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Vor zehn Jahren musste das Eisstadion wegen akuter Einsturzgefahr geschlossen werden. Das Bild entstand beim Abbruch des Daches.

Der Anfang vom Ende der GEishalle

Vor 10 Jahren: Das Eisstadion droht einzustürzen

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Geretsried - Am 12. Januar 2006 zieht die Stadt Geretsried die Reißleine. Mit sofortiger Wirkung wird das Heinz-Schneider-Eisstadion geschlossen. Dass es tatsächlich einsturzgefährdet ist, wird sich erst Wochen später zeigen.

Es ist der Nachmittag des 2. Januar 2006. Unter einer gewaltigen Schneelast stürzt in Bad Reichenhall das Dach der 33 Jahre alten Eissporthalle ein. 15 Menschen sterben unter den Trümmern, mehr als 30 werden zum Teil schwer verletzt. In das Entsetzen über die Katastrophe mischt sich die Sorge, ob auch andere Hallen den Schneemassen nicht mehr Stand halten könnten.

"Ein Einsturz wie in Bad Reichenhall ist bei uns an sich nicht möglich"

Noch am Tag der Tragödie überprüft der damals zuständige Bauamtsmitarbeiter Stefan Greis das Geretsrieder Eisstadion und gibt Entwarnung: „Ein Einsturz wie in Bad Reichenhall ist bei uns an sich nicht möglich“, sagt er. Die Konstruktion sei ähnlich, aber stabiler. Man werde jedoch weiter ein wachsames Auge auf die Eishalle haben.

In den Tagen darauf schneit es weiter. „Rein zur Vorsorge“ (Greis) wird der Schnee vom Flachdach des Hallenbades geräumt. Beim Eisstadion ist das durch die Konstruktion nicht möglich. Die Stadt schaltet den Statiker Johannes Bracher ein. Am 11. Januar nimmt er die Halle in Augenschein. Am Tag darauf tritt die Rathausspitze zusammen. Am Mittag zieht Vize-Bürgermeister Gerhard Meinl in Vertretung von Cornelia Irmer die Reißleine: Wegen der hohen Schneelast veranlasst er die sofortige Schließung des Eisstadions und verhängt ein Betretungsverbot.

Am Abend wird eilig eine Pressekonferenz einberufen

Das Foto zeigt den Statiker Johannes Bracher bei der Überprüfung der Halle.

Am Abend wird eilig eine Pressekonferenz einberufen. Es bestehe keine akute Gefahr, erklärt der Statiker. Weil das Dach und die Leimbinder aber 26 Jahre alt sind und geringfügige Alterungserscheinungen aufweisen, will Bracher keine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Um jegliche Gefahr auszuschließen, sollen 40 zusätzliche Dachstützen eingezogen werden. Die Eissportler reagieren auf die Sperrung der Halle mit Entsetzen, aber auch Verständnis. „Für uns ist die Schließung ein schwerer Schlag“, sagt der damalige Abteilungssleiter des TuS, Stefan Strobl. Dennoch hätte er nicht anders gehandelt. „Die Verantwortung, wenn doch etwas passiert, kann und will niemand übernehmen.“

Drei Tage bleibt die Halle geschlossen. Nach dem Einbau der 40 Stützen gibt der Statiker vorläufige Entwarnung. Unter der Maßgabe, das die Konstruktion täglich überprüft und die Maximallast von 113 Kilogramm pro Quadratmeter nicht überschritten wird, kann das Stadion wieder geöffnet werden. Das Personal wird angewiesen, besonders wachsam zu sein. Bei augenscheinlichen Verformungen oder hörbaren Eigengeräuschen, so heißt es in der Expertise, „ist unverzüglich eine vollständige Räumung der Halle zu veranlassen“.

Es bleibt ruhig. Aber die Schneefälle halten an.

In den nächsten Wochen bleibt es ruhig. Aber die Schneefälle halten an. Anfang Februar spitzt sich die Lage dramatisch zu. Am 7. Februar ordnet Bürgermeisterin Cornelia Irmer die erneute sofortige Schließung des Eisstadions an. Der öffentliche Lauf wird abgebrochen, alle Besucher müssen raus. Die Schneelast auf dem Dach hat die 100-Kilogramm-Grenze überschritten. Tags darauf sperren der Landkreis und die Stadt alle ihre Hallen zu. Auch das Schwimmbad wird vorsorglich geräumt.

"Es besteht akute Einsturzgefahr"

Dann am 10. Februar die alarmierende Nachricht: Der Eismeister hat unter dem Dach des Stadions ein herabhängendes Stahlseil entdeckt. Ein Bolzen ist abgeschert. Die Feuerwehr rückt aus und riegelt das Gelände ab, Strom und Wasser werden abgestellt. „Es besteht akute Einsturzgefahr“, sagt Bürgermeisterin Irmer. Niemand darf die Halle mehr betreten.

Begleitet wurden die politischen Entscheidungen von Demonstrationen der Eissportfreunde, auf dem Foto mit (v. li.) Sportreferent Hans Hopfner, Bürgermeisterin Cornelia Irmer und Stefan Strobl vom ESC.

Am 28. März tritt der Stadtrat zusammen. Im Vorfeld der Sitzung demonstrieren rund 100 Eissportfreunde für den Erhalt des Stadions. 1000 Unterschriften werden an die Rathauschefin übergeben. Der Bericht des Statikers Bracher fällt ernüchternd aus. Es bestehe „weiterhin Gefahr für Leib und Leben“.

Erst acht Wochen nach der Schließung ist der Schnee soweit abgetaut, dass die Halle von innen begutachtet werden kann. In einem Interview mit unserer Zeitung erklärt Bracher, dass sich durch das Abscheren des Bolzens das Tragwerk in diesem Bereich um zehn Zentimeter abgesenkt hat. „Die Halle hängt im wahrsten Sinn des Wortes in den Seilen.“

Als der Statiker in der April-Sitzung des Stadtrats seinen Bericht abgibt, stockt den Mandatsträgern der Atem. Anhand von Fotos zeigt Bracher, dass das Eisstadion auch ohne Schneelast jederzeit hätte einstürzen können. Beim Bau des Daches vor 26 Jahren wurde erheblich gepfuscht. Obwohl die Konstruktion erst zu einem Zehntel untersucht ist, wurden bereits gravierende Baumängel entdeckt. „Zu 95 Prozent sind sie auf Fehler bei der Montage und die Folgen daraus zurückzuführen“, erklärt Bracher. Einen „Fingerzeig Gottes“ nennt er das Abscheren des Bolzens. Er hing praktisch 26 Jahre lang an einer Schraube. Der Stadtrat ist sich einig: Dieses Dach muss so schnell wie möglich runter.

Der Rückbau wird beschlossen. Kostenpunkt: 500.000 Euro

Im Mai wird der vollständige Rückbau beschlossen. Kostenpunkt: eine halbe Million Euro. Zur Absicherung des Stadiondachs muss zunächst ein Gerüst eingezogen werden. Im August beginnen die Abbrucharbeiten. Am Bauzaun hängen Warnschilder mit der Aufschrift „Asbest“, die Arbeiter tragen weiße Schutzanzüge und Atemmasken. Mit den ersten Balken legen sie weitere Bauschäden frei. Mehrmals kommt es zu Beinahe-Unfällen, weil unter anderem ein Stahlseil reißt und Trümmer nach unten fallen. „Dieses Eisstadion hätte nie in Betrieb gehen dürfen“, sagt Zimmerermeister Christian Obermeier und wundert sich, wie Firma damals „die Abnahme gekriegt hat“. Bohrlöcher wurden geweitet, Holzleimbinder mit der Kettensäge eingepasst. Regressansprüche kann die Stadt nach 26 Jahren nicht mehr geltend machen.

Im Oktober ist das Dach abgebaut, und die Eisbereitung unter freiem Himmel beginnt. Es hat über 20 Grad, die Sonne scheint, im ersten Anlauf bricht die erste dünne Schicht zusammen. Eine Spezialbeschichtung wird aufgebracht. Anfang November kann der Spielbetrieb aufgenommen werden. Kurz darauf fallen zwei Stromaggregate aus. Regen weicht das Eis zusätzlich auf. Mit vereinten Kräften gelingt es dem neu gegründeten Eissportclub (ESC) Geretsried den glatten Untergrund zu retten.

Die Eissportler drängen auf ein neues Dach - bis heute

Zur Wintersaison 2007/08 drängen die Eissportler auf ein neues Dach. Zwei Vorschläge liegen auf dem Tisch: eine Billigversion des ESC mit 1,5 Millionen Euro und eine Luxusversion der Stadt mit bis zu sieben Millionen Euro. Alternativ wird über eine kombinierte Eis- und Schwimmhalle nachgedacht. Es reifen die Pläne für eine Multisporthalle auf der Böhmwiese. Doch mit der Wirtschaftskrise 2009 zerplatzt dieser Traum. Angesichts der Steuereinbrüche sieht die Stadt keine Möglichkeit mehr, das Stadion zu betreiben. Dem Eissport in Geretsried droht das endgültige Aus. Der ESC springt in die Bresche und erklärt sich bereit, den Betrieb selbst zu übernehmen.

Inzwischen läuft die neunte Saison unter freiem Himmel und die sechste in Eigenregie des ESC. Die Hoffnungen auf ein neues Dach sind gestiegen. Unter Bürgermeister Michael Müller hat der Stadtrat 2014 beschlossen, das Eisstadion am jetzigen Standort zu erhalten. Für sechs Millionen Euro soll auf den alten Fundamenten eine neue Halle gebaut werden. Wann es soweit ist, steht allerdings noch in den Sternen über der Freiluftarena.

von Sabine Schörner

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