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Vor dem Nichts: Große Teile der Wohnung von Vanessa Wölm fielen dem Brand in der Silvesternacht zum Opfer. Im Wohnzimmer ist die 29-Jährige gerade dabei, die verkohlten Überreste aufzuräumen.

Nach dem Großbrand an Silvester 

„Ich habe kein Zuhause mehr“: Zu Besuch bei den Brandopfern in Geretsried

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Nach dem Großbrand an der Sudetenstraße in Geretsried stehen einige Bewohner vor dem Nichts. Große Teile ihrer Wohnungen fielen in der Silvesternacht den Flammen zum Opfer. Die Betroffenen sind nun dabei aufzuräumen. Wir haben sie besucht.

Geretsried – Die Fenster sind zur Hälfte gesprungen, die ehemals weißen Wände schwarz vor Ruß. In der Zimmerdecke klafft ein knapp vier Quadratmeter großes Loch. Daraus quillt blaue Folie und gelbes Dämmmaterial, das sich auf Bett und Boden verteilt. „Als hätte eine Bombe eingeschlagen“, sagt Vanessa Wölm. „Das hier ist mein Schlafzimmer. War mein Schlafzimmer“, verbessert sie sich. Denn als solches ist der Raum nur mit Mühe erkennbar, in dem die junge Frau mit den blonden, schulterlangen Haaren steht. Wie ein Fremdkörper sieht sie aus in dem weißen Schutzanzug inklusive Atemmaske. Anders dürfen ihre und die drei Nachbarwohnungen im dritten Stock an der Sudetenstraße 43 nicht betreten werden.

Denn auf Wölms Balkon landete in der Silvesternacht vermutlich eine Rakete, die für den Großbrand in dem Mehrparteienhaus verantwortlich war. Am Donnerstag, vier Tage danach, durfte Wölm zusammen mit ihren Eltern und Freunden wieder in die Wohnung, um den Trümmerhaufen aufzuräumen. „Von heute auf morgen wurde mein Leben zerstört“, sagt die 29-Jährige mit zitternder Stimme. „Ich habe kein Zuhause mehr.“

Ein Albtraum, aus dem sie nicht aufwachen kann

Völlig zerstört ist Wölms Schlafzimmer.

Noch vor wenigen Tagen war alles anders: Wölm feierte Silvester mit Freunden in einer Münchner Bar. Gegen halb eins rief eine Bekannte an: „Sie schrie: ,Deine Wohnung brennt!’“ Wölm antwortete belustigt: „Jaja, bei dir brennt’s.“ Es dauerte, bis sie verstand, dass es sich nicht um einen schlechten Witz handelte. Während die einen noch das neue Jahr feierten, begann für die Geretsriederin ein Albtraum, aus dem sie nicht aufwachen kann. „Meine Wohnung brannte – und meine Katzen waren drin.“ Wölm kämpft mit den Tränen. Ihre Mutter reicht ihr ein Taschentuch. Die zwei Stubentiger, der graue Nepomuk und der rote Lolly, sind ihr Ein und Alles. „Meine Mama hat sich zum Glück bald gemeldet, dass die Katzen draußen sind.“ Sie schluckt. „Ich bin so unglaublich dankbar, dass die Feuerwehr sie gerettet hat.“ Bis drei Uhr morgens harrte Wölm in der Silvesternacht vor ihrer Wohnung aus, dann übernachtete sie bei ihren Eltern.

Am Neujahrsabend meldete sich die Polizei. „Ich durfte am nächsten Tag in die Wohnung, um das Nötigste zu holen.“ Beamte begleiteten die junge Frau, als sie ihre Wohnung zum ersten Mal nach dem Feuer betrat. „Alles war schwarz, es stank wahnsinnig.“ Sie deutet auf die Wände: Der Ruß hängt noch immer überall, doch das Bad auf der rechten Seite und das Ankleidezimmer gegenüber blieben weitgehend verschont. Im Wohnzimmer zeigt sie auf die Dielen: „Den Boden sieht man jetzt wieder. Vorher war da ein ganzer See aus Löschwasser und Scherben.“ Am Anfang sei Wölm noch recht ruhig gewesen. „Irgendwie bin ich von einer Feuerhölle wie im Film ausgegangen.“ Ein Grinsen huscht über ihr Gesicht. „Ich war total im Tunnel und dachte erst: Naja, ist ja nicht so schlimm.“

„Was würde ich dafür geben, die Zeit zurückzudrehen“

Ausgebrannt: Der Balkon stand in Flammen.

Als sie nach links ins Schlafzimmer geht, kommen die Tränen erneut. „Aber hier bekam ich einen hysterischen Anfall“, sagt Wölm. „Ich habe geheult und gelacht.“ Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: „Mein Kissen!“ Ein kleines blaues aus Daunen mit blau-weiß gestreiftem Überzeug. „Es sieht schon echt fertig aus, aber der emotionale Wert ist unbeschreiblich“, sagt Wölm. „Darauf schlafe ich seit meiner Geburt.“ Sie steht inmitten der verkohlten Überreste ihrer Habseligkeiten. Alles ist mit einer grau-braunen Dreckschicht überzogen. Dazwischen suchte sie völlig panisch ihren Schatz aus Kindertagen – vergebens. „Das gibt es nicht mehr.“ Sie wischt sich mit dem Handrücken übers Gesicht, ihre Handflächen sind schwarz vom Ruß. Was noch hinzukommt: Wölm hat keine Hausratversicherung. Daher muss sie den Schaden von rund 25 000 Euro aus eigener Tasche bezahlen. Sie seufzt. „Was würde ich dafür geben, die Zeit zurückzudrehen.“

Wölms Nachbarin Angie Schroppa ist ähnlich aufgewühlt, wenn sie an die Silvesternacht zurückdenkt. „Mit meinem Mann habe ich vom Schlafzimmer aus das Feuerwerk angeschaut – das Babyfon am Ohr.“ Nebenan schlief ihr zwei Jahre alter Sohn. „Auf einmal sah ich den Nachbarn von gegenüber vor unserem Fenster“, erinnert sich Schroppa. „Er winkte und schrie: ,Es brennt!’“ Sofort eilte sie ins Kinderzimmer. „In dem Moment, als ich Bastian auf den Arm nahm, sprangen die Fensterscheiben“, sagt Schroppa. „Ich bin nur noch gerannt.“ Sie schaut zu ihrem Sohn. „Herr Sipura ist sein Lebensretter.“

Lebensretter: Bojana und Marko Sipura, hier mit Töchterchen Ema, entdeckten den Brand gegenüber.

Marko Sipura wohnt im Haus gegenüber. Als er die Flammen bemerkte, rief der 30-Jährige sofort die Feuerwehr und alarmierte die Bewohner der Sudetenstraße 43. „Eigentlich ist unsere Ema die Heldin“, meint Sipura. Seine drei Monate alte Tochter wollte an Silvester nicht ins Bett, weshalb die Sipuras um Mitternacht im Kinderzimmer waren. „Meine Frau stand am Fenster und sah, wie eine Rakete auf den Balkon gegenüber fiel“, sagt Sipura. „Auf einmal rief sie, dass es brennt.“ Sipura zögerte nicht. „Ich bin sofort rübergelaufen, um Bescheid zu sagen“, erinnert sich Sipura. Dafür sind ihm die Bewohner des dritten Stocks dankbar, betont Angie Schroppa. „Nicht auszudenken, was noch passiert wäre, wenn er nicht gewesen wäre.“

Spenden

Der Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur unterstützt die Betroffenen. Wer helfen möchte, kann dies ihm Rahmen der Aktion „Leser helfen helfen“ gerne tun.

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