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Erinnerungsfoto: Das Bild zeigt Familie Smutny mit Werksmeister Josef Schwarzbach (li.), Rudolf Smutny (5. v. li.) mit seiner Ehefrau Zita (4. v. li.), ihre Mutter Julie Wünsche (3. v. li.), davor Zita Smutnys Nichte Ursula von Cyssewski und die beiden Neffen Dietmar und Jochen Wünsche vor dem Wohlfahrtsgebäude 151.

Erst Spielzeug, dann Fassadenelemente

Geretsrieder Wirtschaftswunder: Zita Smutny erzählt die Geschichte ihrer Firma

In der Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort Geretsried legten. Heute: die Familie Smutny aus dem Sudetenland. Firmengründerin Zita Smutny hat die Geschichte dokumentiert.

Geretsried – Im September 1945 wurde ich aus meiner Heimatstadt Reichenberg im Sudetenland in der damaligen Tschechoslowakei ausgewiesen. Dort hatten mein Mann, der Ingenieur Rudolf Smutny, mein Bruder Franz Wünsche und ich, Zita Smutny, einen Handel für Personen- und Lastkraftwagen mit Werkstatt, einen Auto-Import für die Marken Borgward und Henschel und eine Fertigung für Sonderkarosserien geführt. Wir beschäftigten über 130 Mitarbeiter.

Nach der Vertreibung kam ich mit meinem Bruder, seiner Frau und ihren vier Kindern nach Immenstadt im Allgäu. Zu meinem Mann, der kurz vor Kriegsende in russische Gefangenschaft geriet, hatte ich den Kontakt verloren. Nun hieß es, sich eine neue Existenz aufzubauen. Wir gründeten die „Allgäuer Spielwarenfabrik“ und beschäftigten schon nach kurzer Zeit 30 Mitarbeiterinnen. Wir fertigten Märchenquartette. Das waren Puzzles aus Holzwürfeln, beklebt mit verschiedenen Märchenbildern. Wegen der Kontingentierung hatten wir immer wieder Schwierigkeiten bei der Beschaffung des Holzes. Die Fertigung war provisorisch im Tanzsaal eines Gasthauses untergebracht, und auch der Standort Immenstadt war nicht ideal. Erkundigungen bei der Landesplanungsbehörde brachten die Lösung. Am 9. Oktober 1946 erhielten wir die Einweisung nach Geretsried. Am 22. April 1947 wurde die „Vereinigte Holz- und Metallwarenbetriebe GmbH“ gegründet, die auch Spielwaren herstellte. Produziert wurde in den Bunkern 71 und 72 an der heutigen Spreestraße.

Verwüsteter Bunker wird Betriebsstätte

Die Familie meines Bruders und ich wohnten anfangs im sogenannten Gästehaus, in dem später die erste Volksschule von Geretsried untergebracht war (heute Caritas-heim St. Hedwig an der Adalbert-Stifter-Straße). Später sind wir ins Wohlfahrtsge-bäude 151 am Keplerweg umgezogen. Da dieses Gebäude während der Demontage 1946 und anschließend von Plünderern verwüstet worden war, mussten wir es notdürftig herrichten. Mit den spärlich vorhandenen Materialien wurden Zwischenwände mit Türen eingebaut und Fußböden verlegt. Die Gebäude waren nicht isoliert, und mit dem alten Kanonenofen war unsere Unterkunft nicht wirklich warm zu bekommen. Unser größter Luxus war eine alte Zinkbadewanne, die wir ergattert hatten. So konnten wir baden und mussten nicht über den Flur in die eiskalten Gemeinschaftswaschräume gehen. Ein großer Schritt nach vorn war die Anschaffung eines Beistellherds der Firma Golde zum Kochen und Beheizen der Küche.

Gründete die Firma: Zita Smutny.

Um uns innerhalb der mit Stacheldraht gesicherten ehemaligen Munitionswerke bewegen zu können, benötigten wir einen amerikanischen Ausweis mit Fingerabdruck und eine Armbinde. Nachts durften wir die Gebäude generell nicht verlassen. Das wäre auch schwierig gewesen. Es gab keine Straßenbeleuchtung, und man konnte sich in dem Wegegeflecht innerhalb der Anlage leicht verlaufen. Ich erinnere mich daran, dass sich jemand, der sich nicht ans nächtliche Ausgehverbot hielt, bis ins Königsdorfer Moor verirrt hatte.

Mit der Fertigung von furnierten, hochglanzlackierten Gehäusen für einen Radiohersteller erweiterten wir die Produktion. So konnten wir einen neuen Opel Blitz anschaffen, den ersten Lastwagen in Geretsried. Dieser leistete uns lange Zeit treue Dienste. Es war erstaunlich, welche Treibstoffe der Motor verkraftete. Eines Tages wurde dem Benzin zu viel Fremdgemisch beigefügt, sodass unser Blitz auf dem Wolfratshauser Berg mit lautem Knall seinen Dienst einstellte. Nun musste die Spedition Helmrich, die außer der ersten Buslinie auch einen alten Lastwagen besaß, vorübergehend die Transporte übernehmen.

Um rationeller fertigen zu können, bestellten wir eine Verleimpresse. Ich holte diese mit unserem Lastwagen in Köln ab und zahlte, da uns noch keine Kredite gewährt wurden, einen Teil des Kaufpreises mit Butter und Gablonzer Glasschmuck. Den Schmuck hatte meine Mutter, die zwischenzeitlich mit meinen beiden Schwestern und deren Kindern nach Geretsried gekommen war, aus der alten Heimat mitgebracht. Auf dem Rückweg von Köln wollte ich noch Werkzeuge kaufen und diese ebenfalls gegen Lebensmittel tauschen. Aber als ich auf einer Rheinbrücke anhalten musste, sprang ein Mann auf die Ladefläche und stahl die beiden Koffer mit Butter, die damals sehr wertvoll waren.

Erst im Juni 1948 kam mein Mann aus der Gefangenschaft zurück. Er hatte uns über die Kontaktadresse eines früheren Autolieferanten gefunden. Nach einer Odyssee durch russische Gefangenenlager und dem sicheren Tod in einem Uranbergwerk nur knapp entkommen, war er schwer gezeichnet. Er wurde in ein Erholungsheim eingewiesen. Schon bald konnte er mit mir die Leitung des Betriebs übernehmen.

Junge Firma steht knapp vor dem Aus

Als der Radiohersteller zahlungsunfähig wurde, stand unser junger Betrieb kurz vor dem Aus. Zu dieser Zeit hatte sich in einem Bunkergebäude am Keplerweg die Firma „Holle Bettfedern- und Daunenfabrik“ niedergelassen. Sie verarbeitete Daunen zu Decken und Kopfkissen. Bevor die Daunen gewaschen wurden, mussten sie von grobem Schmutz gereinigt werden. Um diese Arbeit rationell ausführen zu können, konstruierte der Inhaber der Firma zusammen mit unserem Meister Josef Schwarzbach eine Bettfedernreinigungsmaschine. Der Prototyp lief so gut, dass die Firma Holle noch zwei weitere Maschinen bestellte und diese später bis nach Italien verkauft wurden.

Als in München die ersten durch den Krieg zerstörten Häuser wieder aufgebaut wurden, waren Fenstern und Türen gefragt. Unser erster großer Auftrag kam von einer großen Versicherung. Es folgte ein Auftrag für Schaufensteranlagen sowie der Innenausbau eines namhaften Münchner Feinkostgeschäfts, das es heute noch gibt.

Aufträge waren damals rar und von der heimischen Konkurrenz heftig umkämpft. Als Flüchtlinge mussten wir billiger sein und die bessere Qualität liefern. Mein Mann fuhr oft morgens mit dem ersten Bus – dieser musste meistens von den Fahrgästen angeschoben werden, da er nicht ansprang – zum Bahnhof nach Wolfratshausen und von da aus weiter mit der Isartalbahn nach München. Dort war er bis zum Abend zu Fuß unterwegs, um bei Wohnungsbaugenossenschaften, Architekturbüros und Bauämtern Aufträge für Schreinerarbeiten zu erhalten. Oft kam er so spät nach Wolfratshausen zurück, dass der letzte Bus nach Geretsried schon abgefahren war und er zu Fuß gehen musste. Wenn die Angebote kurzfristig abgegeben werden mussten, saß ich die ganze Nacht am Schreibtisch, um die Preise zu kalkulieren. Die Ausschreibungsunterlagen erhielten wir nur in einfacher Ausfertigung. Also mussten diese alle mit der Schreibmaschine abgetippt werden.

Aus der Vogelperspektive: der Betrieb Mitte der 1980er Jahre.

Große Erleichterung brachte die Anschaffung unseres ersten Volkswagens. So konnte mein Mann, wenn der Bus wieder einmal nicht fuhr, Geretsrieder nach Wolfratshausen oder München mitnehmen. Nachts klopfte es öfter an unserer Tür, wenn bei einer Frau die Wehen eingesetzt hatten oder jemand schwer erkrankt war und das Sanitätsauto kaputt war oder sich in einer Schneewehe festgefahren hatte. Einmal erreichte mein Mann das Krankenhaus in Wolfratshausen nur knapp, bevor das Kind zur Welt kam.

Ein weiteres Problem für unseren jungen Betrieb war die Finanzierung größerer Aufträge. Da wir die Hallen und das Büro von den Bayerischen Montanwerken München nur gemietet hatten und den Banken nur geringe Sicherheiten bieten konnten, waren wir auf die pünktliche Zahlung unserer Kunden angewiesen. Glücklicherweise gelang es meinem Mann, das Vertrauen zweier Sägewerksbesitzer zu gewinnen, die bereit waren, Holz ohne Vorauszahlung zu liefern. Einer von ihnen war ein Kriegskamerad meines Mannes.

Als mein Mann im Wirtschaftsministerium vorstellig wurde, um ein Aufbaudarlehen zu beantragen, traf er dort auf einen Mann, der ebenfalls seine Heimat im Sudetenland verloren hatte und unserer Firma aus den finanziellen Engpässen helfen wollte. Um sich ein Bild von unserem Betrieb machen zu können, avisierte er einen Besuch in Geretsried. Gerade zu diesem Zeitpunkt hatten wir wieder einmal weder Aufträge noch Material. Um trotzdem den Eindruck eines laufenden Betriebs vermitteln zu können, wurde einer der Gesellen angewiesen, zu dem Zeitpunkt, als der Herr aus dem Ministerium die Bunkerhalle betrat, eine stark verzogene Buchenbohle durch die Dickenhobelmaschine zu lassen, damit diese viel Lärm machte. Die Vorführung klappte, und der Herr aus München meinte: „Bei Ihnen brummt’s ja richtig.“ Aus diesen ersten Kontakten entstand eine enge Freundschaft. Der Herr aus dem Ministerium hatte die Vorführung natürlich durchschaut, wollte uns aber helfen.

In der Folgezeit stieg die Zahl der Aufträge. Wir benötigten mehr trockenes Schnittholz, als in den umliegenden Sägewerken zur Verfügung stand. Also entschlossen wir uns, eine eigene Trockenkammer mit Späneheizkessel in den Bunker Nummer 72 einzubauen. Anfang der 1950er Jahre gab es noch keine zentralen Späneabsauganlagen. Daher waren zwei Arbeiter ständig damit beschäftigt, die Späne und das Sägemehl an den Maschinen aufzukehren und mit einem Wagen zum Heizkessel zu fahren. Die Trockenkammer lief Tag und Nacht, sodass zwei Heizer rund um die Uhr die Kesselanlage in Betrieb halten mussten.

Endlich ein eigenes Grundstück

Unsere Wohnverhältnisse im Wohlfahrtsgebäude 151 waren weiterhin schwierig und wurden immer beengter. Es kam vor, dass im Winter Eiszapfen von der Decke wuchsen und unsere 1949 und 1952 geborenen Söhne in Fellsäcken und mit Handschuhen schlafen mussten. Da in Geretsried Mitte der 1950er Jahre noch keine Grundstücke für Einfamilienhäuser verkauft wurden, erwarben wir 1954 ein Grundstück in Wolfratshausen und errichteten dort ein Haus.

Die Produktion in zwei getrennten Bunkern war vor allem im Winter für den Materialtransport äußerst ungünstig. Deshalb erwarben wir von der Landesanstalt für Aufbaufinanzierung im April 1958 das erste Betriebsgrundstück mit einer Größe von zirka 5300 Quadratmetern mit dem Bunker Nummer 72. Der Preis für den Grund betrug 1,40 D-Mark pro Quadratmeter. Der darauf stehende Wald wurde für 70 D-Mark verkauft. Insgesamt betrug der Kaufpreis 35 000 D-Mark.

Auf diesem Grundstück errichteten wir 1959 eine Maschinenhalle, in die eine Späneabsauganlage eingebaut wurde, die die Späne in ein neben der Halle errichtetes Silo einspeiste. Die Maschinenhalle wurde mit einem Verbindungsbau an den Bunker angeschlossen. Die Firma war inzwischen im Raum München bekannt und konnte sich gegen die Konkurrenz gut behaupten. Im Jahr 1964 wurde der Bunker aufgestockt. Nun konnte das Büro endlich aus dem Wohlfahrtsgebäude in den Betrieb umziehen. 1969 trat unser ältester Sohn Ralph in den Betrieb ein. In den folgenden drei Jahren stellten wir unsere Produktion auf die Herstellung und Montage von Fenster- und Fassadenelementen um. Dazu musste der Maschinenpark angepasst werden.

Exporte bis nach Libyen und Spanien 

Nach der Olympiade 1972 ging die Bautätigkeit im Raum München stark zurück. Um unsere Umsätze halten zu können, richteten wir die Produktion auf die Fertigung von hochschalldämmenden Fenster- und Brüstungselementen sowie die Lieferung und Montage von Großflächenfassaden aus. In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Rosenheim gelang es uns als erstem Hersteller, Isolierglasfenster und Brüstungspaneele der Schallschutzklasse 6 zu entwickeln, für die wir europaweit ein Patent eintragen ließen. 1976 exportierten wir Fassadenelemente bis nach Tripolis. 1978 statteten wir das deutsch-spanische astronomische Zentrum auf dem 2300 Meter hohen Calar Alto mit Fensterelementen, Fallschiebeläden, Innentüren, Holztreppen und Deckenverkleidungen aus. Der Betrieb beschäftigte zu dieser Zeit zirka 45 Mitarbeiter.

Kanadische Tanne wurde für die Fassade des Landratsamts Starnberg verbaut.

1985 und 1986 fertigten und montierten wir eine von uns entwickelte Pfosten-Riegel-Holzfassade für das Landratsamt Starnberg. Da wir zu diesem Zeitpunkt die einzigen Hersteller derartiger Fassaden waren, folgten Anschlussaufträge. 1986 starb mein Mann Rudolf. In jenem Jahr wurde die Firma in eine Betriebsgesellschaft und in die „VHM Vermögensverwaltungs-GmbH“ aufgespaltet.

Ende der 1980er Jahre verfielen wegen der Billigimporte aus Osteuropa die Preise für Holzfenster. Eine Amortisation der enormen Investitionen war sehr fraglich. Wegen dieser schlechten Zukunftsaussichten stellten wir die Produktion nach 44 Jahren im Sommer 1989 schweren Herzens ein.

Seitdem vermieten wir die Gebäude an der Spreestraße. Im Laufe der Jahre entstand dort ein Gewerbe- und Handwerkerhof, in dem mancher Existenzgründer seinen Neuanfang begann.

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der vergriffenen Publikation, die es nun als E-Book gibt (Gerhard Aumüller, E-Mail: gerhard@auge-web.de).

Lesen Sie auch in der Reihe „Geretsrieder Wirtschaftswunder“: Das Knusperhäuschen – mit Marzipankugeln fing alles an 

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