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Inge Klier wurde nach Kriegsende mit ihrer Familie aus dem Sudetenland vertrieben. Geblieben sind ihr aus Karlsbad nur ein paar Erinnerungsstücke, darunter eine handbemalte Porzellantasse.

„Es ging ums pure Überleben“

Ingeborg Klier flüchtete vor 70 Jahren aus dem Sudetenland nach Geretsried

Geretsried - Wir stellen Menschen vor, deren Leben sich durch Flucht dramatisch verändert hat. Heute geht es um Ingeborg Klier, die nach der Vertreibung aus dem Sudetenland in Geretsried ein Zuhause fand.

Ingeborg Klier, geborene Wirkner, kam im Januar 1934 in Spittengrün, einem kleinen Dorf in der Nähe von Karlsbad im heutigen Tschechien zur Welt. Mit ihrer älteren Schwester, ihren Eltern Anna und Heinrich sowie den Großeltern wohnte sie im Anbau eines Gasthauses. Später, nachdem noch drei Mädchen geboren waren, zog die Familie ins benachbarte Sittmesgrün.

Eine reiche Stadt, die Inge Klier verlassen musste

„Es lebte sich herrlich. Karlsbad war eine reiche Stadt, die Häuser verschwenderisch mit Stuck und Schmiedeeisen verziert, jede Villa ein Unikat“, erzählt die heute 82-Jährige. Nach dem Krieg habe die Bevölkerung zunächst gedacht, jetzt sei alles vorbei, es herrsche wieder Friede und Ruhe. Doch die Alliierten hatten „andere Pläne in der Schublade“, wie Klier es ausdrückt.

Das Foto entstand etwa sechs Jahre nach der Ankunft und zeigt (v. li.) Gustl und Inge, dahinter Vater Heinrich und Mutter Anna, die große Schwester Edith und deren Mann Otto, davor die Zwillinge Renate und Gertrud sowie vorne in der Mitte ein Fotograf aus Karlsbad mit Burgi, der Jüngsten, auf dem Schoß.

Nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 hieß es, alle Sudetendeutschen müssten ihre Heimat verlassen. „Wir waren beim zweiten Transport Anfang Oktober dabei“, sagt Ingeborg Klier, damals zwölf Jahre alt. Jede Familie durfte nur 50 Kilogramm Gepäck pro Person mitnehmen. Die fünf Schwestern suchten ihre Schlitten, Skier und ihr Lieblingsspielzeug zusammen. Doch der Vater, der aufgrund seiner Schwerhörigkeit und eines schlecht verheilten Leistenbruchs nicht zum Kriegsdienst eingezogen worden war, sagte, das sei zu schwer.
 
Inge Klier kann sich noch genau an ihre Enttäuschung darüber erinnern, dass nichts von all den Sachen mit auf die Reise ging. Stattdessen hatten die Eltern Decken, Bettwäsche, warme Kleidung und ganz wenige Erinnerungsstücke eingepackt. „Wir wurden herausgerissen aus unserem Zuhause, weg von unseren Freunden, ohne Zeit zum Abschied nehmen“, beschreibt Klier den überstürzten Aufbruch. Am letzten Abend daheim wollte das Mädchen von ihren Eltern wissen, warum man fliehen müsse, wohin und für wie lange? Als sie Vater und Mutter auf den gepackten Kisten sitzen sah und merkte, dass beide weinten, spürte sie die Hilflosigkeit und Verzweiflung der Erwachsenen. Inge behielt ihre Fragen für sich.
 
Von der Kaserne in Karlsbad aus wurden die Heimatvertriebenen in Viehwaggons abtransportiert. Wohin, wusste niemand. Es gab ja kein Fernsehen oder Internet wie heute. „Alles lief im Geheimen ab. Die Welt erfuhr erst von diesem Drama, als sich für uns unfreiwillige Hauptdarsteller die Wogen schon ein wenig geglättet hatten. Wir hingegen kämpften weiter unseren Kampf, bei dem es ums pure Überleben ging“, hat Inge Klier sich ihre Erinnerungen Jahre später von der Seele geschrieben.

Die mehrtägige Fahrt im Viehwaggon war die Hölle

Die mehrtägige Fahrt im dunklen, engen Viehwaggon beschreibt sie als die Hölle: „Es war finster und kalt. Die alten Frauen fingen an zu beten, die Kinder plärrten, ihre Mütter greinten selber. Die fünf Männer in unserem Wagen waren sprachlos über ihre Machtlosigkeit. Da sagte ein Herr Dr. Nagel, ein Jurist, Folgendes: ,Ich bitte euch alle, halten wir zusammen, bewahren wir Ruhe und respektieren wir uns gegenseitig.‘ Der Mann war kein Angeber. Seine Bitte war einfach das Gebot der Stunde.“

Dr. Nagel arbeitete später bei der Stadt Geretsried. Dorthin ging die Reise der Karlsbader über Marktredwitz und München. In Marktredwitz wurden sie entlaust und desinfiziert. Es wurde allen mit einer Luftpumpe Puder im Kopfhaar verteilt – und den Frauen „respektlos, ja entwürdigend“, so Klier, unter ihre Röcke geblasen. Bei jeder Station hatte das junge Mädchen Angst, die Familie könnte auseinandergerissen werden. Doch zum Glück blieb sie zusammen. Der nächste Schock war die Ankunft im Lager Buchberg auf der heutigen Böhmwiese in Geretsried. In den Baracken hatten zuvor Zwangsarbeiter gelebt, die in den Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst geschuftet hatten. „Die Holzbuden waren völlig verdreckt und voll Ungeziefer“, beschreibt Klier die Unterkünfte.

Das erste Quartier war auf der Böhmwiese

Der Lagerleiter, ein Herr Seidel, teilte den Wirkners eine ehemalige Autowerkstatt auf der Böhmwiese zu. Darin stand ein Lastwagen, ein Holzvergaser, der furchtbar stank. Immerhin gab es einen Ofen in dem Raum. Niemand habe damals damit gerechnet, für immer in Geretsried zu bleiben, das ja noch keine Stadt war, bevor die Heimatvertriebenen sie aufbauten, sagt Inge Klier. „Es gab keine Hilfsorganisationen oder Ehrenamtliche, die mit Sachspenden ankamen, so wie jetzt bei den Asylbewerbern“, vergleicht die 82-Jährige die Situation damals mit heute. Allerdings bestand ein unglaublicher Zusammenhalt unter den Lagerbewohnern: „Wir haben uns gegenseitig Sachen ausgeliehen oder getauscht. Jeder half dem anderen.“

Die Zeiten wurden besser. Die Menschen aus dem Sudetenland bauten ihre Firmen, die sie verlassen mussten, in der neuen Heimat wieder auf. Meist dienten ihnen alte Bunker als Gebäude dafür. Sie stellten Musikinstrumente her, Holzspielzeug, Arbeitsmaschinen und vieles mehr.

Dann brannte es auf der Böhmwiese

Nach dem Brand des Lagers auf der Böhmwiese im Juli 1949 entstanden die ersten Wohnhäuser auf Höhe der heutigen Graslitzer Straße. Inge Klier blickt mit Stolz zurück: „Wir Vertriebenen wurden anerkannt. Einheimische fanden Arbeit in unseren Fabriken. Bürgermeister Karl Lederer holte das Beste für uns heraus.“ Die Aufbauphase trage nicht nur die Handschrift der Egerländer, sondern auch die der Sudeten,- Ungarn- und Rumäniendeutschen, so die Karlsbaderin.

Bald wurden sogar Arbeitskräfte aus dem Ausland angeheuert. Italiener, Türken, Jugoslawen und Griechen, die heute eine große Gemeinde innerhalb Geretsrieds bilden. Sie alle wurden freundlich aufgenommen.

Geretsried ist zur neuen Heimat geworden

Inge Klier heiratete 1955 ihren mittlerweile verstorbenen Mann Gustl, der ebenfalls aus Karlsbad stammte. Sie hatte ihn im Lager kennen gelernt, als sie 16 war und er 24. Sie erzählt: „Seine Eltern und die Brüder hatten schöne Stimmen. Abends, wenn die Familie in der Baracke ihre Lieder aus der Heimat sang, wurde es immer ganz still rundherum. Alle lauschten. Einmal sang ich mit. Schon da sagte Gustl zu mir: ,Dich heirate ich einmal.‘ Das quittierte ich damals mit einem kindlichen Kichern. Doch Gustl hatte es als ernsthaften Antrag gemeint und so heirateten wir tatsächlich.“ 1963 wurde ein Sohn geboren. Er lebt mit seiner Frau, wie alle Nachkommen der Wirkners, in der neuen Heimat Geretsried.

von Tanja Lühr

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