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Mit Leinen und Gurten gesichert, arbeiteten Anfang Februar 2006 Feuerwehrkräfte auf dem Dach des Geretsrieder Gymnasiums. Für die Schüler hatte der extreme Winter eine gute Seite: fast eine ganze Woche zusätzliche Ferien.

Schaufeln bis zur Erschöpfung

Vor 10 Jahren: Der Landkreis versinkt im Schnee-Chaos

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Bad Tölz-Wolfratshausen - Vor zehn Jahren wütet der Winter im Landkreis: Hallen sind gesperrt, Schulen geschlossen. Besonders in Geretsried ist die Lage dramatisch. Ein Statiker stürzt bei seiner Arbeit in die Tiefe.

Permanentes Tauwetter und kaum Schnee: Heuer hat sich der Winter noch nicht so recht blicken lassen. Vor genau zehn Jahren ist das ganz anders. Die weißen Berge auf den Dächern wachsen höher und höher. Am Freitag, 10. Februar 2006, werden Rettungskräfte aus dem gesamten Landkreis in Geretsried zusammengezogen. „Nirgendwo im Landkreis schneit es so viel wie bei uns“, kommentiert die damalige Bürgermeisterin Cornelia Irmer.

Der Winter hat die Region fest in der Hand

Der Winter hat die Region fest in der Hand. Schon drei Tage zuvor, am Dienstag, wird die Biokompostieranlage der WGV Quarzbichl bei Beuerberg gesperrt. Pro Quadratmeter Dachfläche lasten knapp 135 Kilogramm Schnee und Eis auf ihr. Auch die Sitzungssäle im Landratsamt sind geschlossen, für das Geretsrieder Eisstadion gilt ein absolutes Betretungsverbot. Am Mittwochmittag lässt das Landratsamt alle sechs Turnhallen des Kreises abriegeln. Auch die Stadt Geretsried schließt ihre Turnhallen und lässt das Schwimmbad um 16 Uhr evakuieren. Zwei Stunden später rücken sieben Feuerwehren nach Egling aus: Das Schuldach droht unter der Last des Nassschnees einzustürzen. An der Lausitzer Straße in Geretsried bricht in der Nacht auf Freitag eine Werkhalle in sich zusammen. Und in Münsing zerstört die gut 20 Zentimeter dicke Eisschicht auf dem Starnberger See einige Bootsstege.

Die Schüler freut's: Sie haben frei

Für die Schüler hat der extreme Winter auch seine guten Seiten: Am Donnerstag sperrt die Stadt Geretsried ihre Schulen und Kindergärten zu, am Freitag zieht Wolfratshausen nach. Das Landratsamt lässt das Geretsrieder Schulzentrum schließen. 2000 Mädchen und Buben, die dort normalerweise unterrichtet werden, haben fast eine komplette Woche zusätzliche Ferien. Vier komplette Schultage fallen aus.

Dafür arbeiten Feuerwehrleute aus Geretsried und vielen Nachbargemeinden, die Mitglieder des Technischen Hilfswerks, des Roten Kreuzes, der Wasser- und der Bergwacht bis zur Erschöpfung auf den Dächern. Obwohl viele bis in die tiefe Nacht hinein Schnee schippen, ist die Stimmung gut, berichtet unsere Zeitung damals. Auch dass die neuen Schneeschaufeln in regelmäßigen Abständen auseinanderbrechen, nehmen die Helfer gelassen: In der zur Kantine umfunktionierten kleinen Aula im Schulzentrum lachen sie am Samstag während der Mittagspause bei einem Rahmschnitzel darüber. Besonders am Abschnitt Gymnasium geht es nur zäh voran. Die endlose Schneedecke tragen Helfer in kleinen Gruppen ab – mit Leinen gesichert, die an einem Kran befestigt sind. „Gefühlte 5000 Zentner waren das heute schon“, beteuert ein junger Mann und setzt ein gequältes Lächeln auf.

Ein Statiker stürzt vom Hallendach

Zur Kontrolle der Gebäudesicherheit sind Statiker gefragt. Für den Geretsrieder Harald Sachers, heute 83, endet ein Arbeitseinsatz auf der Intensivstation in der Harlachinger Klinik. Der Bauingenieur und frühere CSU-Stadtrat stürzt bei einer Prüfung durch das Dach einer Werkshalle in Geretsried drei Meter in die Tiefe. Er fällt auf den Rücken und bricht sich mehrere Rippen und Wirbel, berichtet seine Frau Sybille. Die Wirbelsäule wird in einer Operation stabilisiert. Weil die Lunge durch den Aufprall gestaucht wurde, wird Sachers künstlich beamtet. Wegen der Schmerzen befindet er sich einige Tage in einer leichten Narkose. Die Genesung dauert Wochen.

Mitte Februar hört der Schneefall endlich auf. Es herrschen frühlingshafte Temperaturen. Die Einsatzkräfte kommen aber nicht zur Ruhe, sondern haben wieder viel zu tun: Das Tauwetter überflutet zum Beispiel den Keller und das Erdgeschoss des Neubaus der Geretsrieder Feuerwehr an der Elbestraße.

Das Landratsamt will keinen Katastropenfall ausrufen

In ihrer Bilanz lobt Bürgermeisterin Irmer einige Tage später die Einsatzkräfte. Gleichzeitig kritisiert sie das Landratsamt. Ihrem Wunsch, zumindest für Geretsried den Katastrophenfall auszurufen, kam die Behörde nämlich nicht nach. So hätte auch die Bundeswehr hinzugezogen werden können, und die Stadt müsste die Rechnungen für private Räumdienste nicht selbst bezahlen. „Doch das hat man uns verwehrt“, ärgert sich Irmer. Sie mutmaßt, „dass in Bad Tölz wohl nicht so klar erkennbar war, was sich in unserer Stadt abspielt.“

dor

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