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Probelauf: Die Ratschenkinder üben auf der Böhmwiese für ihren Einsatz vor Ostern. Marius Hammerschmied (hinten, 2. v. re.) organisiert die Truppe.

Seit 70 Jahren pflegt die Egerlänger Gmoi den Brauch des Osterratschens 

Klappern gehört zu den Kartagen

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In diesen Tagen klappert und knarrt es wieder in den Straßen von Geretsried. Die Ratschenboum ziehen los, so wie bereits vor 70 Jahren. Die Tradition wird immer noch hochgehalten, hat sich aber doch ein bisschen verändert.

Geretsried – Die Böhmwiese, ein paar Tage vor Ostern: „Ihr lauft jetzt dreimal hoch und wieder runter. Macht Euch nicht zu dreckig“, ruft Marius Hammerschmied (17). Er hat sich auf eine Parkbank gestellt, knapp 20 Mädchen und Buben haben sich vor ihm versammelt und hören auf sein Kommando. Die Ratschenboum haben bis Samstag viel zu tun: Es gilt genügend Äste für ein eindrucksvolles Osterfeuer heranzuschaffen.

Das ist jedes Jahr der stimmungsvolle Abschluss für die Ratschenboum auf der Böhmwiese. Würstchen werden gegrillt, und Jugendliche, die im folgenden Jahr nicht mehr mitgehen dürfen, werden mit einem Tauchbad im Bachl verabschiedet. Das war früher nicht so, als der Brauch aus dem Egerland seinen Anfang in Geretsried nahm. Auch das Osterfeuer wurde nicht auf der Böhmwiese aufgebaut, sondern dort, wo heute die Petruskirche steht. Aber das ist nicht das Einzige, was sich seit 1947 verändert hat.

Mädchen und Buben sind heute wilder

Günther Kraus (77), Roland Fleisner (72) und Adolf Fuchs (77) sind heute zu dem Vorbereitungstreffen der Ratschenboum gekommen, um mal zu sehen, ob der Nachwuchs das alles richtig macht. „Macht er, das ist nur ein wilderer Haufen. Wir waren braver“, sagt Kraus.

Mit die ersten Ratschenboum waren (v. li.) Günther Kraus, Roland Fleisner und Adolf Fuchs.

Er, Fleisner und Fuchs gehören zu den ersten Ratschenboum, die mit den ratternden Holzkästen am Bauch durch Geretsried gezogen sind – beziehungsweise durch das heutige Rathaus, worauf sich die Tradition anfangs beschränkte. „Wir haben alle dort gewohnt, und Familie Kugler hat das organisiert“, erinnert sich Fuchs.

Die Buben von damals kannten das Ratschen schon aus ihrer Heimat, dem Egerland. Wenn die Kirchenglocken in der Karwoche schweigen, fliegen sie der Legende zufolge nach Rom. Ihre Aufgabe übernehmen die Ratschenboum und erinnern morgens, mittags und abends ans Gebet. Und zwar mit den Ratschen: verschiedene Konstruktionen aus Holz, die allesamt ein ratterndes Geräusch von sich geben.

Welches Kind welche Ratsche bekommt, ist streng geregelt. „Die Schubkarre ist für die ganz Kleinen, damit fängt jeder an“, erklärt Marius Hammerschmied. Mit sieben oder acht Jahren bekommen die Heranwachsenden den Klapperhammer, weil der leichter ist als die Ratsche. Die gibt es nach ein paar Jahren Erfahrung.

Hammerschmied hat seine selbst gebaut – mit einem Kniff. Seine Kurbel ist links, damit es der Linkshänder leichter hat. Die anderen Ratschen werden „weitervererbt“. „In den 70er Jahren haben wir angefangen, unsere Namen und das Jahr draufzuschreiben“, sagt Roland Hammerschmied (49). Marius’ Papa war selbst mal Ratschenbub. Ehrensache, dass der Sohn den Brauch weiterführt.

Jugend ratscht heute mit Ohrenstöpseln

Die Ratschen von heute, sind „richtige Ratschen“, sagen Kraus, Fleisner und Fuchs. Ihre waren damals so groß, dass sie kaum darüberschauen konnten. „Wir mussten halt die Bretteln nehmen, die da waren“, berichtet Kraus. Gehört hat man sie trotzdem. „Das war ein Lärm im Rathaus, das kann ich gar nicht sagen“, erinnert sich Fleisner. Zu ihrer Zeit gab es immer um die zehn Ratschenbuom. „Es hat sich herumgesprochen: Wer mitgehen will, bekommt eine Ratsch’n, und alle sind mitgegangen“, so Kraus. Heute ließe sich alles leicht per E-Mail, WhatsApp oder Facebook organisieren. Doch das braucht Marius Hammerschmied gar nicht. „Ich rufe alle an und frage, ob sie wieder dabei sind, manche bringen Freunde mit“, sagt der 17-Jährige.

Die Ratschenkinder im Jahr 1950.

Um die 30 Kinder werden am Karfreitag und -samstag durch Geretsried ziehen. Mehr als zu Beginn, aber weniger als zu Hochzeiten. „Ich bin mit 60 Leuten gegangen“, erinnert sich Roland Hammerschmied. Deswegen dürfen heute auch Mädchen mitgehen, erklärt seine Frau Inge (47). Sie war damals immer dabei – allerdings ohne Ratsche. „Ich musste immer hinterherlaufen.“

Und die Ratsche, die macht eigentlich am meisten Spaß, da sind sich die über 70-Jährigen und der 17-Jährige einig. Das Geräusch gefällt allerdings offensichtlich nicht jedem – Die jetzigen Ratschenboum stopfen sich schon mal Stöpsel zum Schutz in die Ohren. „Das haben wir nicht gebraucht“, sagt Fleisner verwundert.

Und noch etwas ist anders: Inge Hammerschmied führt eine Liste mit Ratschenjahren. Danach wird das Geld, das die Kinder unterwegs bekommen, aufgeteilt. Wer sich nicht ordentlich benimmt, bekommt einen Abzug. „Wir haben eine Schelle bekommen“, sagt Fleisner. Er, Kraus und Fuchs hätten nicht gedacht, dass es den Brauch noch in 70 Jahren geben wird, als sie einst durchs Rathaus gelaufen sind. Aber sie sind froh: „Man wartet schon darauf, dass sie kommen.“

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