Engagieren sich im Christophorus-Hospizverein: Michaela Seebauer (li.) und Patricia Vogl.
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Engagieren sich im Christophorus-Hospizverein: Michaela Seebauer (li.) und Patricia Vogl.

Trotz der Corona-Auflagen für Sterbende da

„Ich würde die Menschen gerne umarmen“: Hospizbegleiterinnen im Interview

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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In Zeiten der Coronapandemie ist es nicht leicht, sterbenden Menschen zur Seite zu stehen. Michaela Seebauer und Patricia Vogl lassen sich jedoch nicht entmutigen.

Geretsried – Nächstenliebe zeigen die Ehrenamtlichen des Christophorus-Hospizvereins Bad Tölz-Wolfratshausen mit Sitz am Neuen Platz in Geretsried nicht nur zur Weihnachtszeit. Sie sind unermüdlich im Einsatz, um alten und einsamen, schwerstkranken und sterbenden Menschen sowie deren Angehörigen zur Seite zu stehen. Die Corona-Pandemie erschwert diese Arbeit. Michaela Seebauer (53) und Patricia Vogl (56) lassen sich jedoch nicht entmutigen. Seebauer, Pfarrsekretärin in Münsing, ist seit gut zwei Jahren Sterbebegleiterin. Seit acht Jahren engagiert sich Vogl, Verwaltungsmitarbeiterin bei der katholischen Jugendstelle in Geretsried, für den Hospizverein. Im Interview geben die beiden Wolfratshauserinnen einen Einblick in ihre Arbeit unter den derzeit schwierigen Umständen.

Frau Seebauer, als Hospizbegleiterin stehen Sie Sterbenden und deren Angehörigen zur Seite. Ist das überhaupt möglich mit physischem Abstand?

Seebauer: Es ist schwierig. Ich merke, dass sich die Menschen nach einer Berührung sehnen. Das kennt ja jeder: Wenn es einem nicht gut geht, stärkt mich eine Berührung, zeigt mir, ich bin nicht alleine. Ich würde die Menschen gerne umarmen oder ihre Hand halten. Da muss ich mich zurzeit stark zurücknehmen und diesen Impuls unterdrücken.

Frau Vogl, Sie besuchen nicht nur Menschen in ihrem Zuhause, sondern gehen auch ins AWO-Demenzzentrum in Wolfratshausen. Wie handhaben Sie es dort?

Vogl: Die Regeln besagen, dass ich jemanden berühren darf, wenn ich nur 15 Minuten bleibe und eine FFP2-Maske trage. Als ich nach dem ersten Lockdown wieder zur AWO durfte, habe ich mich noch nicht getraut, meine Patienten zu berühren. Ich war einfach verunsichert. Darum habe ich die Begleitung ein paar Wochen lang ohne gemacht. Aber das befriedigt überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, da kann ich gleich wieder gehen. Gerade bei Menschen, die ich verbal nicht mehr erreichen kann, ist Berührung sehr wichtig.

Jetzt berühren Sie die Menschen aber wieder?

Vogl: Ja, ich habe meine Ängste überwunden. Und es ist viel, viel besser. Reden ist oft gar nicht nötig. Häufig reicht es schon, da zu sein und die Hand zu halten.

Davon abgesehen, wie laufen Ihre Besuche im AWO-Demenzzentrum ab?

Vogl: Ich gehe einmal in der Woche hin. Vor jedem Besuch mache ich jetzt einen Schnelltest. Bei einem negativen Ergebnis darf ich rein. Ich betreue meist zwischen zwei bis vier Patienten, aktuell sind es vier. Und bei jedem bleibe ich jetzt eben nur noch 15 Minuten. Früher war ich natürlich viel länger dort.

Das ist schade, gerade weil die Patienten dort aktuell sicher wenig Besuch bekommen.

Vogl: Ja, es ist alles sehr eingeschränkt. Die Angehörigen dürfen auch nur mit einem negativen Testergebnis rein. Aber sie müssen sich selbst um ihren Test kümmern und ihn bezahlen. Das ist eine große Hürde. Gerade wenn ein Paar getrennt ist, einer im Heim und einer daheim, dann ist diese Isolation voneinander unmenschlich. Natürlich muss man alles daran setzen, dass ein Haus gesund bleibt. Aber für die Betroffenen ist es einfach untragbar. Allein für uns ist Corona schon schlimm. Aber wenn ich krank, einsam und sterbend bin, dann ist es eine Katastrophe.

Seebauer: Der ganze Familienverbund leidet unter den Einschränkungen.

Es heißt, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, darf man ihn im Heim auf jeden Fall besuchen.

Vogl: Nein, weil die Auflagen zu hoch sind. Es ist für die Häuser sehr kompliziert, das zu organisieren. Und auch für die Angehörigen. Ich muss einen Termin haben, ich darf nicht länger als eine halbe Stunde bleiben und muss Abstand halten. Teilweise hat es dann noch die Plexiglasscheiben zwischen Patient und Besucher gegeben. Die Regeln sind von Haus zu Haus unterschiedlich, aber überall enorm.

Was raten Sie Angehörigen in dieser Situation?

Vogl: Auf sich aufmerksam zu machen.

Seebauer: Jede Gelegenheit nutzen, die sich bietet. Sterben ist eine endgültige Sache. Es ist eine enorme psychische Belastung, wenn Sterbende oder Angehörige in dieser Situation alleine sein müssen.

Vogl: Abschiednehmen ist schon ohne Corona schwierig, und jetzt kommen die Auflagen noch hinzu. Gerade deswegen ist es wichtig, etwas zu sagen. Wenn ich nichts sage, passiert auch nichts.

Was hat sich durch Corona bei der ambulanten Sterbebegleitung geändert, Frau Seebauer?

Seebauer: Im ersten Lockdown durfte ich auch niemanden besuchen. Jetzt ist es so, dass ich zwar keinen Test vorzeigen muss, aber sowohl ich als auch die Angehörigen unterschreiben eine Erklärung. Diese enthält unter anderem, dass wir Maske und bei Bedarf Handschuhe tragen, Abstand halten und Desinfektionsmittel mit uns führen. Und wir dürfen nichts zu trinken oder essen annehmen. Bei meiner ersten Begleitung, die ich nach dem Lockdown hatte, war der Tisch schön mit Kaffee und Kuchen gedeckt. Die Menschen haben sich so gefreut, dass ich gekommen bin. Da fällt es wahrlich nicht leicht, konsequent zu sein.

Geht Sterbebegleitung auch telefonisch, wenn ein Besuch nicht möglich ist?

Vogl: Ich habe eine ambulante Begleitung, die schon vor Corona angefangen hat. Da halte ich je nach Situation per Telefon Kontakt. Teilweise telefoniere ich auch mit Angehörigen, die ich jetzt nicht kennenlernen kann.

Wie klappt das?

Vogl: In dem einen Fall gut, weil der Patient sich noch verbal äußern kann. Ein Austausch mit Angehörigen ist auch jederzeit möglich. Es ist kein Ersatz, doch durch Telefonate können wir etwas auffangen, was uns sonst verloren geht. Aber wo Sprache nicht möglich ist, ist Hospizarbeit jetzt sehr, sehr schwer.

Ich vermute, aufgrund der widrigen Umstände findet aktuell weniger Hospizbegleitung statt als vor Corona?

Vogl: Wir sind etwa 50 Hospizbegleiterinnen, die im Landkreis tätig sind. Jetzt in der Corona-Zeit sind aber nur rund zehn davon aktiv. Dazu kommen zwei, drei, die nur telefonisch begleiten. Es ist eine persönliche Entscheidung. Wir tragen Verantwortung.

Seebauer: Und manche Hospizbegleiter zählen selbst zur Risikogruppe, was unter anderem auch ein Grund dafür sein kann, dass einige gerade nicht im Einsatz sind.

Warum sind Sie beide dennoch weiterhin aktiv?

Vogl: Ich wäge nach jeder neuen Bekanntmachung ab, wo ich stehe. Wir sind berufstätig und haben große Familien. Da bleibt mit oder ohne Hospizbegleitung ein Restrisiko. Aber der Mehrwert, es zu tun, wiegt für mich höher.

Seebauer: Dem kann ich mich nur anschließen.

Worin besteht dieser Mehrwert für Sie?

Vogl: Für Menschen da zu sein, die es ganz bitternötig haben.

Seebauer: Ihnen Zeit zu schenken, ihnen zuzuhören, die Gelegenheit zu geben, Luft zu holen, auf andere Gedanken zu kommen. Angehörigen eine Auszeit zu gönnen.

Wenn jemand im Sterben liegt, ist Corona da überhaupt ein Thema?

Vogl: Ich glaube, es gibt im Moment keinen Bereich, in dem Corona kein Thema ist.

Seebauer: Ein Treffen fängt ja schon damit an, dass wir erst das Formelle bezüglich Corona ansprechen, zum Beispiel dass wir uns nicht die Hände geben können. Bei meiner letzten Begleitung hat sich das Gespräch aber dann unmittelbar dem Privaten und dem Kennenlernen gewidmet. Wenn jemand im Sterben liegt, ist die verbleibende Zeit sehr kostbar. Da sollten die begleitenden Menschen nicht mit einer weiteren Krankheitsthematik belastet werden.

Vogl: Es ist auch unsere Aufgabe, das verbleibende Leben gemeinsam so gut es geht zu gestalten.

Wie geht es Ihnen mit all den Einschränkungen?

Vogl: Wir sind dankbar für alles, was wir tun dürfen. Die Einschränkungen sind groß. Aber alles was in diesem Rahmen angeboten werden kann, ist besser als nichts.

Wie verarbeiten Sie es, wenn Sie gerne mehr da sein würden, als es Ihnen aktuell möglich ist?

Seebauer: Ich gehe meist nach einem Besuch noch eine Runde spazieren und lasse mir bewusst alles nochmals durch den Kopf gehen.

Vogl: Ja, in der Natur reflektieren, das hilft auf alle Fälle.

Tauschen sich die Hospizbegleiterinnen untereinander aus?

Seebauer: Normalerweise haben wir regelmäßige Treffen zur Supervision, aber das war im Frühjahr nicht möglich. Inzwischen treffen wir uns in kleineren Gruppen, wenn die Situation es erlaubt. Aber in der Geschäftsstelle sind auch unsere Koordinatorinnen telefonisch für uns erreichbar, wenn ein Austausch oder eine Rücksprache notwendig ist.

sw

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