+
Koordiniert Asylbewerber und Helfer: Die gelernte EDV-Programmiererin Suzan Jarrar.

„Nehme mir Zeit, zuzuhören“

Im Gespräch mit Asyl-Koordinatorin Suzan Jarrar

  • schließen

Geretsried – Seit der Eröffnung der ersten zentralen Asylbewerberunterkunft in Geretsried engagiert sich Suzan Jarrar in der Flüchtlingshilfe. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht die gelernte EDV-Programmiererin eine erste Bilanz.

Was ehrenamtlich anfing, mündete in einer hauptamtlichen Tätigkeit. Seit fast einem Jahr kümmert sich die 49-Jährige für die Stadt um die Koordination von Asylbewerbern und Helfern. 

Frau Jarrar, auf Ihrem Schreibtisch stehen Blumen und Konfekt. Hat Ihnen das jemand mitgebracht?

Heute Vormittag waren zwei Flüchtlinge bei mir. Sie haben mir erzählt, dass sie die Anerkennung bekommen haben und mir Blumen und Schokolade mitgebracht. Die beiden haben sich bei mir bedankt, und ich habe mich mit ihnen gefreut.

Wie beginnt Ihr Tag normalerweise?

Ich gehe erst einmal meine E-Mails durch. Täglich habe ich etwa 30 Nachrichten zu beantworten. Außerdem erhalte ich sehr viele Anrufe von Helfern, die eine Frage haben. Und ich bekomme viel Besuch von den Asylbewerbern. Ich nehme mir Zeit, zuzuhören, ich mache auf Deutschkurse aufmerksam und animiere, sich dafür anzumelden. Ich helfe den Flüchtlingen, Anträge auszufüllen und übersetze Briefe in ihre Sprache. Es kommt auch vor, dass ich bei Elterngesprächen in der Schule mit dabei bin.

Das klingt nach einem sehr ausgefüllten Arbeitstag.

Ja, mein Tag ist sehr voll. Ich habe kaum Zeit, um Pause zu machen.

Wie wir gehört haben, sind Sie seit Dezember nicht mehr allein. Ein Mitarbeiter unterstützt Sie.

Wir haben einen Bufdi bekommen. Also jemanden, der seinen Bundesfreiwilligendienst bei uns absolviert. Ein Jahr lang steht er mir 20 Stunden in der Woche zur Seite. Seine Hauptaufgabe ist es, dass er die jugendlichen Flüchtlinge besucht, sie kennenlernt und schaut, in welche Vereine sie integriert werden können. Er soll sie begleiten und sie animieren, dabei zu bleiben. Die Leute brauchen immer einen Schubser.

Wie bringen Sie Asylbewerber und Helfer zusammen?

Ich bin beim Erstkontakt von Flüchtlingsfamilien und neuen Helfern dabei, wenn es nötig ist. Anschließend unterstütze ich die Helfer. Ich informiere sie oder delegiere sie an die richtigen Stellen. Meine Aufgabe ist es, ihnen zu sagen, wer diese oder jene Frage am besten beantworten kann. Außerdem organisiere ich Treffen für die Helfer.

Sicher haben Sie inzwischen ein weit verzweigtes Netzwerk.

Als ich im Rathaus angefangen habe, habe ich als erstes die Internetseite www.asyl-geretsried.de ins Leben gerufen, um und eine bessere Kommunikation und Vernetzung zu ermöglichen. Der Austausch über diese Seite funktioniert sehr gut.

Wie viele Asylbewerber leben aktuell in Geretsried?

In der Stadt gibt es zwei große zentrale Unterkünfte: Die ABU I am Robert-Schumann-Weg und die ABU II an der Blumenstraße. Außerdem hat das Landratsamt im Stadtgebiet 18 Wohnungen angemietet. Insgesamt leben in Geretsried derzeit etwa 270 Asylbewerber. Platz haben wir für knapp 350. Die neue Sammelunterkunft am Schulzentrum wird von der Regierung von Oberbayern betrieben und soll ab dieser Woche gestaffelt belegt werden. Sie kann noch einmal 250 Menschen aufnehmen.

Wie viele Helfer koordinieren Sie aktuell?

Zurzeit sind etwa 100 Frauen und Männer aktiv. Außerdem gibt es sehr viele stille Helfer, die wahnsinnig viel leisten, von denen ich aber gar nicht weiß, dass sie sich engagieren. Sie melden sich erst bei mir, wenn sie an Grenzen stoßen und Hilfe brauchen. So erfahre ich dann von ihnen.

Sie wollten für jede Unterkunft einen eigenen Helferkreis gründen. Ist Ihnen das gelungen?

Das ist mir gelungen. Es gibt einen Kreis, der sich um die Bewohner in der ABU I kümmert. Außerdem schaut er auch nach den Flüchtlingen in den dezentralen Unterkünften. In diesem Kreis ist der alte Stamm aktiv, der sich vor drei Jahren zusammengefunden hat. Dann gibt es noch einen zweiten, kleineren Helferkreis, der sich für die Bewohner der ABU II einsetzt.

Gibt es für die Flüchtlinge einen festen Ansprechpartner?

Für die ABU I bin ich das im Moment. Ich würde mich aber freuen, wenn sich dafür zukünftig auch ein Ehrenamtlicher findet, so wie in der ABU II. Dort haben wir mit Wolfgang Klein einen ehrenamtlichen Bereichsleiter. Er bietet jede Woche eine Sprechstunde an. Das sind sehr wichtige Stunden für die Flüchtlinge. Herr Klein nimmt die Fragen der Bewohner auf und leitet sie an die Helfer weiter.

Dort, wo Menschen auf engsten Raum zusammen leben, bleiben Probleme nicht aus.

Die Leute sind zufrieden. Sie haben es warm und ein Dach über dem Kopf. Eigentlich kommen sie gut miteinander zurecht. Wenn es doch einmal Probleme gibt, bin ich sofort da. Ich schalte mich ein und versuche zu schlichten. Das klappt ganz gut, weil ich die Leute und ihre Kultur kenne und ihre Sprache spreche.

Wenn es doch einmal Streit gibt, was ist der Auslöser?

Das sind dieselben Auslöser wie bei Nachbarschaftsstreitereien. Unsere Asylbewerber sind auch nur Menschen, die die gleichen Bedürfnisse und Emotionen haben wie wir. Sie sind sehr temperamentvoll und hitzig, weil sie Orientalen sind. Aber sie sind auch wieder leicht zu beruhigen (schmunzelt).

Ein Problem in den Sammelunterkünften sind die Fehlbeleger. Allein in Geretsried sind es 37, die dringend eine Wohnung suchen.

Die Asylbewerber können so lange in den Unterkünften bleiben, bis sie eine Wohnung gefunden haben. Es ist ihre Aufgabe, sich selbst eine Wohnung zu suchen. Ich helfe, wo ich kann. Sobald ich weiß, dass eine Wohnung frei wird, gebe ich das an die Betreuer weiter. Das hat bisher ganz gut geklappt.

Jeder Flüchtling, der drei Monate hier ist, darf arbeiten. Das hört sich ganz einfach an. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Es ist wirklich sehr viel passiert in Deutschland. Egal, aus welchem Land jemand kommt, ob er anerkannt ist oder nicht, er oder sie darf arbeiten. Das Landratsamt macht das auch immer leichter. Und tatsächlich ist es so, dass viele Flüchtlinge auch schon in Arbeit integriert sind. Aber es sind halt noch nicht genug. Manche haben einfach noch keine Arbeit gefunden, manche können auch noch nicht arbeiten, weil sie traumatisiert sind.

Was raten Sie Arbeitgebern?

Wer eine freie Stelle hat, soll sie dem Arbeitsamt melden. So bekommen alle Flüchtlinge die Chance auf einen Job. Nicht jeder hat einen eigenen Betreuer. Und wer beim Arbeitsamt gemeldet ist, kann an berufsbegleitenden Sprachkursen teilnehmen und ein Praktikum machen. Das ist der erste Schritt ins Berufsleben.

Welche Arbeitsstellen kommen in Frage?

Das geht querbeet durch alle Berufszweige. Viele Flüchtlinge kommen in der Gastronomie als Küchenhelfer unter oder in der Holzbranche. Bei den Geretsrieder Firmen Gämmerler und Bagusat arbeiten bereits einige Asylbewerber. Wir haben einen syrischen Arzt in ein Praktikum gebracht. Wenn er nach einem Jahr fertig ist, darf er in Deutschland als Arzt arbeiten. Einer Frau ist ein Praktikum in einem Kindergarten angeboten worden. Sie möchte als Erzieherin arbeiten.

Sie sind beruflich stark eingespannt. Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

(schmunzelt) Ich komme ja ursprünglich aus dem Helferkreis und kann das auch nicht lassen. Freitags und samstags bin ich immer noch ehrenamtlich für die Flüchtlinge im Einsatz. Ich begleite sie zum Arzt und auf Ämter, helfe und übersetze, wo es nötig ist.

Welche Pläne haben Sie für 2017?

(lacht) Ich habe sehr viele Pläne. Ich möchte noch intensiver mit den Betreuern und der Asylsozialberatung im Landratsamt zusammenarbeiten. Mit Dagmara Sosnowska und Sonja Frank will ich weiter am Integrationskonzept arbeiten. Und ich habe vor, mit dem Arbeitsamt in die Unterkünfte zu gehen und die Lebensläufe der Flüchtlinge aufzunehmen. Dann sind auch wirklich auch alle beim Arbeitsamt gemeldet.

Was ist Ihr größter Wunsch?

Dass der Krieg aufhört und etwas gegen die Armut in Afrika getan wird. Ich wünsche mir, dass die Leute nicht mehr ihr Leben riskieren müssen, um hierher zu kommen.

nej

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Wolfratshauser Institution führt Kiosk am S-Bahnhof seit 29 Jahren
Annelies Gall führt den Kiosk am Wolfratshauser S-Bahnhof seit 29 Jahren. In dieser Zeit hat die 66-Jährige aus Egling viel erlebt.
Wolfratshauser Institution führt Kiosk am S-Bahnhof seit 29 Jahren
Ein Baum war nicht zu retten
Sehr verärgert war Arnold Schmidt, als er vor Kurzem am Karl-Lederer-Platz Folgendes beobachtete: Eine Gleditschie, mindestens 20 Jahre alt, wurde entwurzelt und in die …
Ein Baum war nicht zu retten
Geretsrieder Rapper arbeiten an erstem Album
Die Rapper „Drastic“ und „Epo One“ aus Geretsried arbeiten derzeit an ihrem ersten eigenen Hip-Hop-Album. Einen beachtlichen Erfolg kann das junge Label bereits …
Geretsrieder Rapper arbeiten an erstem Album
Exhibitionist in den Isarauen
Ein Exhibitionist hat am Dienstag in den Isarauen bei Geretsried sein Unwesen getrieben. Die Polizei bittet um Hinweise.
Exhibitionist in den Isarauen

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion