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Die Ratsch'nboum ziehen an den Kartagen durch Geretsried.

Alte Bräuche gibt’s jetzt auch mit Nutella

Vor 70 Jahren kamen die ersten Egerländer in die Stadt

Geretsried – Viele ihrer Bräuche pflegt die „Eghalanda Gmoi z’ Geretsried“ noch heute. Das Osterratschen und der besondere Maibaum gehören in der Stadt zum gewohnten Bild. Andere Sitten und Gewohnheiten werden in den Familien weitergegeben.

Vor 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen aus dem Egerland in Geretsried an. Ihre Bräuche pflegt die Egerländer Gmoi noch heute – zum Beispiel das Erlernen des Egerländer Dialekts. Es gibt aber noch viele weitere Sitten und Bräuche, die in Geretsried weitergeführt werden.

Osterratschen

Die Ratsch'nboum ziehen an den Kartagen durch Geretsried.

Bereits an Ostern 1947, ein Jahr nach ihrer Ankunft im Barackenlager auf der Böhmwiese, zogen einige Buben im Alter von sechs bis 15 Jahren zum Osterratschen los. Mit lautem Geklapper und Geratsche auf Holzinstrumenten ersetzen die Ratschenkinder in der Karwoche das Läuten der Kirchenglocken. Diese sind einer Legende nach von Gründonnerstag bis Ostersonntag ausgeflogen, um sich den päpstlichen Segen in Rom zu holen. „Das Ratschen ist kein typischer Brauch aus dem Egerland. Es ist in Oberbayern und Franken weit verbreitet“, erklärt Helmut Hahn, der Vorsitzende der Egerländer Gmoi, dessen Vater aus Karlsbad stammt und dessen Mutter Ungarndeutsche ist. Während es bis vor wenigen Jahren nur Ratsch’nboum gab, sind nun auch Mädchen mit von der Partie. Am Abend des Karsamstag entzünden die Kinder mit der Gmoi ein Osterfeuer auf der Böhmwiese. In Geretsried hat sich der Brauch entwickelt, den Anführer der Ratsch’nboum im Schwaigwaller Bach zu baden. Nicht gehalten hat sich dagegen die Sitte, vor Ostern eine Strohpuppe durch die Straßen zu tragen und sie dann anzuzünden, um den Winter auszutreiben.

Maifeier

Der kahle Maibaum der Egerländer, den die Burschen ebenfalls seit 1947 vor dem Rathaus aufstellen, ist nichts Ungewöhnliches in Bayern. Südlich von Geretsried, zwischen Königsdorf und Bad Tölz, werden viele Bäume am Morgen des 1. Mai frisch geschlagen, entrindet und ohne weiß-blaue-Bemalung aufgestellt. Die mit Kranz und Bändern geschmückte Fichte der Egerländer Gmoi steht allerdings im Gegensatz zu den bayerischen Maibäumen nur einen Monat lang. Helmut Hahn erzählt: „Die Tachauer, die damals im Rathaus untergebracht waren, fällten ihren ersten Maibaum 1947, einen Tag vor dem 1. Mai. Die Graslitzer von der Böhmwiese gegenüber versuchten, ihn wie in Bayern üblich zu stehlen.“ Es war der einzige Diebstahlversuch in der 70-jährigen Geschichte.

Sonnwendfeuer

Das Sonnwendfeuer ist ein uralter heidnischer Brauch zur Sommer-Sonnenwende, den man auch im Sudetenland kannte. Erstmals entzündeten die Egerländer um 1950 ein Feuer vor dem damaligen Gasthaus Böhm auf der nach dem Wirt Bruno Böhm benannten Böhmwiese. Mit einem Spruch im Egerländer Dialekt, den traditionell Marius Hammerschmied aufsagt, werden Eichenlaubkränze ins brennende Feuer geworfen. „Kirwa Kirwa“ steht für Kirchweih am dritten Sonntag im Oktober. Die Gmoi feiert den Tag immer intern mit 30 bis 40 Mitgliedern. Die ledigen Männer holten ihre Angebeteten früher zuhause ab und brachten ihr ein Ständchen oder ein Musikstück dar. Sie erhielten dafür von den Familien Schnaps und eine Brotzeit. Was nicht gleich verzehrt wurde, kam in ein Leiterwagerl und wurde von Haus zu Haus mitgezogen. Am Ende wurde alles beim Kirchweihtanz aufgeteilt, der meist in einem Gasthaus stattfand. Seit rund 20 Jahren ist die letzte Station der Kirwa-Fahrt der Weinkeller von Franz Wagner. Heute, wo es kaum noch Ledige unter den Männern und Frauen gibt, haben sich feste Anlaufpunkte herausgebildet: Das Mittagessen servieren die Hahns, bei Marlis Effenberger gibt es Kaffee und Kuchen. „Kirwa war ein wichtiges, geselliges Fest in der alten Heimat und ist es noch hier“, sagt Helmut Hahn.

Weihnachten

Fast von Anfang an sind die Egerländer auf dem Christkindlmarkt mit einem Stand vertreten. Sie verkaufen Bahschnitz, ein typisch böhmisches, geröstetes Brot mit Knoblauch und Schweineschmalz, sowie Liwanzen. Das sind in speziellen Pfannen gebackene Hefeteigküchlein mit Pflaumenmus, Zimt und Zucker. „Die Kinder lieben die Liwanzen mit Nutella“, sagt Hahn. Es ist ein Zugeständnis an die moderne Zeit. Nur noch in manchen Familien gepflegt wird der Brauch, an Heiligabend sieben verschiedene Speisen zu essen. Marlis Effenberger hält sich daran. Erst gibt es Pfannkuchensuppe, dann Fisch mit Kartoffel- und Selleriesalat, sagt sie. Zum Nachtisch dann einen Striezel und später Punsch mit Gebäck.

Tracht

Die Frauen nähen ihre Kleider und Schürzen noch selbst. Sie sind nicht einheitlich wie der bayerische, schwarze Schalk, sondern in Verarbeitung, Farben und Mustern unterschiedlich. Der Dachverband der Egerländer in Deutschland bietet sogar Nähkurse an. Die Männer lassen ihre dunkelbraunen Lederhosen mit dem breiten Latz bei einem Schneider in Lenggries anfertigen. Die kurzen Jacken näht ein Schneider am Achensee, und die Stiefel stammen von einem Schuhmacher aus Prag, der auch die Prager Oper beliefert. Einige Männer besitzen noch einen Power – einen schweren Mantel zum Überziehen. Floderer heißt der Hut.

Dialekt

Die älteren Egerländer wie Inge Klier (82) aus der Nähe von Karlsbad sprechen den Dialekt perfekt. Schwierig an ihm sind die vielen unterschiedlich ausgesprochenen Vokale. Die Kinder lernen den Dialekt der Großeltern im Rahmen der regelmäßigen Sing- und Tanzproben. Beim Krippenspiel, das sie einmal in den Ratsstuben aufführten, sprachen alle jungen Mitwirkenden egerländisch. „So lange die Gmoi besteht, wird auch unser Dialekt bestehen“, sagt Helmut Hahn.

von Tanja Lühr

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