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Sorge um B11-Verlegung - „Geretsried fällt hinten runter“

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Auto an Auto reiht sich tagtäglich an der B11 bei Geretsried. Bürgermeister Michael Müller will sich das nicht noch weitere 15, 20 Jahre ansehen.
Auto an Auto reiht sich tagtäglich an der B11 bei Geretsried. Bürgermeister Michael Müller will sich das nicht noch weitere 15, 20 Jahre ansehen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Die B11-Verlegung soll nun doch erst nach der S7-Verlängerung erfolgen. Bürgermeister Michael Müller will das nicht akzeptieren. Er fordert Tempo.

Geretsried – Es hätte so schön werden können: Im Jahr 2017 trafen sich Politiker und Vertreter des Staatlichen Bauamts Weilheim auf der Böhmwiese zu einer Begehung mit Picknick. Die B11-Verlegung war gerade in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen worden, der erste Spatenstich 2024 in greifbarer Nähe. Der Enthusiasmus war so groß, dass gar nicht weiter auffiel, dass die Begehung ohne Picknick endete, weil es regnete. Vier Jahre nach dem Ortstermin ist klar: So schnell wie erhofft, wird die B11 vor den Toren der größten Stadt im Landkreis nicht an den Schwaigwaller Hang verlegt und vierspurig ausgebaut werden – im Gegenteil. Das kritisiert Bürgermeister Michael Müller im Interview.

Herr Müller, im jüngsten Kreis-Infrastrukturausschuss sagte der zuständige Abteilungsleiter am Staatlichen Bauamt Weilheim, Martin Herda, deutlich, dass die B11-Verlegung erst nach der Umsetzung der S7-Verlängerung erfolgen wird. Macht Sie das nervös?

Bürgermeister Michael Müller: Ich habe die Botschaft zur Kenntnis genommen. Aber aus meiner Sicht kann das letzte Wort nicht gesprochen sein. Wenn man sich die Verkehrszahlen anschaut, kann es doch nicht sein, dass wir einen Planungshorizont zum Sankt-Nimmerleins-Tag haben.

Martin Herda sprach von 40 000 Fahrzeugen pro Tag.

Müller: Bei den Verkehrszählungen 2018, 2019 waren es noch 37 000. Wir sind eine wachsende Region, der Verkehr nimmt immer weiter zu. In zehn Jahren werden wir bei um die 50 000 Autos liegen.

Sie sehen es tagtäglich aus dem Rathausfenster: 40 000 Autos pro Tag – was bedeutet das für die Stadt?

Müller: Wir ersticken im Verkehr. Jeder, der am Freitagmittag vom Schulzentrum auf die B11 will oder Montagfrüh an der Elbestraße steht, erlebt das. Die B11 ist stark belastet, die Kreuzungspunkte in die Stadt sind völlig überlastet. Das schnürt uns im täglichen Leben ein, es schnürt die Wirtschaft ein, und auch das Wohnbauproblem können wir ohne funktionierende Infrastruktur nicht in den Griff bekommen.

B11-Verlegung bei Geretsried erst nach S-Bahn-Verlängerung vorgesehen

Sie sprachen vom Sankt-Nimmerleins-Tag, Herr Herda von einem Zeitpunkt nach der S7-Verlängerung. In welchem Jahr befinden wir uns?

Müller: Ich kann nichts über die Verfahren sagen, weil die Stadt nicht die Planungshoheit hat. Aber wenn ich mir das so anschaue, wären wir mit der B11-Verlegung dann Mitte der 2030er-Jahre. Dabei kommt die B11 im Bundesverkehrswegeplan auf einen volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Faktor von über drei, während die S-Bahn gerade mal an der Eins kratzt. Das heißt, der Straßenbau hat höchste Priorität und den verschieben wir um 15 Jahre – oder wann auch immer es dann losgeht.

Hat Sie die Aussage im Kreis-Infrastrukturausschuss überrascht?

Müller: Unsere Gespräche mit dem Straßenbauamt gingen in diese Richtung. Man spürt das immer, wenn noch ein Gutachten gemacht wird. Aber diese harte Aussage habe ich jetzt erst durch die Sitzung vernommen. Ich war selbst nicht dabei, ich habe es aus der Zeitung erfahren. Aber wir werden das nicht unwidersprochen hinnehmen.

Warum nicht?

Müller: Das ist viel zu spät. 2016 wurden wir mit der B11-Verlegung in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. 2017 war der Bundesverkehrsminister sogar hier und hat selber gesagt, dass der B11-Ausbau wichtig ist. Auf Grundlage der Verkehrszählungen in den Jahren zuvor wurde das Projekt als vordringlicher Bedarf eingestuft. Wie muss dann der Bedarf einzustufen sein, wenn ich 20 000 Autos dazurechne? Höchstvordringlich? Wenn wir unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhalten wollen, können wir nicht noch 15, 20 weitere Jahre warten. Noch dazu kommt: Wenn erst die S-Bahn-Trasse und danach die B11 gebaut wird, haben wir hier an der Herzschlagader der Stadt 15, vielleicht 20 Jahre eine Großbaustelle.

Wie erklären Sie sich die Verzögerung?

Müller: Als wir in den Bundesverkehrswegeplan gekommen sind, hat das Straßenbauamt umgehend unsere Unterlagen angefordert; verbunden mit dem Hinweis, es könne sofort losgehen. Damals waren wir selbst überrascht, dass so etwas in Deutschland auch so schnell gehen kann. Es hieß, 2,8 Kilometer Straße, kein Tunnel und im Einvernehmen mit der örtlichen Gemeinde, das wäre alles relativ schnell durchzuführen. Wir hatten die Entwurfsplanung bis Leistungsphase drei erstellt und die Unterlagen 2018 übergeben. Im Jahr darauf kam die Frage auf, ob die Verkehrszahlen noch aktuell sind, also wurden neue Messungen gemacht. Was ja nicht falsch ist, aber das hat ein knappes Jahr gedauert. 2020 hat man ein neues Gutachten präsentiert, das besagt: Wir hatten höhere Verkehrsmengen als 2016. Außerdem müssen wir die Anbindung an der Nikolauskapelle, am Autobahnzubringer und die Anschlüsse in die Stadt Geretsried betrachten. Jetzt heißt es, das Ganze wird erst passieren, wenn die S-Bahn gebaut ist. Ich möchte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Straßenbauamts keine Vorwürfe machen. Ich verstehe das.

Bürgermeister fordert Tempo bei B11-Verlegung

Inwiefern?

Müller: Die letzte große Infrastrukturinvestition in diese Straße war vor 30 Jahren der vierspurige Ausbau von Wolfratshausen nach Geretsried. Danach ist bis auf ein paar Angleichungen von Einmündungen nichts mehr passiert. Nach der Wiedervereinigung sind viele Mittel in den Aufbau Ost geflossen. Dadurch haben wir große Investitionsstaus im Planungsbereich des Straßenbauamts: Die Unterführung Starnberg, die Umgehung in Bad Tölz und der Kramertunnel in Garmisch-Partenkirchen. Das Straßenbauamt hat ja auch nur begrenzte Kapazitäten. Als Amtsleiter organisiert man das so, dass alles nacheinander abgearbeitet werden kann. Und da fällt Geretsried jetzt hinten runter. Das ist die Realität.

Wenn Sie es sich wünschen könnten: Wie wäre der optimale Ablauf?

Müller: Sofort an die Sache ranzugehen, wäre mir das Liebste. Also wie es uns in den ersten Gesprächen versprochen worden war, die B11-Verlegung schnell und unverzüglich und vor der S7-Verlängerung umzusetzen. Aber der Zug ist abgefahren, befürchte ich. Das Mindeste wäre für mich, die Verlegung zusammen mit der Verlängerung umzusetzen. Alles andere ist für mich inakzeptabel.

Ist das realistisch?

Müller: Beide Projekte haben unterschiedliche Planungsträger. Die Regierung von Oberbayern ist für die B11-Verlegung zuständig, DB Netz und Eisenbahnbundesamt für die S7-Verlängerung. Die Problematik ist nicht von der Hand zu weisen. Aber beides läuft zusammen beim Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr. Das muss jetzt ran. Es muss eine Projektgruppe gründen. Für die B11 wurde noch nicht einmal ein Planfeststellungsverfahren eröffnet. Und das Planfeststellungsverfahren der S-Bahn geht noch von der alten B11 aus. Außerdem ist der Bauraum zwischen Blumenstraße und Rathaus begrenzt. Der alte Verkehr muss laufen, während eine vierspurige B11 und die S-Bahn-Trasse gebaut werden. Da kommen wir in Engpässe. Wenn wir eine Lösung anstreben wollen, müssen alle Beteiligten an einen Tisch unter der Leitung des Ministeriums. Die große Politik muss sich klar zu beiden Projekten bekennen. Und man kann die Gemeinden und die Straßenbauämter vor Ort nicht hängen lassen. Es müssen die nötigen Ressourcen geschaffen werden.

Mit Blick auf den Klimawandel ist immer die Rede davon, dass man weg müsse vom Auto. Ist ein Straßenausbau überhaupt noch zeitgemäß?

Müller: Die Frage ist berechtigt. Aber wenn ich im Rahmen der Verkehrswende auf das Elektro-Auto, Wasserstoff oder Erdgas setze, bleibt mir der Individualverkehr erhalten. Ich glaube, es ist ein Trugschluss, dass der verschwindet. Zurzeit geht der Trend ja sogar eher wieder hin zum Individualverkehr. Der Straßenausbau hat seine Berechtigung. Aber wir brauchen alle Verkehrsmittel. Die S-Bahn ist zwingend, ohne sie hätten wir ja noch mehr Verkehr.

sw

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