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Konstantin Wecker in den Ratsstuben.

Unter die Haut, tief ins Herz

Konstantin Wecker begeistert Geretsrieder Publikum

Geretsried – Ratsstubensaal, Samstagabend, 20 Uhr. Konstantin Wecker und seine vier Musiker stehen auf der Bühne - und begeistern das Publikum.

Konstantin Wecker und seine vier Musiker stehen auf der Bühne, Bürgermeister Michael Müller begrüßt die Gäste, an seiner Seite Assunta Tammelleo, die mit dem Team des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL) diesen Abend erst möglich gemacht hat: „Geretsried ist einfach anders – und alle haben zusammengehalten. Dafür ein herzliches Dankeschön.“ Tammelleo dankte stellvertretend Günter Wagner, Inge Hammerschmidt und ihrer Mitstreiterin im KIL-Vorstand, Andrea Weber. Dann begannen drei Stunden Gänsehaut.

Michael Müller und Assunta Tammelleo.

Eine ältere Dame stellte fest: „Je älter der Wecker wird, umso besser wird er“ – und sie sollte Recht behalten. Knapp 30 Lieder enthält die Musikfolge, sein uraltes „Ich singe, weil ich ein Lied hab‘“ als Intro, und das Publikum wusste sogleich, wohin die Reise gehen sollte: Unter die Haut, tief rein ins Herz. Nur schade, dass die, die eigentlich zuhören und die Weckers Texte zum Nachdenken anregen sollten, an diesem Abend nicht im Ratsstubensaal waren. Es folgten „Das macht mir Mut“, „Vaterland“, „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ und „Sag Nein“ – und es wurde von Titel zu Titel immer klarer: Hier zieht ein Mann Bilanz, der viel erlebt, viel bewegt und angeregt und auch viele Fehler gemacht hat. Der sich aber immer treu geblieben, der stets ein „Anarcho-Syndikalist und zugleich ein Früh-Romantiker“ geblieben ist. Wecker blieb sich treu, „aber noch nie habe ich so viele Hassmails bekommen wie in den vergangenen Monaten, doch ich bin immer noch ein Verfechter der Willkommenskultur“. Dieser Wecker lässt sich nicht verbiegen, lässt sich nicht den Mund verbieten.

„Willy“ wurde nicht besungen, aber der Geist der bekannten Ballade war jede Sekunde spürbar, bei jedem Ton, jedem Wort, bei jeder Frau und jedem Mann. Wecker am Flügel und am Mikro ist schon Genuss pur – aber mit den vier Musikern an seiner Seite wurde dieser Abend zu einem einmaligen Event: Fany Kammerlander („die schönste Frau am Cello und am Bass“) spielte auch die Bass-Ukulele, und bei „Gracias a la vida“ sang sie, Johannes Barnikel („mein treuester Begleiter von Anfang an, eigentlich mein Lebensgefährte“) an Klavier, Orgel, Schlagzeug und Percussion, Wolfgang Gleixner (Gitarre und Bass) – und nicht zuletzt Manuel Lopez („die Blues-Legende aus München“): Sie alle bescherten dem Publikum einen Ohrenschmaus.

Weckers Lieder sind das eine, sie sind Ausdruck seiner Ideale von Freiheit, Solidarität, Menschenfreundlichkeit, Liebe und Mut, im rechten Augenblick Halt zu schreien. Aber ganz still und ergreifend wird es immer dann, wenn er aus seinem Leben erzählt. Wenn er sich erinnert, als er vor einem Jahr in Athen zum 90. Geburtstag von Mikis Theodorakis singen und spielen durfte. Sie sangen auf Hebräisch, Griechisch und Deutsch das „Lied aus Mauthausen“, von den verschwundenen Mädchen von Auschwitz und Dachau: „Die ich liebe ist schön, ist unsagbar schön. Man hat sie fortgebracht, und keiner sieht, wie schön sie ist, man hat sie fortgebracht, und keiner weiß wohin.“ Nach der Stille gab es tosenden Applaus, man stimmte überein mit Weckers Devise „Dann sage Nein“.

Das Gleiche galt, als er Georg Heyms Gedicht „Der Krieg“ vortrug – den Text las er als 14-Jähriger, und er ließ ihn nie mehr los. Oder wenn die Fünferbande im Zugabenblock „Lass di foin“ durch den Saal bluest, Fany und Manuel zupfend, Jo und Ko an den Tasten – nie war der Blues schöner, auch J. J. Cale und Mick Jagger wären ergriffen gewesen. Doch Zugaben enden, nach dem „Kleinen Herbstlied“ gab es – „als Schlaflied für die Assunta“ – noch „Buonanotte Fiorellino“ von Franceso di Gregori. Die Angesungene wird wohl Ko am Mikro und Jo am Flügel niemals vergessen.

In einem Nebensatz gab der große Liedermacher der Stadt Geretsried in Person des Bürgermeisters noch einen Rat mit auf den Heimweg. Für den nächsten Geretsrieder Kulturherbst „stellt’s den Günter Wagner wieder an, und gleich die Assunta an seine Seite“.

von Dieter Klug

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