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Hier ging es auch mal mit dem Pferd bis an den Tresen

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Von: Doris Schmid

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Ein bisschen Spaß muss sein: Martha und Erwin Friedrich (2. und 3. v. li.) hinter dem Tresen ihrer Gastwirtschaft.
Ein bisschen Spaß muss sein: Martha und Erwin Friedrich (2. und 3. v. li.) hinter dem Tresen ihrer Gastwirtschaft. © Privat

In unserer Serie „Historische Wirtshäuser“ stellen wir in loser Reihenfolge ehemalige Geretsrieder Gaststätten vor.  Die Friedrichs betrieben in Stein ein Gasthaus mit Metzgerei.

Geretsried – Sie standen mitten im Leben, hatten sich eine Existenz aufgebaut. Martha und Erwin Friedrich, Eltern einer kleinen Tochter, betrieben in Zhalositz in Nordböhmen ein Gasthaus mit Metzgerei. Dann kam der Krieg. Die Familie wurde auseinandergerissen und 1945 vertrieben. Die Friedrichs fanden sich wieder und mussten von vorne anfangen. Das taten sie in Geretsried.

„Unsere Großmutter hat zunächst in der Schokoladenfabrik Kneisl gearbeitet“, erinnert sich Enkelin Eva Rugg (62). Der Großvater habe sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, ergänzt ihre Schwester Ilse Spies (61). 1951 wagte der Metzger erneut den Schritt in die Selbstständigkeit. Am Ende des heutigen Walchenseewegs pachtete er ein Gebäude, das er acht Jahre später kaufen und umbauen konnte.

Metzgerei in Gastwirtschaft: „Im großen Saal wurde Wurst gemacht“

Bis zum Umbau befand sich die Metzgerei in der Küche der Gastwirtschaft. „Im großen Saal wurde Wurst gemacht“, blickt Rugg zurück. Später seien Wirtschaft, Schlachtraum, Wursterei und Wohnbereich voneinander getrennt worden. In der Küche führte Martha Friedrich das Regiment, hinter dem Tresen standen beide Wirtsleute und Mitarbeiter. Ausgeschenkt wurde Bier der Paulaner-Brauerei.

Anlaufstelle in Stein: Am Ende des heutigen Walchenseewegs befand sich die Wirtschaft mit Metzgerei.
Anlaufstelle in Stein: Am Ende des heutigen Walchenseewegs befand sich die Wirtschaft mit Metzgerei. © Privat

Das Geschäft war ein Familienbetrieb, jeder packte mit an. Tochter Ilse stand samstags hinter der Wurst- und Fleischtheke der Metzgerei, und die beiden Enkeltöchter durften mithelfen. „Damals gab es noch keine Registrierkasse“, erzählt Rugg. „Da musste man alles im Kopf rechnen.“ Fleisch und Würste wurden in Papier eingeschlagen. Mit Bleistift wurden die einzelnen Beträge untereinander notiert. „Dann durfte ich zusammenrechnen“, sagt Rugg. „Ob das immer gestimmt hat – aber ich habe es gern gemacht.“ Fast jeden Samstag gab es Schweinebraten von der Oma. „Anschließend haben wir alle zusammen die Metzgerei geputzt“, sagt Spies. „Das war aber kein Muss, es hat uns Spaß gemacht, mithelfen zu dürfen.“

Cowboy-Trio fällt mit Pferden ins Gasthaus ein

Das Gasthaus verfügte über einen Fernseher – damals noch schwarz-weiß. Helmut Langhals, Halbbruder der beiden Schwestern, kann sich gut an die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1954 erinnern. Im großen Saal fanden Faschingsfeiern statt. Für Kinder gab es manchmal ein Kasperl-Theater. „Ich musste immer die Hexe spielen, das habe ich gehasst“, meint der 73-Jährige lachend. Unvergessen ist auch diese Anekdote: „Einige Geretsrieder hatten ihre Pferde in der Nähe von Ascholding stehen“, erzählt der Geretsrieder. „Einmal sind sie in Cowboy-Kluft und mit Revolver nach Geretsried geritten – mit den Pferden direkt ins Gasthaus rein.“ Das Trio habe etwas getrunken und sich dann wieder verabschiedet. „Da hat sich keine Polizei sehen lassen“, meint Langhals mit einem Augenzwinkern.

Stolze Großeltern: Erwin und Martha Friedrich mit ihren Enkelinnen Eva und Ilse.
Stolze Großeltern: Erwin und Martha Friedrich mit ihren Enkelinnen Eva und Ilse. © Privat

Wie lange die Großeltern das Wirtshaus führten, wissen die Enkelkinder nicht genau. Vermutlich bis Anfang der 1960er Jahre. Irgendwann sei es dem Großvater zu viel geworden, und er habe das Gasthaus verpachtet, sind sich die Schwestern einig. Dem Hörensagen nach wollte jemand aus der Gaststätte ein Feinschmeckerlokal machen – ohne Erfolg. Auch einen Western-Saloon soll es dort gegeben haben. Anschließend hat Willi Weizer das Lokal geführt, später ein Wirt namens Imro, der dann in die USA ausgewandert ist und dort ein böhmisches Lokal eröffnet hat, bevor Hans Jankovic das Wirtshaus bis zum Abbruch übernahm.

Serie

In unserer Serie „Historische Wirtshäuser“ stellen wir in loser Reihenfolge ehemalige Geretsrieder Gaststätten vor. Zum Beispiel das Alt-Österreich oder das Gasthaus Korb. Wer Infos und Fotos beisteuern kann, meldet sich per E-Mail unter der Adresse redaktion@isar-loisachbote.de.

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