Das Barackenlager auf der heutigen Böhmwiese.
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Hunderte Menschen lebten im Barackenlager auf der heutigen Böhmwiese. Auf die Graslitzer folgten 212 Tachauer und weitere 102 aus Karlsbad und Umgebung. Bis Ende Dezember kamen weitere 350 Flüchtlinge aus sonstigen Herkunftsgebieten. Im Hintergrund sieht man das ehemalige Verwaltungsgebäude der Rüstungswerke – heute das Rathaus der Stadt Geretsried.

Geretsrieder der ersten Stunde:

Heute vor 75 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen im Lager Buchberg an

  • Sabine Schörner
    vonSabine Schörner
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  • Doris Schmid
    Doris Schmid
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Die Ankunft der ersten Heimatvertriebenen in Geretsried jährt sich an diesem Mittwoch zum 75. Mal. Ein Rückblick auf die Anfangszeit.

  • Von heute auf morgen verloren sie alles: Zwölf Millionen Deutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat im Osten vertrieben.
  • Sie mussten in eine ungewisse Zukunft aufbrechen und unter erschwerten Bedingungen ganz neu anfangen. In Bayern fand ein großer Teil von ihnen eine neue Heimat. So auch in Geretsried.
  • An diesem Mittwoch jährt sich die Ankunft der ersten Heimatvertriebenen zum 75. Mal.

Geretsried - Es ist der 7. April 1946 – ein Sonntag. Auf freier Strecke – dort, wo heute der Radweg zwischen der B11 und dem Rathaus verläuft – kommt am Morgen ein Zug zum Stehen. Die Türen der Viehwaggons öffnen sich. Es gibt keinen Bahnsteig. Übernächtigt klettern 554 Menschen – vor allem Frauen, Kinder und Alte – aus dem Zug. Unter ihnen sind die Kinder Anneliese Riedl (verheiratete Zelfel), Sonja Wilfert (verheiratete Gruber), Werner Sebb und Richard Anger. Mühsam schaffen alle ihre wenigen Habseligkeiten nach draußen. Vor drei Tagen sind sie in Graslitz in die Waggons gepfercht worden. Nach der langen Zugfahrt sind die Menschen erleichtert, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Doch die Erleichterung wandelt sich in Entsetzen: „Da sollen wir wohnen?“ Werner Sebb sieht noch heute seine Großmutter auf ihrem Holzkoffer sitzen und nach drüben schauen: Ein heruntergekommenes Barackenlager soll ihr neues Zuhause sein.

Alte Heimatstadt: Das schmucke Graslitz war für den Musikinstrumentenbau bekannt.

Die letzten zwei Wochen vor dem Abtransport verbringen viele Familien in einem Lager. Beim Ein- und Auszug werden sie gefilzt. Jeder darf nur 50 Kilogramm Gepäck bei sich haben, Geld und andere Wertsachen werden ihnen abgenommen. Sebbs Großmutter muss ihre Nähmaschine abgeben, die im Mantel eingenähten 1000 Reichsmark entdecken die Tschechen nicht. Dann kommt der Tag der Abreise: 1200 Menschen werden zum Bahnhof in Graslitz gebracht, jeweils 30 Personen müssen in einen Viehwaggon.

Vier Wachtürme und doppelter Stacheldraht umgeben das Lager

Als der Zug anrollt, wissen sie nicht mehr, als dass es nach Bayern gehen soll. Tatsächlich hält der Zug einen Tag später in München-Allach, dort wird der Transport geteilt. Die eine Hälfte fährt weiter nach Pfaffenhofen an der Ilm, die andere nach Geretsried, das es damals noch gar nicht gibt. Bis Kriegsbeginn besteht der Weiler nur aus ein paar Bauernhöfen. Ab 1938 entstehen inmitten der ausgedehnten Wälder zwei gewaltige Rüstungswerke. Im ehemaligen Fremdarbeiter-Lager auf der heutigen Böhmwiese sollen die 554 Vertriebenen unterkommen. Vier Wachtürme und doppelter Stacheldraht – errichtet von den Amerikanern – umgeben das Lager. „Es war hier alles mit Stacheldraht verrammelt, die Baracken hatten keine Fenster, es gab kaum Wasser, und wir wurden aus einer Großküche versorgt“, erzählt Sonja Gruber, die damals elf Jahre alt war. Ihre Schwester Erika Pfeifer war sechs Jahre jünger. Das Wichtigste für beide war, sich an der Hand ihrer Mutter festhalten zu können, weil der Vater „im Krieg geblieben war“. Die Baracken waren in einem erbärmlichen Zustand. „Da waren zum Teil das Fensterglas kaputt, und es hat reingeregnet“, erinnert sich Richard Anger, der damals sieben Jahre alt war. An Toiletten ist nicht mal zu denken, auch Öfen gibt es keine. Die vierköpfige Familie von Sebb hat Glück: Sie kommt im ehemaligen Sanitätsgebäude unter. Josef und Anna Löw, ihre Tochter Anni und deren damals einjährige Tochter Anneliese sind mit mehr als 20 Personen in einem einzigen Raum untergebracht. Erst später werden Zwischenwände eingezogen, jede Familie bekommt ihr eigenes Zimmer.

Am Ankunftstag bringt ein Pferdefuhrwerk aus Schwaigwall in Milchkannen Eintopf. In den nächsten Tagen leben die Menschen von den letzten mitgebrachten Lebensmitteln. Auf offenen Feuerstellen wird vor den Baracken gekocht. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass es in der Nähe eine Stadt gibt. Mit den geschmuggelten Reichsmark der Großmutter macht sich die Familie Sebb auf den Weg nach Wolfratshausen. Doch für Geld gibt es in dieser Zeit wenig zu kaufen. Später verteilt die Gemeinde Gelting, zu der Geretsried gehört, Lebensmittelmarken an die Lagerbewohner. Der zuständige Flüchtlingskommissar lässt sich nur einmal blicken. Er spricht von einer Übergangslösung von längstens zwei Monaten.

Die Hinterlassenschaften der Amerikaner sind willkommen

Aus den Wochen werden Monate und schließlich Jahre. Die Familien beginnen, sich notdürftig einzurichten. Man repariert die Baracken und baut sich zum Holzsammeln die ersten Leiterwagen. „Ich weiß noch, dass sich zum Transportieren von Holz aus dem Wald jemand einen Wagen gebaut hat“, erzählt Sebb. Dabei war das, was die Amerikaner zurückgelassen hatten, willkommen. „Da wurden alte Kabeltrommeln zu Rädern umfunktioniert. Das war aber fast noch eine größere Schlepperei als ohne Wagen.“ Trotzdem war es erstaunlich, mit was man sich in dieser Zeit beholfen hat.

Aus Bäumen wird Kleinholz: Vorbereitungen für den Winter trafen diese Männer im Lager 1948.

Nach und nach treffen die ersten Väter aus der Gefangenschaft ein. „Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie sie zu ihren Familien gefunden haben“, sagt Sebb. Für ihn ist sein Vater ein Fremder – er war schon an der Front, als Sohn Werner geboren wurde. Trotz aller Entbehrungen – für Sebb ist es eine schöne Zeit im Lager. „Wir erlebten eine sehr freie, ungezwungene Kindheit.“ Nach der Schule treiben sie sich in den Wäldern herum oder schleichen sich auf das streng abgeriegelte Gelände der Rüstungswerke. Die Firma Best arbeitet dort an der Demontage der Bunkeranlagen. Die Kinder finden Munitionsreste und machen ihre eigenen Sprengungen.

1950 gibt es bereits 37 Industrie- und 40 Handwerks- und Handelsbetriebe

Mit der Zeit gründen sich die ersten kleinen Betriebe. Bis 1950 sind es bereits 37 Industrie- sowie 40 Handwerks- und Handelsbetriebe. Im Lager öffnen die ersten Geschäfte: der Lebensmittelladen Löw, das Haushaltswarengeschäft Deimer und die Gaststätte Böhm. Erwin Rosnitschek jun. richtet eine kleine Lagerbücherei ein.

Schutt und Asche: Der verheerende Lagerbrand 1949 war Auslöser zur Gründung der Feuerwehr

Erst zur Gemeindegründung 1950 ziehen die letzten Bewohner in feste Wohnungen um. Doch es hätte wahrscheinlich noch länger gedauert, wäre nicht der 3. Juli 1949 gewesen: Es ist ein heißer Sommertag. Sebb sitzt mit einem Freund auf dem Lagerhügel, sie überlegen, ob sie zum Baden gehen sollen. Plötzlich sehen die beiden Rauch. Zwei Baracken brennen völlig nieder, eine dritte bis zur Hälfte. Rund 35 Familien verlieren durch den Brand zum zweiten Mal ihr Hab und Gut. Was folgt, ist die Gründung einer Lagerfeuerwehr und der planmäßige Auszug der Menschen aus den Baracken.

Am 24. Juni 1950 wird das Lager endgültig aufgelöst – vier Jahre nach der Ankunft der ersten 554 Vertriebenen aus Graslitz.

nej/sas

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