corona-Delta eine Rolle spielt.

Fotos: Ein Rundgang durch das fast fertige Hallenbad

Zum Thema Hallenbad: Wie geht es in der Diskussion um die Nutzungsgebühren für Geretsrieder Wassersportvereine weiter?

Michael Müller: Das ist keine Entscheidung, die der Bürgermeister alleine trifft. Wir werden im Stadtrat im Rahmen der Haushaltsdiskussion entscheiden, wie wir mit der Thematik umgehen. Wir müssen die Zahlen in der Gesamtheit sehen. Wenn ich an einer Stelle Geld ausgebe, muss ich es woanders einsparen.

Wie sieht es mit der Überdachung und Sanierung des Eisstadions aus?

Michael Müller: Die Fertigstellung und Abnahmen laufen. Wir bemühen uns, das bis Anfang 2021 hinzubekommen. Dann kann die neue Spielsaison hoffentlich gut starten, und das Eisstadion wird auch als Versammlungsstätte zugelassen sein. Derzeit ist der Spielbetrieb bekanntlich ebenfalls coronabedingt ausgesetzt.

Der Karl-Lederer-Platz ist soweit fertig?

Michael Müller: Ja, er ist fertig. Jetzt geht es um letzte Schönheitskorrekturen, außerdem werden im Frühjahr noch Kunstwerke aufgestellt.

Wie gefällt Ihnen der umgestaltete Platz?

Michael Müller: Gut. Er wird dem, was wir geplant haben, gerecht. Im goldenen Herbst habe ich beobachtet, dass er auch am Wochenende gut angenommen wurde. Das hat es vorher nicht gegeben. Die Menschen kaufen sich etwas zu Essen, nehmen sich die Stühle und setzen sich in die Sonne. Mit den belebenden Elementen auf dem Platz haben wir also in die richtige Richtung geplant. Über die eine oder andere Ergänzung kann man sicher noch diskutieren, gerne auch im Dialog mit den Bürgern, die den Platz nutzen. Mir ist wichtig, dass wir die Autos vom Platz bekommen. Und darüber hinaus wird die Frage sein, wie wir den Platz bespielen. Er eignet sich hervorragend für Veranstaltungen. Wir hatten für unser Jubiläumsjahr 2020 gute Konzepte. Dass es gut funktioniert, zeigt der Grüne Markt. Er ist ja bereits umgezogen.

Vor der Umsetzung der Umgestaltung gab es Kritik an den Plänen. Welche Reaktionen schlagen Ihnen nun entgegen?

Michael Müller: Unser subjektives Gefühl entspricht im Grunde der Online-Umfrage, die Ihre Zeitung durchgeführt hat. Zwei Drittel finden die Umgestaltung gut, ein Drittel nicht. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv, oft kommen sie auch mit Verbesserungsvorschlägen, die wir gerne aufnehmen. Sicher wird es nochmals einen Schub geben, wenn die Neubauten an der Egerlandstraße fertig sind, weil dann die Gesamtkonzeption erkennbar wird.

Sie haben es erwähnt. Das geplante Fest der Kulturen auf dem Karl-Lederer-Platz war coronabedingt nicht möglich. Fast alle geplanten Veranstaltungen zur Feier des Doppeljubiläums mussten ausfallen. Sie haben im neuen Jahr viel nachzuholen.

Michael Müller: Das Jubiläumsjahr ist mit unserer Auftaktveranstaltung gut gestartet. Die ist sehr gut angekommen. Dass wir danach viele Veranstaltungen absagen mussten, ist schade. Es gab viele gute Ideen. Das ist auch frustrierend für alle Kolleginnen und Kollegen. Sie haben viel Arbeit und Mühe in die Planung gesteckt. Auch viele Vereine und Verbände hatten sich beteiligt. Ihnen allen bin ich sehr dankbar. Wir hätten an allen Terminen gutes Wetter gehabt, das ärgert uns natürlich zusätzlich. Aber wir haben uns mit dem Isar-Sommer und dem Isar-Winter um Alternativen bemüht. Auch einen Ersatz für den Waldsommer gab es. So wollen wir nun auch weitermachen. Natürlich immer angepasst an die jeweilige Situation. Corona wird uns sicherlich noch länger begleiten.

Was ist bereits konkret geplant?

Michael Müller: Den Kulturherbst haben wir ja auf 2021 verschoben. Außerdem wollen wir ein Fest der Kulturen veranstalten und auch auf unseren Waldsommer werden wir wieder setzen.

Worauf freuen Sie sich im neuen Jahr?

Michael Müller: Auf viele persönliche Begegnungen. Das fehlt einfach.

sw

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