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Inklusion fängt bei den Kleinsten an

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Hannah Schreyer, Leiterin von „Integration aktiv“, begrüßte etwa 20 Teilnehmer zum virtuellen Integrationsforum. Die Foren finden seit 2013 zweimal jährlich statt und beleuchten jedes Mal ein anderes, interessantes Thema.
Hannah Schreyer, Leiterin von „Integration aktiv“, begrüßte etwa 20 Teilnehmer zum virtuellen Integrationsforum. Die Foren finden seit 2013 zweimal jährlich statt und beleuchten jedes Mal ein anderes, interessantes Thema. © Screenshot: tal

Wie gelingt kulturelle und sprachliche Inklusion bereits in der Kindertagesstätte? Mit dieser Frage befasste sich das jüngste Integrationsforum des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit Geretsried. Aufgrund der hohen Corona-Zahlen im Landkreis fand es virtuell statt.

Geretsried – Die Anzahl der Kinder mit Migrationshintergrund in den Krippen und Kindergärten ist stark gestiegen. Wie Hannah Schreyer, Leiterin der Koordinationsstelle „Integration aktiv“ innerhalb des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit (TVJA), berichtete, liegt ihr Anteil in Geretsried mittlerweile bei 61 Prozent. Kein Wunder – 28 Prozent der Geretsrieder haben eine ausländische Staatsbürgerschaft. Die meisten kommen aus Rumänien, gefolgt von Kroaten, Polen, Russen und Griechen. Asylbewerber machen nur einen geringen Prozentsatz aus. Ein Großteil der ausländischen Drei- bis Sechsjährigen (81 Prozent) besucht einen Kindergarten (bei den deutschen Kindern sind es 99 Prozent). In die Krippe dagegen gehen nur 21 Prozent der ausländischen unter Dreijährigen.

Die Stadt unterstütze die Eingliederung dieser Mädchen und Buben nach Kräften, sagte TVJA-Geschäftsführer Rudi Mühlhans. Die Hauptarbeit liege freilich bei den Kita-Mitarbeitern. Nicht nur die Kinder, auch deren Eltern, die teilweise kaum über Deutschkenntnisse verfügten, gelte es einzubinden.

Als Referentin hatten die Veranstalter die Sozialpädagogin, Buchautorin und Beraterin Gabriele Hertlein aus Uffing am Staffelsee gewonnen. Korrekterweise sprach sie von Inklusion statt Integration. Sie meinte damit nicht nur die Eingliederung von Kindern mit Migrationshintergrund, sondern auch solcher mit Behinderungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Hochbegabung, mit anderen Religionen als dem Christentum, von Mädchen und Buben, die aus prekären Verhältnissen stammen oder Anzeichen einer nicht konformen sexuellen Orientierung zeigen. Laut dem bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan (BayBEP) soll die Diversität als Chance und Bereicherung betrachtet werden, nach dem Motto „Schaut, so kann man auch leben, so kann man es auch machen“, erklärte Hertlein.

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Die frühere Erzieherin brachte etliche praktische Beispiele mit. So soll das Kindergartenpersonal die Erst- oder Familiensprache – es heißt nicht mehr Muttersprache – von ausländischen Kindern nicht verbannen, sondern vielmehr spielerisch in den Alltag einbauen, damit alle etwas lernen. Bei der Brotzeit könne man in die Runde fragen, welche Bezeichnungen der Becher mit Tee, den die Kinder gerade trinken, auf Türkisch, Italienisch oder Syrisch hat. Gleichzeitig sollen die Gepflogenheiten hierzulande für alle Kinder erklärt werden: Warum feiern wir St. Martin? Wie verhalten wir uns in Deutschland im Straßenverkehr? Hertlein sprach von einer vorurteilsbewussten Pädagogik („vorurteilsfrei ist niemand“). Viele Kitas verfügten zum Beispiel über Puppen mit unterschiedlichen Hautfarben oder kochten ab und zu ein typisches Mittagessen aus einem der Herkunftsländer der Kinder. Auf diese Art würden die Kleinen offen für Neues und niemand fühle sich ausgegrenzt.

Zum Schluss gab Hertlein einige Buchtipps, unter anderem die Reihe „Kulturschock“. Sie bereitet nicht nur Reisende auf die Sitten und Gebräuche eines Urlaubslands vor, sondern hilft auch Erziehern, so manche Eigenheit besser zu verstehen. Einem thailändischen Kind sollte man zum Beispiel nicht mit der Hand über den Kopf streichen, da man diesen würdigsten Teil des Körpers in Thailand nicht berühre, so die Beraterin.

Daniela Biedermann vom Caritas-Kindergarten „Buntstifte“ bestätigte, dass das Thema Inklusion in den Einrichtungen eine wichtige Rolle spiele. Die Mitarbeiter erhielten Schulungen in interkultureller Pädagogik, es gebe Elternabende in sehr einfachem, verständlichem Deutsch. Die Kinder selbst hätten am wenigsten Probleme mit sprachlichen und kulturellen Unterschieden: „Die reden mit Händen und Füßen. Beide Seiten lernen schnell voneinander.“. Eine weitere Buchempfehlung dazu: „Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm“ von Rafik Schami.

Biedermann wollte nicht verschweigen, dass es bisweilen Probleme gebe, wenn etwa Eltern mit Migrationshintergrund Kinder nicht regelmäßig oder unpünktlich bringen würden. Auch mehr Kurse für Deutsch als Zweitsprache wären wünschenswert.

Bürgermeister Michael Müller, der sich ebenfalls zuschaltete, brachte den aktuellen Aspekt der Pandemie ein. Vorurteile würden durch Begegnung abgebaut. Deshalb sei es so wichtig, dass Kindergärten und Schulen geöffnet blieben. Die erwachsenen ausländischen Mitbürger hätten es schwer, sich in diesen Zeiten mit eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten einzuleben: „Ich fürchte, nach zwei Jahren Corona werden wir einen Scherbenhaufen vorfinden, den wir nur mit Mühe wieder kitten können.“

tal

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