25 Spiele, ein Tor und drei Vorlagen: Eishockey-Profi Korbinian Holzer war mit seiner ersten Saison in der russischen KHL zufrieden.
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25 Spiele, ein Tor und drei Vorlagen: Eishockey-Profi Korbinian Holzer war mit seiner ersten Saison in der russischen KHL zufrieden.

Eishockey

Korbinian Holzer: Mit Awtomobilist in der Achterbahn

  • vonWolfgang Stauner (Redakteur)
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Unterschiedlich große Eisflächen, NHL-Stars im eigenen Team und das frühe Aus in den Play-offs mit Jekatarinburg - Verteidiger Korbinian Holzer (33) hat während seines Gastspiels in der russischen KHL einiges erlebt.

Geretsried/Lenggries – Das Abenteuer von Korbinian Holzer in der Kontinental Hockey League (KHL) ist beendet. Sein Team Awtomobilist Jekaterinburg ist in der ersten Play-off-Runde an Omsk gescheitert. Gleichwohl zieht der 33-jährige Verteidiger, der in Geretsried aufgewachsen ist und in Lenggries wohnt, ein positives Resümee über Mannschaft, Land und Leute.

Servus Herr Holzer, seit ein paar Tagen sind Sie zurück aus Russland. Ist Ihnen der Abschied aus Jekaterinburg schwergefallen?

Es waren erlebnisreiche vier Monate in Jekaterinburg. Es tut mir leid, dass ich die Gegend nur im Winter kennengelernt habe. Es war sehr kalt, und ich hätte die Stadt gerne jetzt im Frühling gesehen. Aber im Grunde überwiegt die Freude darüber, dass ich wieder daheim in Lenggries bei der Familie bin.

Was vermissen Sie am meisten?

Wenn ich etwas vermisse, dann ist es Eishockey im Allgemeinen. Die Saison war für uns nach der ersten Play-off-Runde beendet.

Wie sind Sie bei Awtomobilist im Dezember aufgenommen worden?

Sehr gut. Von Anfang an hat es keine Probleme gegeben. Die Jungs in der Mannschaft sind alle super-nett, das Trainer-Team war gut. Einzig die Sprache war eine Hürde. Einige Spieler haben englisch gesprochen, die haben dann mit den Russen übersetzt. Als ich dann gespielt habe, ist es immer besser geworden.

Ein kanadischen Head Coach, Bill Peters, russische Mannschaft – wie verständigt man sich da?

Durch den Trainer war die Hauptsprache englisch. Das war für mich einfacher, als für die meisten russischen Spieler. Wir hatten auch Meetings, bei denen nur der russische Co-Trainer gesprochen hat, dann sieht man, wie sich das anfühlt, wenn man nichts versteht. Aber viel kapiert man auch bei der Video-Analyse ohne große Erklärung.

Mit Pawel Datsyuk hatten Sie einen ehemaligen NHL-Star mit knapp 1000 NHL-Spielen im Team. Was kann man von so einem Spieler lernen?

Pawel ist Stürmer, ich Verteidiger, insofern ist das schon ein Unterschied. Klar, Pawel ist eine Legende, nicht nur in Russland. Er ist Mitglied im Triple Gold Club, hat also Stanley-Cup, Olympia-Gold und Weltmeisterschaft gewonnen. In der NHL war er ein Jahrzehnt lang vermutlich der beste Defensivstürmer der Liga. Der hat einfach eine Ausstrahlung auf dem Eis und ist auch mit 42 Jahren noch einer der fittesten Spieler. Er ist Profi durch und durch, aber gleichzeitig ruhig und bescheiden. Für mich war es eine Ehre, mit Pawel zusammenspielen zu dürfen.

Eben, in der NHL war Datsyuk mit Detroit ja immer Ihr Kontrahent ...

Ich war froh, diesmal mit ihm in der gleichen Mannschaft zu spielen. Der kann dich schon mal auf einem Bierdeckel ausspielen, wenn’s pressiert.

Wie unterscheidet sich nordamerikanisches Hockey vom russischen?

In der KHL hast du alle Varianten vom Eishockey. St. Petersburg zum Beispiel ist sehr russisch geprägt. Die spielen kaum tief, sind viel in Scheibenbesitz und gleichzeitig technisch sehr beschlagen. Andere Mannschaften wie Kasan spielen sehr aggressiv, die marschieren mit vier Reihen nach vorne. Und dann gibt’s da noch Teams, die finnisch geprägt sind; die spielen defensivstark und haben ein starkes Überzahlspiel. In der KHL ist die komplette Bandbreite vorhanden.

Das hängt ja wohl auch von den Größen der Spielflächen ab ...

Genau. In der Liga gibt’s drei Größen. Zum einen die kleine NHL-Größe, dann das große Feld wie in Deutschland, und der Großteil der Mannschaften spielt auf finnischer Größe – das ist so ein Mittelding. Diese Unterschiede machen auch den Reiz der KHL aus. Aber abgesehen vom Feld sind alle Mannschaften sehr schnell, sehr talentiert.

Und womit kommen Sie besser zurecht?

Die finnische Eisfläche gefällt mir am besten. Man hat in manchen Situationen einen Tick mehr Zeit, du hast aber trotzdem das schnelle und körperbetonte Element aus der NHL mit drin. Das ist eine coole Mittelgröße, die mir viel Spaß gemacht hat.

Der KHL-Spielplan war dicht getaktet. Was kann man da von Land und Leuten kennenlernen?

Ein bissl schon. Durch den engen Spielplan waren wir viel unterwegs: Kasan, Moskau, Sankt Petersburg. Das waren meine ersten drei Auswärtsspiele – alles super Städte. Da würde man gerne einen Tag früher anreisen und sich ein bisserl umschauen. In der Länderspielpause habe ich mehr Zeit gehabt, um Jekaterinburg zu erkunden. Der Pressesprecher von Awtomobilist hat englisch gesprochen. Der hat mir auch ein paar Stadtführungen gegeben. Eine coole Stadt.

Und die Leute?

Ich bin mit allen sehr gut ausgekommen – Physio, Betreuer, alles sehr nette, herzensgute Menschen, die alles für dich machen.

Hierzulande hört man kaum etwas von der Corona-Pandemie in Russland. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht?

Wegen der Sprache habe ich kein Fernsehen geschaut, und kyrillische Zeitungen kann ich natürlich auch nicht lesen. Darum habe ich keine aktuellen Zahlen mitgekriegt. Es gab natürlich Beschränkungen, wie man sie aus Deutschland kennt: Maskenpflicht und Abstand. Aber Supermärkte, Shopping Malls und Restaurants waren offen. Das war schon eine gewisse Normalität im Vergleich zu uns.

Trotz Pandemie sind Fans in den Hallen zugelassen. Wie ausgelassen ist die Stimmung?

Mein erstes Spiel war in Kasan. Ganz sonderbar für mich mit Zuschauern. Beim Deutschland-Cup und davor in der NHL-Bubble war alles total ruhig in den Hallen. Und auf einmal ist wieder Tam-Tam auf der Tribüne – ganz ungewohnt. Aber trotz der Abstände total normal, und die ausgelassene Stimmung ist echt schön.

Sie sind mit Awtomobilist in der ersten Play-off-Runde ausgeschieden. Wie groß war die Enttäuschung?

Omsk ist in der Ost-Konferenz Zweiter geworden und spielt seit Sonntag gegen ZSKA Moskau im Finale um die Meisterschaft. Das ist fraglos ein Top-Team, aber unsere Erwartungen waren trotzdem etwas höher. Aber um nicht gleich in der ersten Runde auszuscheiden, hätte man sich während der Hauptspiele eine bessere Ausgangsposition als Platz sieben erarbeiten müssen. Da waren wir zu wenig konstant. Als Vierter oder Fünfter hätten wir den Großen zunächst aus dem Weg gehen können. Es war immer so ein Auf und Ab. Als ich dazugekommen bin, hatte Awtomobilist sieben Spiele in Folge verloren – da war der Wurm drin. Dann haben wir uns etwas gefangen. Aber es war die gesamte Saison eine Achterbahnfahrt.

Aber gegen Omsk wart ihr auch nicht hoffnungslos unterlegen.

Nein, überhaupt nicht. Bei Fünf gegen Fünf waren wir mindestens ebenbürtig, aber im Powerplay haben sie uns halt sauber pratzelt. Die haben bei fast jeder Überzahl ein Tor geschossen. Am Anfang war die Serie sehr eng. Das zweite Spiel haben wir 3:4 verloren, allerdings haben die Schiedsrichter zwei unserer Tore nach Videobeweis zurückgenommen. Zweimal abseits – echt bitter. Das dritte Spiel haben wir zu Hause gewonnen. Auch im vierten Spiel waren wir vier Minuten vor Schluss 3:1 vorne. Dann kriegen wir zwei Strafen, und Omsk schießt zwei Tore zum 3:3. In der zweiten Overtime haben wir verloren. Da stand’s dann in der Serie 1:3 statt 2:2. Im dritten Heimspiel hat Omsk den Sack zugemacht. Durch unsere schwankenden Leistungen in der Hauptrunde haben wir es wohl auch nicht verdient, dass wir mit dem nötigen Quäntchen Glück weiterkommen.

Ihr persönliches Resümee nach 25 KHL-Spielen?

Für mich persönlich war es eine super Erfahrung und eine hervorragende Saison. Ich habe richtig viel Eiszeit gehabt. In den letzten beiden Spielen waren es jeweils fast 30 Minuten. In der Hauptrunde davor immer so um die 21, 22 Minuten. Mir hat es auch viel Spaß gemacht, dass ich eine wichtige Rolle im Team hatte.

Und ein Tor haben Sie ja auch geschossen ...

Ja, und drei Assists waren auch noch dabei. Es ist immer schön, wenn man auch als Verteidiger offensiv in Erscheinung tritt. Aber ich hatte auch viele Chancen, da hätte das eine oder andere Tor mehr rausspringen müssen. Aber die Mannschaft hat sich insgesamt sehr schwer mit dem Toreschießen getan.

Ist das eine Liga, in der Sie wieder anheuern würden?

Eine Überlegung wäre es auf jeden Fall wert. Wenn man über neue Verträge spricht, kommen immer mehrere Faktoren zusammen. Bei mir in erster Linie jetzt verstärkt die Familie. Ich habe zwei Kinder, und die Große kommt im September in die Schule. Drum sehe ich mich eher in Europa oder in der KHL. Wenn’s rein ums Sportliche ginge, wäre es klar: Die Liga ist attraktiv, und es hat mir viel Spaß gemacht. Es wäre erneut eine schöne sportliche Herausforderung.

Sonstige Optionen: NHL, DEL oder gar Tölzer Löwen?

Oh NHL, also da müsste schon ein unmoralisches Angebot kommen. Da müsste ich die Garantie haben, dass ich meine Eiszeiten kriege, und auch finanziell müsste es passen. Das ist noch mal eine ganz andere Entfernung zum Isarwinkel als Russland.

Mit 33 sind Sie ja auch kein Perspektivspieler mehr...

Klar, da muss ich ganz realistisch sein. Die Wahrscheinlichkeit für so ein Angebot ist relativ gering. Ich habe ja auch schon zehn NHL-Jahre gehabt, die mir super viel Spaß gemacht haben. Ich habe viel gelernt, viel erlebt, deshalb liegt mein Fokus jetzt darauf, dass ich viel aufs Eis komme.

Zum Karriereende vielleicht noch Olympische Spiele im nächsten Jahr ...

Klar, das ist auf jeden Fall ein Riesenthema. Etwas gewinnen wäre auch noch mal ganz schön ...

Die WM findet heuer in Lettland statt und beginnt in vier Wochen. Mit Ihnen?

Davon gehe ich aus. Und es ist für mich immer eine Ehre, wenn ich da dabeisein darf.

Dann sind Sie also noch gar nicht im Entspannungsmodus. Wie sieht denn Ihr Tagesablauf aus?

Ich gehe so oft wie möglich aufs Eis, weil die WM im Mai noch ansteht. Ich muss etwas Zeit überbrücken, bis die Vorbereitung mit der Nationalmannschaft ansteht. Ich war zuletzt immer mit den Löwen auf dem Eis. Aber jetzt, da die Play-offs beginnen, muss ich alleine trainieren, damit das Corona-Risiko für die Tölzer so minimal wie möglich gehalten wird. Drum bin ich jetzt immer davor oder danach auf dem Eis. Ich absolviere mein Pensum, auch im Kraftraum, damit ich so fit wie möglich zur Nationalmannschaft komme.

Das hört sich recht fad an.

Langweilig ist mir auf jeden Fall. Ich habe auch keinen Torwart, das macht’s dann noch a bissl fader. Ich mache Übungen, die so spielnah wie möglich sind. Spielzüge zum Aufbau, ich habe auch ein paar Übungen in petto, die man alleine machen kann. Eine halbe bis dreiviertel Stunde auf dem Eis, das reicht dann auch, wenn man ein straffes Tempo durchzieht.

Vor einiger Zeit waren sie als Co-Kommentator beim Löwen-Spiel gegen Freiburg zu hören. Wäre das eine mögliche Karriere nach der Karriere?

Das macht richtig Spaß. Ich habe auf Sport 1 schon mal in der Champions League mitkommentiert. Das würde mich auf jeden Fall interessieren. Aber ich glaube, dass ich von meinem Charakter doch lieber noch näher am Eishockey dran bin, als Trainer oder Manager. Aber jetzt darüber zu spekulieren, das wäre müßig.

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Prominenter Besuch in der Kommentatorenbox: Korbinian Holzer (re.) ließ es sich nicht nehmen, Sprade-TV-Kommentator Simon Rentel beim Heimspiel der Tölzer Löwen gegen den EHC Freiburg mit seinem Fachwissen zu unterstützen.

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