Eine zerstörte Straße, auf der sich Schutt stapelt
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Ein Bild der Zerstörung: Beim Hilfseinsatz im Landkreis Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) machte die Geretsriederin Claudia Hermann dieses Bild. Die Orte sind von den Fluten vor zwei Wochen noch immer verwüstet.

BRK im Katastrophengebiet um Ahrweiler

Geretsrieder helfen ehrenamtlich im Hochwassergebiet: „Es ist wie im Fernsehen – nur schlimmer“

  • VonDominik Stallein
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Ganze Ortschaften sind von der Gewalt der Fluten zerstört. Zehn Geretsrieder haben im Hochwassergebiet gearbeitet. Die Bilder möchten sie am liebsten vergessen.

Die Bilder möchte Claudia Hermann am liebsten vergessen. Entgleiste Züge, die mitten in einem Feld stehen, als wären sie vom Himmel gefallen. Wohnwagen, die von der Flut mitgerissen wurden, die Wracks stapeln sich. Eisenbahnschienen, die von der verheerenden Gewalt der Natur aufgedreht wurden wie Spiralen. Und daneben verzweifelte Menschen, die ihr Hab und Gut in den Fluten verloren haben.

Vier Tage lang arbeitete Hermann, Mitglied des Geretsrieder BRK-Ortsverbands, im Hochwassergebiet rund um Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz. „Es ist dort wie im Fernsehen“, sagt sie. „Nur schlimmer.“ 150 Ehrenamtliche aus verschiedenen Rettungsorganisationen gehörten zu dem Konvoi, mit dem Hermann unterwegs war. Zehn davon sind Mitglieder des BRK Geretsried. Auch Thomas Pieper saß im Bus mit der Endstation Katastrophengebiet.

Seine Freundin hatte Bauchschmerzen beim Gedanken an den Einsatz. Beim Ehrenamtlichen setzte das erst später ein

Für den 39-Jährigen war es eine Selbstverständlichkeit, zu helfen. Seine Familie hatte jedoch Bedenken. „Ich konnte nicht sicher sagen, wo ich hinfahre. Es hätte sein können, dass ich drei Tage lang kein Handynetz habe und niemand zuhause etwas von mir hört“, sagt der Familienvater. Und das in einer Zeit, in der Meldungen die Runde machten, dass Feuerwehrleute ins Krisengebiet ausrückten und nie mehr nach Hause kamen. „Mein Sohn fand meinen Einsatz nicht toll und meine Freundin hatte ein bisschen Bauchschmerzen“. Letzten Endes war sie aber einverstanden. „Sonst wäre ich nicht gefahren.“

Ein flaues Gefühl im Magen hatte Pieper auch – das stellte sich aber erst später ein. Als er am vergangenen Sonntag um ein Uhr nachts in Geretsried in den Bus stieg, war noch alles in Ordnung. „Die Stimmung war okay. Wir haben noch geplaudert, manchmal sogar gelacht.“ Aber mit jedem Kilometer, den die Ehrenamtlichen der Katastrophe näher kamen, wurde die Atmosphäre im Bus angespannter. Die Gespräche verstummten. „Am Schluss waren wir komplett ruhig“, erinnert sich Pieper. Jedem dämmerte: „Das ist keine Klassenfahrt.“ Hermann beschreibt die letzten Minuten im Bus so: „Wir hatten alle die Hoffnung, dass die Lage ein bisschen besser ist als wir befürchtet haben.“ Dann blickte sie aus dem Fenster – „es war immer noch ein einziges, riesiges Chaos.“

Das Postkartenpanorama wurde komplett weggespült. In den Gesichtern der Menschen steht die pure Verzweiflung

Die Geretsrieder wurden zur Hilfe in kleinen Dörfern eingeteilt. Ahrbrück, Kesseling, Dernau hießen ihre Einsatzorte. Eigentlich sind das idyllische Orte mit Weinbergen, hübschen Kapellen und Berghütten. Das Postkarten-Panorama wurde komplett weggespült. „Teilweise gibt es keine Straßen mehr, Menschen können nicht in ihre Wohnungen. Wasser holen sie nur noch aus großen Tonnen. In der Nacht sind die Orte stockfinster, weil es keinen Strom gibt“, berichtet Hermann.

Zurück in Geretsried: Claudia Hermann (33) genießt die Ruhe, Thomas Pieper (39) ist inzwischen erneut in Katastrophengebiet im Einsatz.

Der Tross des BRK richtete vor Ort Stationen für die ehrenamtlichen Helfer ein. Aus einer Turnhalle wurde eine Unterkunft für über 200 Menschen. Die Geretsrieder organisierten eine Essensausgabe für Polizisten, Ehrenamtliche – und für die Anwohner, die ihr Zuhause verloren haben. „Manche haben sich nicht getraut, so viel Essen von uns zu nehmen, wie sie eigentlich brauchen“, sagt Hermann. Unfassbare Verzweiflung stand den Menschen ins Gesicht geschrieben – und Dankbarkeit. Die Geretsrieder versorgten zudem Helfer, die sich bei ihren Einsätzen verletzt hatten. Kurzum: Die Geretsrieder machten einen Knochenjob, der sie auch psychisch extrem belastete.

Wann immer Ihr Zeit habt: schlaft! Niemand weiß, wann ihr es das nächste Mal könnt

Dienstanweisung an die Ehrenamtlichen

„Den ersten Einsatz habe ich um 6 Uhr morgens angefangen. Erst um 3 Uhr nachts bin ich ins Bett gefallen“, erinnert sich Pieper. Dazwischen lagen 21 Stunden harte Arbeit. Für die Helfer gab es die Dienstanweisung: „Wann immer Ihr Zeit habt: schlaft! Niemand weiß, wann ihr es das nächste Mal könnt.“

Thomas Pieper ist schon wieder im Einsatz

Nach vier Tagen kehrten die zehn Geretsrieder völlig abgekämpft nach Hause zurück. Für Thomas Pieper war es nur ein kurzer Besuch in der Heimat. Er ist inzwischen zum zweiten Mal in Rheinland-Pfalz, um zu helfen. Diesmal im Kommunikations-Team, das die Helfer einteilt und den Überblick behält, so weit das inmitten des Chaos möglich ist.

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Claudia Hermann hingegen ist froh über die Ruhe, die sie – zurück in Geretsried – genießt. „Man lernt die völlige Normalität zu schätzen, wenn man die Situation dort gesehen hat“, sagt sie. Und dann erklärt die 33-Jährige fast ein wenig verwundert über die eigenen Worte, wie sehr sie sich über Wasser aus der Leitung, eine funktionierende Toilette, Strom oder befahrbare Straßen freuen kann. Und darüber, ihre achtjährige Tochter wieder in den Arm nehmen zu können.

Auf die Fragen ihrer Tochter möchte Hermann nicht antworten - um sie zu schützen

Die Kleine stellte der Mama nach deren Rückkehr viele Fragen. „Ich erkläre ihr, was wir gemacht haben. Dass wir Menschen geholfen und Essen verteilt haben.“ Die Details über die zerstörten Ortschaften behält die Mutter für sich. „Ich möchte ihr nicht alles erzählen.“ Selbst wenn sie wollte – sie könnte ihre Eindrücke ohnehin nicht in Worte fassen. „Man kann sich nicht vorstellen, wie es dort zugeht, wenn man nicht selbst dabei gewesen ist.“ So wie die zehn Ehrenamtlichen aus Geretsried.

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