Für eine selbstbestimmte Zukunft: Geschäftsführerin Dr. Astrid Pietig hat sich die Vereinsarbeit von „Light for the World“ in Äthiopien angesehen. Das Foto zeigt sie mit Meret (3), die im Rahmen eines gemeindenahen Rehabilitationsprogramms eine Physiotherapie machen kann.
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Für eine selbstbestimmte Zukunft: Geschäftsführerin Dr. Astrid Pietig hat sich die Vereinsarbeit von „Light for the World“ in Äthiopien angesehen. Das Foto zeigt sie mit Meret (3), die im Rahmen eines gemeindenahen Rehabilitationsprogramms eine Physiotherapie machen kann.

„Ich bin motiviert und begeistert dabei“

Damit die Welt ein bisschen besser wird: Geretsriederin kämpft gegen vermeidbare Blindheit

Viele Menschen leiden unter einer Sehbehinderung, obwohl sie ganz leicht geheilt werden könnten. Doch sie leben schlicht auf dem „falschen“ Kontinent. Der Verein „Light for the World“ will die medizinische Versorgung in armen Ländern verbessern.

Geretsried – Unter dem Motto „Ich sehe so, wie du nicht siehst“ macht der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband Jahr für Jahr am 6. Juni mit einem Aktionstag auf die Situation und Belange von Menschen mit Sehbehinderung aufmerksam. Es ist ein Thema, mit dem sich die Geretsriederin Dr. Astrid Pietig tagtäglich auseinandersetzt. Sie ist Geschäftsführerin des Münchner Vereins „Light for the World – Licht für die Welt“. Im Interview erzählt die 53-Jährige von ihrer Arbeit.

Frau Pietig, wir sprechen über Microsoft Teams miteinander. Was sehen Sie, wenn Sie an ihrer Webcam vorbeischauen?

Dr. Astrid Pietig: Ich sehe weitere große Bildschirme und viele Bücher. Wie viele andere in diesen Tagen sitze ich im Homeoffice. In meinem Fall ist das mein Arbeitszimmer zu Hause in Geretsried.

Viele Menschen auf der Welt können nicht sehen. „Light for the World e.V.“ will das in seinen Projektländern, etwa Bangladesch, Bolivien oder Burkina Faso, ändern. Warum?

Pietig: Laut der IABP, der International Agency for the Prevention of Blindness, sind 43 Millionen Menschen auf der Welt blind. 1,1 Milliarden Menschen leiden an einer Sehschwäche, und 2 bis 3 Milliarden Menschen haben Probleme beim Sehen. Dabei könnte 90 Prozent aller Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, also 771 Millionen Menschen, geholfen werden und 75 Prozent der Fälle von Blindheit wären vermeidbar. Doch die Betroffenen bekommen keine Hilfe, weil sie in armen Regionen mit unzureichender medizinischer Versorgung leben. Sie sind überflüssigerweise blind, dabei wäre es einfach, ihnen zu helfen.

Wie?

Pietig: Die weltweit verbreitetste Ursache für Sehschwäche und Blindheit ist Katarakt, also Grauer Star. Die Krankheit kann mit einer Operation geheilt werden, die 15 Minuten dauert. Und in unserem schwerpunktmäßigen Einsatzort Subsahara-Afrika kostet diese OP 30 Euro. Das ist für uns weniger Geld als wenn wir zu zweit in einem Restaurant essen gehen oder wenn wir am Brauneck Skifahren. Mit 30 Euro können wir diesen Menschen ihr Augenlicht zurück- und damit eine selbstbestimmte Zukunft schenken.

Und hier setzt „Light for the World“ an?

Pietig: So wie unseren Verein in München gibt es mehrere nationale Vereine an verschiedenen Standorten. Wir haben einen internationalen Dachverband mit Hauptsitz in Wien. In den Projektländern sind wir mit eigenen Büros und nationalen Angestellten vertreten. Wir verfahren nach einem nachhaltigen und systemverändernden Ansatz. Das heißt, wir investieren in die Ausbildung von Augenärzten und medizinischem Fachpersonal und bauen Augenkliniken. Dabei arbeiten wir eng mit lokalen Partnerorganisationen, den Regierungsstellen und Gesundheitsämtern zusammen. Das ist manchmal schwierig und langwierig, weil die politischen Systeme teils instabil sind. Aber wir wollen, dass die Menschen vor Ort eigenständig weitermachen können, wenn wir uns zurückziehen.

Sie waren selbst bereits in Äthiopien, einem der Projektländer. Welche Eindrücke bringen Sie mit?

Pietig: Ich habe mehrere Augenkliniken besucht. Mit europäischen Augen betrachtet, wirken sie sehr einfach. Aber ich war zutiefst beeindruckt, welche Ergebnisse dort erreicht werden.

Konnten Sie mit Menschen sprechen, die behandelt wurden?

Pietig: Ich habe einer ganzen Reihe von Trachom-OPs beigewohnt. Das ist eine bakterielle Entzündung, die man eigentlich mit Augentropfen behandeln kann. Geschieht das nicht, dreht sich das Augenlid immer weiter nach innen, was dazu führt, dass die Wimpern das Auge zerkratzen. Das ist sehr schmerzhaft. Nach der Augenlid-OP verspüren die Betroffenen eine unglaubliche Erleichterung, weil sie keine Schmerzen mehr haben. Ich habe bei der Nachsorge sehr viele glückliche Gesichter gesehen.

Wie ist es für die Menschen, wenn sie wieder sehen können?

Pietig: Es gibt dazu von uns verschiedene Videos im Internet. In einem sieht man beispielsweise, wie ein drei Monate altes Mädchen nach einer OP das erste Mal seine Mama sieht. Es ist unter dem Titel „A view for a view“ auf YouTube zu finden. Das ist sehr, sehr bewegend. Das Mädchen hatte von Geburt an Grauen Star. Die getrübte Augenlinse muss operativ gegen eine künstliche ausgetauscht werden. Bei uns ist Grauer Star eher als eine „Alte-Leute-Krankheit“ bekannt. Aber in Subsahara-Afrika betrifft sie durch die starke Sonneneinstrahlung, Ernährung und andere Einflüsse auch jüngere Menschen. Neugeborenen-Katarakt ist weit verbreitet.

Ich nehme an, die OPs helfen den Menschen nicht nur emotional.

Pietig: Durch die Behandlung können die Menschen für sich selbst sorgen und ihren Beitrag zum Familienunterhalt leisten. Das ist ein ganz entscheidender wirtschaftlicher Faktor: Denn oft muss durch die Behinderung ein weiteres Familienmitglied zur Pflege zuhause bleiben. Die Behandlung hilft also dem ganzen Familiengefüge.

„Light for the World“ setzt sich aber nicht nur für Blinde ein.

Pietig: Weitere wichtige Mandatsbereiche sind inklusive Bildung und „Economic Empowerment“, mit anderen Worten, die medizinischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen. Unter dem Motto „Leave no one behind“ (Lass niemanden zurück, Anm. d. Red.) setzen wir uns für Menschen mit Behinderung ein. In unseren Projektländern erreichen viele Kinder mit Behinderung aufgrund von mangelnder medizinischer Versorgung nicht ihr zweites Lebensjahr. Mancherorts gilt eine Behinderung als Fluch, das Kind wird zuhause versteckt. Dass ein Kind mit Behinderung nie eine Schule besucht, ist um den Faktor 2,5 höher als bei Kindern ohne Behinderung. In Subsahara-Afrika herrscht der weltweit größte Lehrermangel. Deswegen investieren wir in die Lehrerausbildung. Zudem unterstützen wir den Bau von Schulen und sorgen dort für Barrierefreiheit, auch was das Unterrichtsmaterial angeht.

Wie finanziert „Light for the World“ das?

Pietig: Wir sind zu 100 Prozent spendenfinanziert. Wir haben Mittel aus öffentlicher Hand, aus Stiftungen und durch Individualspenden.

Wie sind Sie zu „Light for the World“ gekommen?

Pietig: Man hat für den deutschen Verein einen Geschäftsführer gesucht. Als ich angefangen habe, mich mit „Light for the World“ zu beschäftigen, war ich beeindruckt, wie einfach es ist zu helfen und wie viel man schon mit kleinsten Beträgen erreichen kann. Auch der nachhaltige und systemverändernde Ansatz hat mich überzeugt. Ich bin motiviert und begeistert dabei.

Sie waren zuvor beim Automobilkonzern Daimler in Stuttgart unter anderem für das Thema soziale Verantwortung zuständig. Ist es Ihnen wichtig, sich beruflich für eine gute Sache einzusetzen?

Pietig: Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Berufsleben. Es ist mir ein Anliegen, einen winzigen Beitrag zu leisten, dass die Welt ein bisschen besser und menschlicher wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Pietig: Dass viele Menschen die Möglichkeit haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein Leben in Gesundheit, Frieden und materieller Sicherheit.

Info

Unterstützen kann man „Light for the World“ über das Spendenkonto DE 58 70 02 05 00 00 09 83 42 00. Weitere Informationen gibt’s im Internet auf www.light-for-the-world.de

Der Verein in Zahlen

258 Projekte hat „Light for the World e.V.“ im Jahr 2019 in 20 Ländern umgesetzt. Laut dem letzten Tätigkeitsbericht 2019/2020 konnten so unter anderem 12 583 000 Medikamente gegen Trachom, Flussblindheit und andere Krankheiten verteilt werden. Augenmedizinische Versorgung, Rehabilitation und Bildung erreichte 1 236 000 Menschen. 985 000 Augenuntersuchungen wurden durchgeführt und 69 000 Augenoperationen wurden ermöglicht. In 41 000 Fällen ging es dabei um Katarakt (Grauer Star) und 8000 waren Augenlid-Operationen (Trachom). Die übrigen waren andere Augen-OPs. 46 000 Menschen mit Behinderungen erreichte der Verein in Rehabilitationsprogrammen. 19 000 Menschen wurden in Inklusion trainiert. 15 000 Menschen erhielten Unterstützung, sich ihr eigenes Einkommen zu schaffen. 14 000 Kindern mit Behinderung ermöglichte „Light für the World“ Schulbildung. Quelle: Light for the Word

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