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Beim Tüfteln: Am heimischen Küchentisch arbeitete der frühere Betriebsleiter von Daimon am Sadyno-Dynamo.

Serie: Geretsrieder Wirtschaftswunder

Ingenieur Wilhelm Schlattner entwickelte Fahrrad-Dynamo

Geretsried – Vor 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: Ingenieur Wilhelm Schlattner aus Böhmen.

Um die Jahrhundertwende betrieben seine Eltern eine Bäckerei in Tetschen-Bodenbach in Nordböhmen, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Aber das war nichts für den jüngsten Sohn des Ehepaares. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich der erst 14-jährige Wilhelm zur österreichischen Marine. Nach Ende des Ersten Weltkriegs studierte der junge Mann Elektrotechnik und Maschinenbau. Das Studium beendete er mit Auszeichnung.

Massenfertigung in Geretsried: Auch die Handarbeit von Frauen war bei der Dynamo-Produktion gefragt.

Anschließend machte der Ingenieur bei der Firma Daimon in seiner Heimatstadt Karriere. Schlattner arbeitete sich bei der Spezialfabrik für Batterien, Taschenlampenhülsen und Glühlampen bis zum Betriebsleiter hoch. Durch viele Verbesserungen trieb der Ingenieur die Entwicklung von Fahrradlichtmaschinen – Dynamos – voran. Über 30 Patente stammten aus seiner Hand.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde auch Schlattner aus seiner Heimat vertrieben. Zusammen mit seiner Frau und den Kindern flüchtete er nach Bayern. In Peißenberg fanden sie eine Unterkunft. Um seiner Familie das Überleben zu sichern, verdingte sich Schlattner sich als Knecht. Nebenbei beschäftigte er sich in jeder freien Minute mit der technischen Weiterentwicklung von Fahrrad-Dynamos.

„Was wir im Kopf hatten, konnte man uns nicht nehmen“

1947 kam der Ingenieur nach Geretsried. In einem Bunker der ehemaligen Munitionsfabrik Dynamit AG an der St.-Hubertus-Straße gründete er seinen eigenen Betrieb: Sadyno-Licht. „Was wir im Kopf hatten, konnte man uns nicht nehmen“, sagte er einmal, als er nach dem Geheimnis des Erfolgs der Heimatvertriebenen gefragt wurde. Später zog die Firma an den Buchenweg um. Trotz großer Startschwierigkeiten entwickelte sie sich bestens. Möglich war das, weil Schlattner auf seine früheren Patente zugreifen konnte und und die Nachfrage enorm war. Der Betrieb stellte alles selbst her – bis auf die Aluminium-Gussteile, die man unter anderem von der Geretsrieder Firma Golde bezog. 1949 beschäftigte der Unternehmer bereits rund 60 Mitarbeiter.

Nicht besonders erfolgreich: Eine Wein-Einschenk- und Kühleinrichtung.

Schlattner gelang es mit seinen Fahrrad-Lichtmaschinen bereits bei Schrittgeschwindigkeit ein ausreichendes Leistungs-Maximum zu erreichen und dass bei Hochgeschwindigkeit keine Überspannung auftrat. Zunächst wurden auch die Magnetkerne selbst hergestellt. Dazu nutzte die Firma einen Magnetisierungsapparat, der sich heute im Depot des Museums der Stadt Geretsried befindet. Später kaufte der Betieb magnetisierte Dynamokerne zu.

Brotschneider und Zapfgerät

Viele Jahre wurden von der Sadyno-Licht rund 6000 Fahrrad-Lichtmaschinen im Monat produziert und verkauft. Größter Kunde war das Versandhaus Quelle, das eine eigene Fahrradherstellung betrieb. Betriebsinhaber Schlattner setzte nicht nur aufs Dynamo-Geschäft. Er tüftelte an so mancher Erfindung, wie zum Beispiel einem Einschlafwarner. Dabei handelte es sich um eine Art Brille mit Kontaktschalter. Senkte sich der Kopf des Einschlafenden nach vorne und veränderte sich somit die Lage des Geräts, wurde ein Warnton ausgelöst. Obwohl international angeboten, blieb es bei der Produktion von Prototypen. Auch eine Wein-Einschenk- und Kühl-Einrichtung mit Kühltasche war nicht besonders erfolgreich. Vor der Benutzung musste das Gerät samt Weinflasche und Kühltasche zur „Vortemperierung“ in den Kühlschrank gestellt werden. Besser erging es dem „Sadino“-Brotschneider, den sich Schlattner 1962 patentieren ließ. Ein großer Erfolg war ein Profi-Gerät zur Synchronisierung von Bild- und Tonaufnahmen, in das zum Antrieb ein Sadyno-Dynamo eingebaut war. Ein gutes Geschäft war lange Zeit die Zuliefertätigkeit für Weinheber-Hersteller: Schlattner lieferte Unmengen an Ventilen für das damals stark in Mode kommende Zapfgerät.

Gutes Geschäft: Weinheber mit Schlattner-Ventil.

Ende der 1960er-Jahre stiegen zahlreiche Fahrradfahrer auf Mofas und Roller um. Das reduzierte die Nachfrage nach Fahrrädern und somit auch nach Dynamos dramatisch. Deshalb stellte Sadyno 1970 seine Produktion ein, und Schlattner konnte sich mit 70 Jahren zur Ruhe setzen. 1983 starb der Ingenieur und Erfinder im Alter von 83 Jahren nach einem erfüllten Arbeitsleben.  red

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der inzwischen vergriffenen Publikation.

red

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