Mit Namen beschriftete Hände kleben an einer Scheibe, im Hintergrund spielen Kinder
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Heiß begehrt sind Betreuungsplätze: Nicht alle Mädchen und Buben kommen in den Kindertagesstätten unter.

„Wir dürfen nicht locker lassen“

Kinderbetreuung in Geretsried: Bürgermeister Michael Müller spricht im Interview über die angespannte Lage

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Nicht alle Kinder in Geretsried bekommen einen Betreuungsplatz. Bürgermeister Michael Müller erklärt im Interview die Problematik.

  • Rechnerisch reichen die Betreuungsplätze in Geretsried
  • Trotzdem bekommt die Stadt nicht alle Kinder unter
  • Die Problematik ist komplex

Geretsried – Die Kinderbetreuungssituation in der größten Stadt des Landkreises ist seit Jahren angespannt. Auch heuer gibt es Wartelisten. Bürgermeister Michael Müller (CSU) kündigte nach seiner Wiederwahl im März an, dass in dieser Amtszeit die Themen Kinderbetreuung und Schule Vorrang haben sollen. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, warum es der Stadt schwerfällt, alle Kinder unterzubekommen.

Herr Bürgermeister Müller, das neue Kita-Jahr hat begonnen. Konnten in Geretsried alle Kinder untergebracht werden.

Müller: Nein. Der Bedarf an Kinderbetreuung steigt kontinuierlich. Aktuell (Stand Mitte September) fehlen 45 Krippen-, 45 Kindergarten- und 35 Hort- beziehungsweise Mittagsbetreuungsplätze. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Ungefähr 50 Kinder, die auf dieser Liste stehen, brauchen den Platz erst in nächster Zeit. Da wir derzeit noch Maßnahmen umsetzen, um zusätzliche Plätze zu schaffen, bedeutet dies, dass wir einen Teil dieser Kinder noch unterbringen können. Allerdings nicht alle.

Das heißt: Einige Familien bekommen keinen Betreuungsplatz.

Müller: Die Liste ist noch nicht bereinigt, es können deshalb Doppelanmeldungen dabei sein oder Familien, die den Platz doch nicht brauchen oder wegziehen. Tatsache ist aber, dass wir nicht locker lassen dürfen. Es ist immer noch eine herausfordernde Situation.

Was sagen Sie Eltern, deren Kind nicht untergebracht werden kann?

Müller: Wir haben natürlich auch ergänzende Angebote, die nicht in der Statistik Widerhall finden, also Tagesmütter, Krabbelgruppen oder das Mütterzentrum. Das kann eine Übergangslösung sein, bis ein Platz zur Verfügung steht. Natürlich ist es für den unmittelbar Betroffenen schwer zu verstehen, warum er jetzt keinen Betreuungsplatz für sein Kind hat. Es bleibt uns aber nichts anderes, als hier im Einzelfall zu vermitteln und Härtefälle abzufedern.

Woran liegt es, dass die Stadt Schwierigkeiten hat, alle Kinder unterzubekommen?

Müller: Das ist eine vielschichtige Problematik. Ich muss vorausschicken, dass die Betreuungsquote im Landkreis bei 76 Prozent liegt, in Geretsried haben wir 90 Prozent. Das heißt, wir haben sogar mehr Kinder untergebracht als im Schnitt im Landkreis. Dass trotzdem ein Delta bleibt, ist natürlich nicht zufriedenstellend. Ursache dafür ist zum einen, dass der Bedarf an einer Betreuung für unter Dreijährige in den vergangenen Jahren stark angestiegen ist. Geretsried wandelt sich vom Land zur Stadt. Es geht nicht mehr nur der Papa arbeiten. Und im Großraum München funktioniert das Alleinverdienermodell wirtschaftlich auch gar nicht mehr.

Und zum anderen?

Müller: Zum anderen gibt die Korridorregel Eltern die Möglichkeit, sehr kurzfristig zu entscheiden, ob sie ihr Kind noch im Kindergarten lassen oder schon in die Schule schicken. Das hat die Staatsregierung vor zwei Jahren entschieden, um den Eltern eine möglichst große Flexibilität zu bieten. Dadurch wissen wir im Frühjahr nicht hundertprozentig, wie viele Kinder tatsächlich in den Kindergarten und die Schule gehen. Im Juli haben wir aber keine Chance mehr, auf einen höheren Bedarf zu reagieren. Dieses Unsicherheitsdelta kann man durch Erfahrungswerte ausgleichen, aber die haben wir nach so kurzer Zeit noch nicht.

Warum ändert man diese Regel nicht, wenn sie solche Probleme macht?

Müller: Die kommunalen Verbände kritisieren die Regel massiv, aber das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Es ist politischer Wille. In unserem föderalen System ist es nun mal so, dass der Bund und das Land Wohltaten verteilen und es die Kommunen trifft, die diese Wohltaten umsetzen müssen. Wir würden uns wünschen, dass die einzelnen Ebenen und Spitzenverbände sich hier deutlich mehr abstimmen.

Neben einem steigenden Betreuungsbedarf gibt es also ein strukturelles Problem. Wie wirken sich die Geburtenzahlen auf die Situation aus?

Müller: Das ist das dritte Thema. Es gibt keine absoluten Zahlen, man arbeitet mit Erfahrungswerten. Die Statistik ab dem Zeitpunkt der jüngsten Volkszählung wird unter Berücksichtigung verschiedener Annahmen hochgerechnet. Wir hier in Geretsried haben allerdings die Dynamik des Zuzugs und seit 2015 einen deutlichen Anstieg der Geburtenzahlen, womit man so nicht gerechnet hat. Alle statistischen Zahlen der zurückliegenden Jahre gehen von anderen Steigerungsquoten aus, auf deren Grundlage Betreuungsplätze geplant werden. Aus diesem Grund hinken wir den Zahlen hinterher.

Warum baut die Stadt dann nicht einfach vorsorglich eine größere Kindertagesstätte?

Müller: Das ist ein Problem der Genehmigung. Bei uns im Einwohnermeldeamt sind über 26 000 Bürger registriert. Wenn Sie aber das Statistische Landesamt nach der Einwohnerzahl Geretsrieds fragen, bekommen Sie ungefähr 25 400 zur Antwort. Gut 600 Einwohner fallen also hinten runter. Wenn ich dem Land sage, ich brauche so und so viele Kindergartenplätze, weil ich so und so viel Einwohner habe, schauen die in ihre Statistik und können die entsprechenden Zuschüsse anhand der Zahlen nicht genehmigen. Und ohne die kann ich nicht bauen, sonst wird mir vorgeworfen, ich verschleudere Steuergelder.

„Das ist eine vielschichtige Problematik“: Bürgermeister Michael Müller im Gespräch mit Redakteurin Susanne Weiß über die Kinderbetreuungssituation in Geretsried.

Müssten diese Probleme nicht alle Kommunen betreffen?

Müller: Die politischen Vorgaben wirken sich in den verschiedenen Regionen völlig unterschiedlich aus. Wo ich rückläufige Bevölkerungszahlen und geschaffene Plätze habe, habe ich kein Betreuungsproblem. Wo ich aber eine starke Dynamik mit Zuzug habe, habe ich dieses Betreuungsproblem, bis die Dynamik in den Zahlen abgebildet ist.

Wie viele Betreuungsplätze gibt es aktuell in Geretsried und wie viele sind belegt?

Müller: Wir haben 1497 Plätze geschaffen. Im März waren 1375 belegt. Wir ermitteln gerade die aktuellen Zahlen bei den Trägern.

Rein rechnerisch stehen also mehr Plätze zur Verfügung, als tatsächlich besetzt werden. Woran liegt das?

Müller: Nicht alle Träger haben das Personal, um alle Gruppen, die wir gebaut und geschaffen haben, zu betreiben. Dazu kommt, dass ein Kind mit Integrationsbedarf rechnerisch drei Plätze belegt. Beides sind aber keine Geretsried-spezifischen Probleme.

In Geretsried gibt es keine städtischen Kindertagesstätten, sondern Sie setzen auf freie Träger. Wäre ein zentrales Modell nicht einfacher?

Müller: Ich halte nach wie vor das System der freien Träger für besser, da das eine breitere Vielfalt ermöglicht. Ohnehin würden wir als Stadt auch nicht leichter Betreuungspersonal finden. Zudem haben wir keine Erfahrung im Betreiben von Kindertagesstätten und müssten ein entsprechendes System erst aufbauen. Das würde also auch nicht helfen.

Gab es schon mal Geretsrieder Eltern, die ihren Anspruch auf einen Betreuungsplatz gerichtlich eingefordert haben?

Müller: Das ist ein stumpfes Schwert für Eltern. Da wir formal genügend Plätze geschaffen haben, läuft so eine Klage regelmäßig ins Leere.

Sie haben die komplexe Problematik erklärt. Wie geht die Stadt nun damit um?

Müller: Das eine ist natürlich, auf die kommunalen Spitzenverbände einzuwirken, die Zahlen auf den richtigen Stand zu bringen und von den Zuschussgebern Verbesserungen einzufordern. Das andere ist, Plätze zu schaffen.

Der Stadtrat hat vergangenes Jahr einige kleinere Maßnahmen angestoßen.

Müller: Wir haben den Kindergarten in Gelting erweitert, die Blechkiste ersetzt und vergrößert. Wir haben im AWO-Kindergarten zusätzliche Plätze geschaffen. Gerade bauen wir zwei viergruppige Mittagsbetreuungen an den Grundschulen. Und wir haben eine Großtagespflege auf den Weg gebracht.

Wie geht es weiter?

Müller: Wir planen gerade einen Erweiterungsbau für den Kindergarten in Gelting und eine zehngruppige Einrichtung an der Johann-Sebastian-Bach-Straße. Dort haben wir ein kommunales Grundstück. Mit der Bebauung des ehemaligen Lorenz-Areals kommt eine neue Kita an der Banater Straße hinzu. Da nun die Baugenehmigung für dieses Projekt vorliegt, können wir zu den Genehmigungsbehörden gehen und auf einen höheren Kindergartenbedarf verweisen. Und wir stehen seit zwei Monaten in Verhandlung für eine weitere Kindergarteneinrichtung in einem bestehenden Gebäude. Wenn es uns gelingt, könnten wir die relativ schnell umsetzen. Dazu darf ich aber noch nichts Näheres sagen.

Wann wird an der Johann-Sebastian-Bach-Straße gebaut?

Müller: Ich gehe davon aus, dass wir nächstes, übernächstes Jahr anfangen können.

Und in Gelting?

Müller: Da gehe ich von zwei bis drei Jahren aus.

Was passiert mit der Fläche an der Tattenkofener Straße, auf der die Blechkiste vorher stand?

Müller: Das ist noch offen. Aber ich denke nicht, dass sich die Stelle für eine dauerhafte Betreuungseinrichtung eignet.

Werden die Container der neuen Blechkiste aufgelöst, wenn daneben die Kita an der Johann-Sebastian-Bach-Straße steht?

Müller: Das muss man dann sehen. Aktuell haben wir eine Betriebsgenehmigung für fünf Jahre.

Vom Kindergarten geht es in die Schule. Was steht hier an?

Müller: Auch im Schulsystem gibt es eine Dynamik. Wir sind nicht schlecht aufgestellt, aber wir müssen dranbleiben. Die Erweiterung der bestehenden Grundschulen wird geprüft. Parallel dazu läuft eine Machbarkeitsplanung für eine dritte Grundschule. Was das Thema Digitalisierung angeht, haben wir ab Oktober einen IT-Leiter eingestellt, damit wir auch bei der technischen Ausstattung der Schulen vorankommen.

Wie ist der Sachstand, was die Sanierung und Erweiterung der Adalbert-Stifter-Mittelschule betrifft?

Müller: Wir beginnen ab nächstem Jahr mit dem Erweiterungsbau.

Die Themen Kinderbetreuung und Schulen haben für Sie in dieser Amtsperiode Vorrang. Damit haben Sie sich, wie man sieht, viel vorgenommen.

Müller: Wir haben bereits vieles erreicht, uns aber auch vieles vorgenommen, das stimmt.

sw

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