+
Endgültig Geschichte: Die Chorvereinigung unter Leitung von Werner Sebb bei einem ihrer beliebten Adventssingen in den Ratsstuben. 

Der Schlussakkord

Die Geretsrieder Chorvereinigung  hat sich endgültig aufgelöst

Die Chorvereinigung Geretsried trat zuletzt nur noch im kleinen Kreis auf. Jetzt hat sie sich endgültig aufgelöst. Der Schlusspunkt unter eine fast 155-jährige Geschichte.

Geretsried – 14 gleichgesinnte Herren trafen sich am 2. Juli 1864 in einem Gasthaus in Tachau im Egerland, um mit der „Liedertafel Tachau“ den ersten Verein der Stadt zu gründen. Das Amt des Chorleiters übernahm ab 1925 Karl Kugler. Nach seiner Entlassung aus einem tschechischen Konzentrationslager 1946, nahm er seine musikalische Tätigkeit im Lager Buchberg in Geretsried wieder auf. Mit einer stattlichen Mitgliederzahl und regelmäßigen Proben beschloss die Singgruppe die Gründung eines satzungsgemäßen Vereins. Im Oktober 1951 entstand die Chorvereinigung Geretsried. Fast sieben Jahrzehnte später erklingt jetzt der Schlussakkord.

Bereits im Oktober 2010 beschlossen die Vereinsmitglieder, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. „Ich hielt es mit der Devise: Lieber rechtzeitig aufhören, als wenn es dann irgendwann heißt ,Was, der macht das immer noch…?´“, erklärt Werner Sebb, seit 41 Jahren Chorleiter. Die Sängerinnen und Sänger veranstalteten von da an nur noch Sommer- und Adventskonzerte im Seniorenheim und traten bei internen Festlichkeiten wie Geburtstagen auf. Der Altersdurchschnitt der Musiker liegt heute bei 77, Nachwuchs ist keiner in Sicht.

Das geringe Interesse der jungen Menschen begründet der Geretsrieder mit dem Repertoire der Chorvereinigung. In der Vereinssatzung heißt es: „Der Verein bezweckt die Pflege der menschlichen Stimme an gutem Chor- und Liedgut zur Förderung deutscher Art und Volksbildung, unter besonderer Betonung des Volksliedes.“

Diese Beschreibung entspräche nicht mehr der modernen Auffassung, so Sebb. „Chöre aus der Region, die Werke zeitgenössischer Komponisten singen, meistens in englischer Sprache, haben guten Zulauf.“ Er aber habe sich stets verpflichtet gefühlt, den Maximen der Liedertafel Tachau zu folgen. Von den 41 Chormitgliedern erscheint meistens nur noch die Hälfte zu den Proben. „Mit dem Alter kommen Erkrankungen“, erklärt der Chorleiter. Auch die leichte Zugänglichkeit zu Musik fördert den Schwund an Chorsängern. „Wer Musik hören will, musste früher Veranstaltungen besuchen oder – noch besser – selbst musizieren“, erinnert sich der Dirigent. Heute hat jeder Interessierte mit Internetanschluss in sekundenschnelle Musik aus allen Genres zur Verfügung, und das meistens kostenlos.

Mit der Geschichte des Chores in Geretsried kann Werner Sebb Seiten füllen. Das hat er in einer Ausgabe der „Geretsrieder Hefte“ im Jahr 2011 bewiesen. Auf 30 Seiten berichtet er von Entstehungsgeschichte, Vereinstätigkeit und Konzerten. „In den 1950er bis 70er Jahren war die Chorvereinigung wesentlich am kulturellen Geschehen in Geretsried beteiligt“, sagt er. Von der Gemeindegründung über den Festakt zur Stadterhebung bis zur Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde mit dem französischen Chamalières waren die Sänger mit von der Partie. Auch für die nicht existierenden Kirchenchöre in den Pfarreien Heilige Familie und Maria Hilf agierten sie stellvertretend. „1978 installierten wir das über mehr als 30 Jahre veranstaltete Geretsrieder Adventssingen“ , erzählt der pensionierte Chemie-Ingenieur, der 2018 mit dem Kulturpreis Stadt ausgezeichnet wurde.

Auch lesenswert: Warum Chöre immer noch im Trend sind

Schweren Herzens haben sich die Sänger des mit Abstand ältesten Chores in Geretsried Ende März dieses Jahres für ihre Auflösung entschieden. Trotzdem treffen sich die Mitglieder einmal im Monat zu einem Stammtisch, der bislang regen Zuspruch erfährt. Am 6. Oktober 2019 hätte die Chorvereinigung Geretsried das 155-jährige Bestehen ihrer Vorgängerin, der Liedertafel Tachau, feiern können. „Dazu ist es nicht mehr gekommen“, bedauert Sebb. „All dies ist nun Geschichte und damit ein interessanter Teil der facettenreichen Geretsrieder Historie.“

Leonora Mitreuter


Lesen Sie auch: Warum ein Chor mitten im Sommer Weihnachtslieder singt

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Josefstrakt wird zu einer Herberge der besonderen Art
Der Josefstrakt des Kloster Beuerberg - einst ein Mädchenpensionat, später Frauen-Erholungsheim - soll zu einem dörflichen Treffpunkt werden - samt Hotel.
Josefstrakt wird zu einer Herberge der besonderen Art
Neubau an der Egerlandstraße: Sparkasse auf der Zielgeraden
Die Sparkasse will ihr Gebäude an der Egerlandstraße abreißen und neubauen. Aktuell liegt der Bebauungsplan aus. Der Abbruch soll nächstes Jahr beginnen.
Neubau an der Egerlandstraße: Sparkasse auf der Zielgeraden
ESC: Merl mit Vollstreckerqualitäten
Eishockey-Bayernligist Geretsried gewinnt gegen Bad Kissingen in der Verlängerung mit 3:2.
ESC: Merl mit Vollstreckerqualitäten
Geretsrieder Grundschüler lernen schneller schwimmen
Dank eines Projekts von Deutscher Lebensrettungsgesellschaft und Gesundheitskasse AOK lernen die Mädchen und Buben der Karl-Lederer-Grundschule schneller schwimmen.
Geretsrieder Grundschüler lernen schneller schwimmen

Kommentare