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Interview zum Einjährigen: Über ihre ersten Projekte sprachen wir mit (v. li.) Felix Leipold, Laura Diebl und Kerstin Meier (2. v. re.). Mit dabei waren Stadtjugendpflegerin Sonja Schütz (Mitte) und Jugendreferentin Heidi Dodenhöft, die die Jugendräte bei ihrer Arbeit begleiten.

Interview zum einjährigen Bestehen des Jugendrats

Jugendrat: Erste Erfolge und das Problem mit dem Alkohol

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Geretsried – Ein Jahr Geretsrieder Jugendrat: Zum ersten Geburtstag sprachen wir mit den Jugendräten über erste Erfolge, langwierige Prozesse und das Problem mit dem Alkohol

Vor genau einem Jahr war Wahlabend. 421 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren hatten ihr Kreuzchen gemacht: Sie wählten aus 20 Kandidaten die ersten zehn Geretsrieder Jugendräte. Seitdem ist viel passiert: Die Gruppe organisierte ein Kino-Open-Air, engagierte sich für den Kulturherbst und hat ihre Meinung zur Zentrumsgestaltung am Karl-Lederer-Platz geäußert. Über ihr erstes Jahr als Vertreter der Jugendlichen haben wir exemplarisch mit Laura Diebl (15), Kerstin Meier (15) und Felix Leipold (17), gesprochen.

Liebe Jugendräte, wir haben im Archiv geblättert: Seit Eurer Wahl haben wir in jeder zehnten Ausgabe über den Jugendrat berichtet. Seid Ihr überrascht, dass Ihr so viel bewegen konntet?

Kerstin Meier: Ja, definitiv. Es ist schön, dass wir als neue Gruppe im ersten Jahr so viel Aufmerksamkeit von den Leuten bekommen haben. Und dass unser Engagement gesehen wird.

Welche Veranstaltung ist am meisten in Erinnerung geblieben?

Das Kino-Open-Air.

Felix Leipold: Ganz klar das Open-Air-Kino im Oktober auf der Böhmwiese. Es war unsere erste Veranstaltung, und dann gleich eine richtig große. Unser Motto: Einfach drauf los und schauen, was passiert. Unterm Strich waren nur 100 Leute da. Aber wir konnten lernen und die positiven und negativen Dinge gegenüberstellen. Das Positive hat eindeutig überwogen.
 
Das klingt sehr diplomatisch. Wart Ihr nicht enttäuscht?

Felix: Doch, schon. Das Open-Air-Kino war ein Angebot, das sich die jungen Leute immer gewünscht haben. Dass dann so viele kamen, war überraschend. Der Termin im Oktober war nicht optimal, wir haben ihn aber bewusst gewählt und mussten verschiedene Dinge unter einen Hut bringen: Einerseits den Jugendschutz, und gleichzeitig musste es draußen dunkel genug sein. Außerdem wollten wir gleich etwas Großes bewegen und nicht ein Jahr verstreichen lassen.

Gibt’s einen zweiten Versuch?

Laura Diebl: Dieses Jahr nicht. Wir wollen langsamer machen und haben andere Schwerpunkte gesetzt: Kleinere Dinge, bei denen man sich nicht übernimmt. Wir beteiligen uns zum Beispiel am „Café International“ mit Angeboten für junge Asylbewerber und andere junge Geretsrieder. Felix engagiert sich für eine Verbesserung der Bus-Situation nach Bad Tölz. Und wir haben ein Voting gestartet, welche Bands bei der „Young Music Night“ im Rahmen des Kulturherbstes auftreten sollen.

Felix: Am Johannisplatz wollen wir außerdem einen Rückzugsort für Jugendliche schaffen. Das ist eine coole, aber auch heikle Sache. Ich persönlich glaube, dass die Anwohner nicht so glücklich sein werden. Deswegen müssen wir sehr sensibel vorgehen.

Auf Jugendliche wird schnell geschimpft. Drei Stichworte: Lärm, Vandalismus, Alkohol-Eskapaden.

Laura: Was schiefgeht, wird schnell auf Jugendliche geschoben – obwohl es ja auch Ältere gewesen sein können. Und selbst wenn es Jugendliche waren, waren es Einzelne. Leider werden alle immer schnell in einen Topf geworfen.

Felix: Vorige Woche habt Ihr in Eurer Zeitung berichtet, dass eine Anwohnerin trinkende Jugendliche am Wiesensteig, draußen hinter dem FFG-Platz, der Polizei gemeldet hat. Bei solchen Meldungen koche ich innerlich. Jeder war mal jung. Und die Jugendlichen sind extra in die Pampa gegangen, um keinen zu stören.

In Geretsried stehen einige Großprojekte an: Neues Zentrum, neue Wohnungen am ehemaligen Lorenz-Areal. Rücken da die Belange der Jugend in den Hintergrund?

Kerstin: Es gibt nicht genügend Vergnügungsmöglichkeiten in der Stadt. Das Kino zum Beispiel fehlt sehr, und um eine Wiedereröffnung ist es sehr ruhig geworden.

Felix: Was Vergnügungsmöglichkeiten für unsere Altersstufe angeht, stirbt Geretsried. In Bad Tölz gibt’s zum Beispiel megaviele Kneipen. Da schaut es bei uns ganz düster aus. Wir brauchen Attraktionen, die die Jugend ansprechen.

Kerstin: Es gibt Programme für Kinder und Erwachsene, aber die Jugend als Mitte der Gesellschaft fehlt. Die Jugendlichen ziehen sich zurück oder haben Langeweile und machen Radau. Dann schimpfen die Leute wieder.

Dann geht doch auf den Sportplatz.

Laura: Für den Schulsport langen die Anlagen noch. Aber das Isarau-Stadion, das Schwimmbad und Eisstadion müssten dringend hergerichtet werden.

Felix: Das Eisstadion ist so eine Sache. Ich bin Eishockeyfan, aber ich finde trotzdem, dass die Sanierung der Mittelschule eine höhere Priorität hat. Diejenigen, die auf eine Schule gehen, könnten irgendwann mal der Ingenieur des Eisstadions sein. So sollte man denken.

Kerstin: Ich fürchte, dass wir irgendwann jetzt dann auch kein Schwimmbad mehr haben, wenn die Technik kaputt geht.

Felix: Dann verliert Geretsried einen Magneten. Die Sportstadt? Das kann man nicht mehr sagen. Was wir noch haben, sind der Stadtlauf, der Firmenlauf und die Bundesjugendspiele. Das war’s.

Ihr engagiert Euch für den Kulturherbst.

Bei der Arbeit

Kerstin: Das ist uns ein sehr wichtiges Anliegen. Hier kann die Jugend ihr Interesse beweisen. Es wird etwas geboten, jetzt müssen wir es annehmen. Das Online-Voting für die Bandauswahl im Internet war gut. Jetzt entscheidet der Veranstalter, wer eingeladen wird.
 
Provokant gesagt: In der „Young Music Night“ besaufen sich alle.
 
Felix: Das wäre schade – und es wird nicht so sein. Wir haben beim Open-Air-Kino zum Beispiel bewusst Bier ausgeschenkt. Und siehe da: Bier war das unter Jugendlichen am wenigsten verkaufte Getränk. Um das zu beweisen, mussten wir unbedingt Bier verkaufen. Eskapaden sind Einzelfälle, das muss man hervorheben. Jede Woche steht in der Zeitung, dass sich irgendwo ein 30-Jähriger in der Disco schlägert. Das ist normal. Aber wenn sich ein 17-Jähriger betrinkt, ist das ein Drama.

Ihr seid das beste Beispiel, dass die Jugend an der Gestaltung Geretsrieds interessiert ist. Wie reagieren die Leute auf Euer Engagement?

Kerstin: Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Viele sind froh, dass wir etwas machen – aber das sind eher Ältere. Die Jugendlichen nehmen das nicht so wahr. Unsere Freunde sind aber froh, dass mal wieder was los ist.

Felix: Jetzt, nach einem Jahr, würde mich ein Stimmungsbild interessieren. So eine Art Sonntagsfrage: „Wenn jetzt Jugendratswahl wäre...“. Ich wollte unbedingt in den Jugendrat, das war mein Ziel. Wenn ich nicht reingekommen wäre, hätte ich das heute noch nicht verkraftet (lacht). Zusammen mit meinen Spezln haben wir richtigen Wahlkampf gemacht: mit Motto, Videos, Facebook-Seite. Das hat richtig Spaß gemacht.

Da gab es doch auch Mitschüler, die gesagt haben: Der spinnt, der Typ.

Felix: Natürlich haben einige gesagt: „Komm, halt mal den Ball flach.“ Aber die meisten fanden das gut.

Ihr seid ein bunt zusammengewürfelter Haufen: zwischen 13 und 18 Jahre alt, verschiedene Schulen. Wie hat die Zusammenarbeit am Anfang funktioniert?

Kerstin: Wir hatten im Oktober ein Teamwochenende am Staffelsee. Danach war vieles besser, weil wir die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen herausgefunden haben.

Laura: Man wächst zusammen. Als Julia Huptas gehen musste, weil sie von Geretsried nach Egling gezogen ist, waren wir alle traurig. Da sieht man, wie gern wir uns haben.

Hat’s auch schon mal richtig gekracht?

Laura: Es gibt verschiedene Meinungen, aber eine richtige Krise hatten wir noch nicht.

Felix: Als ich die Sprecherwahl verloren habe, da war bei mir Krise. Da habe ich lange geknabbert, dass ich von den anderen Jugendräten nicht gewählt wurde. Aber ich hab’s verkraftet.

Kerstin: Die meisten Krisen gibt’s eigentlich mit Terminen. Es gibt Schulaufgaben, Vereine, Sport – und jetzt auch den Jugendrat. Um uns die Zeit einzuteilen, versuchen wir uns bei den Veranstaltungen aufzuteilen.

Politik hat ein starres Korsett. Man muss viel und lange reden, um etwas zu bewegen. Nervt das?

Laura: Wir sind nicht enttäuscht. Mit der Zeit bekommt man mit, was man wie machen muss. Dass Projekte dauern werden, war mir bewusst. Dass es teilweise so lange dauert, ist nervig. Aber wenn man mit vollem Herzblut hinter einem Projekt steht, dann geht was vorwärts.

Kerstin: Beim Open-Air-Kino dachten wir erst, das wird eine leichte Nummer. Aber dann hat sich herausgestellt: Es war ein enormer Aufwand.

Wie ist Euer Kontakt zur Verwaltung und den Stadträten?

Laura: Manche Stadträte verlangen ein bisschen viel von uns. Also dass wir uns politisch äußern und fertige Anträge auf den Tisch legen.

Felix: Einige waren schon mal in einer Sitzung. Und von außerhalb kommen immer wieder mal Gäste. Happy Hahn von der Egerländer Gmoi war da. Und Frau Zwicknagl vom Kulturamt hat uns durchs Museum geführt. Wir nehmen auch am politischen Leben teil, aber man muss auf die Leute zugehen. Die beste Möglichkeit sich auszutauschen, war bisher der Festzug beim Volksfest. Danach saßen wir alle im Zelt zusammen.

Und der Kontakt zum Bürgermeister?

Felix: Er war einmal da. Unsere Anliegen gibt Heidi Dodenhöft (Jugendreferentin, Anm. d. Red.) weiter. Wenn wir beide ratschen, interessiert sich Herr Müller immer sehr, was im Jugendrat passiert. Bisher durften wir immer unser Ding durchziehen.

Werdet Ihr in die Zentrumsgestaltung am Karl-Lederer-Platz einbezogen?

Kerstin: Architekt Klaus Kehrbaum hat uns die Pläne vorgestellt. Geretsried ist eine Stadt, die wächst. Ich finde gut, dass man also ein paar Stockwerke höher baut. Aber es sollte mehr Grünflächen geben als in den jetzigen Planungen.

Laura: Beton auf Beton ist nicht schön.

Felix: Geretsried ist eine Stadt im Grünen, das muss man erhalten. Ich werde immer tierisch sauer, wenn alle alten Häuser mit großen Gärten weggerissen werden und neue, dreistöckige Blöcke entstehen. Das macht das Urbild der Stadt kaputt. Ich find’s cool, dass wir wachsen, aber damit geht auch ein Stück Geschichte kaputt. Und die Ur-Geretsrieder hängen an ihrer Geschichte.

Wie gefallen Euch die Entwürfe fürs Zentrum?

Laura: Am Anfang waren wir etwas überrumpelt. Aber ich finde schon gut, was da geplant wird.

Felix: Im Zentrum kann man leider keinen Treffpunkt für Jugendliche schaffen, das gäbe Ärger. Deswegen ist es wichtig, Treffpunkte außerhalb zu finden, an denen Jugendliche ihre Ruhe haben und keinen stören. Aber trotzdem nicht von der Zivilisation weg sind.

Fazit nach einem von drei Jahren Jugendrat: Würdet Ihr wieder kandidieren?

Laura: Das kommt darauf an, wie es mit der Schule weitergeht und ob die Zeit reicht. Dann würde ich „Ja“ sagen.

Kerstin: Bei der nächsten Wahl sind Laura und ich 17, da kann schon alles anders sein. Vielleicht gehen wir arbeiten und müssen deswegen wegziehen. Rein von der Lust wären wir aber definitiv wieder dabei.

Was steht demnächst an?

Laura: Wir waren im Landtag. Jetzt planen wir, auch in den Bundestag nach Berlin zu fahren.

Felix: Und wir besuchen in Brüssel die Bayerische Vertretung und stellen uns dort als Jugendrat vor. Dafür haben wir uns beim Bayerischen Jugendring beworben und sind aus vielen Kandidaten ausgewählt worden. Das ist eine Ehre für uns.

Das Gespräch führte Sebastian Dorn

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