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Krauthobeln im Akkord: (v. li.) Waldemar Vogl, Dieter Frühn und Hans Heiland bei der Arbeit. 

Serie: „Ab ins Beet“ (5)

Krauthobeln mit den Kleingärtnern

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Immer Anfang Oktober hobeln und verkaufen die Isartaler Kleingärtner Weißkohl – und haben Spaß dabei.

Geretsried – 100 Prozent „Made in Geretsried“ ist der Weißkohl nicht, der an diesem Morgen zu 60 Cent das Kilo über den Ladentisch vor dem Vereinsheim der Isartaler Kleingärtner geht. Gewachsen sind die fußballgroßen Kappes-Kugeln nicht auf den heimischen Parzellen, sondern in Ismaning. „Fürs Sauerkraut“, sagt Vereinschef Hans Nowotny, „braucht’s eine spezielle Sorte Kohl. Der normale ist zu weich.“

2000 Kilogramm haben die Isartaler deshalb fürs jährliche Krauthobeln mit einem gemieteten Lkw an die Jeschkenstraße gekarrt. Nun stehen die Leute dort Schlange. Denn der Verarbeitungsprozess dauert: Erst wird der Kohl gewogen, dann muss der Strunk raus. Gerhard Kovacs, 74 Jahre alt, teilt den Kopf anschließend mit einer scharfen Klinge in zwei Hälften, die Hans Heiland in die vereinseigene Hobelmaschine steckt. Auf die ist der 75-Jährige mächtig stolz, denn sie ist noch einmal rund 25 älter als er, schneidet jedoch wie eine junge Göttin.

Früher sei der Apparat mit der Hand betrieben worden, erzählt Heiland. Später habe man ihm einen Motor verpasst, der war allerdings zu schwach. „Nach einer halben Stunde Betrieb ist das Ding heißgelaufen.“ Also ließen die Isartaler von einer Fachfirma einen speziellen Antrieb einbauen, und der, sagt Heiland, „hält locker von 9 Uhr früh bis nachmittags um 5 Uhr durch“. Kernstück des Hobels aber sind seine handgeschmiedeten, sichelförmigen Messer. Die „schneiden den Kohl fein wie Papier, die Grundlage für gutes Kraut“, schwärmt Kovacs.

Für ihn wie für Kollege Heiland ist das jährliche Krauthobeln „eine Gaudi“. Der Verein habe damit vor etwa 30 Jahren begonnen, und viele Geretsrieder würden ungeduldig auf die erste Oktoberwoche warten. „Also machen wir weiter, obwohl wir nicht mehr die Jüngsten sind.“ Den Einspruch, der FC Bayern hole einen Trainer, der 72 ist, kontert Heiland verschmitzt: „Den Job bei denen möchte ich nicht machen. Zu wenig Spaß. Da bleibe ich lieber hier an der Maschine.“

Die Altersstruktur im Verein sei in der Tat lange ein Problem gewesen, sagt Vereinschef Nowotny, selbst 73. „Doch inzwischen sind ein paar Jüngere nachgerückt.“ Einer von ihnen ist Alexander Riesen. Der 42-Jährige ist Nowotnys Stellvertreter. Sein Akzent verrät eine osteuropäische Vergangenheit. Riesen stammt aus Russland, einem Land mit einer „riesigen Kohl-Tradition“. Natürlich kennt er „das beste“ Sauerkraut-Rezept: „Pro Kilogramm Kraut etwa ein Gramm Salz, dazu ein paar Karotten und ein grüner Apfel. Und alles muss in ein großes Fass, nicht in ein kleines.“ Vereinskamerad Kovacs mit seinen magyarischen Vorfahren lacht. „Sie hören es ja“, sagt der 74-Jährige und deutet auf die Menschen in der Schlange. „Zu uns kommen Sudetendeutsche, Ungarndeutsche, Banater Schwaben. Fragen Sie zehn von ihnen, und Sie kriegen 20 Rezepte für das beste Sauerkraut.“

Bis das auf den Teller kommt, dauert es aber ein Weilchen. Etwa vier Wochen muss das Gemüse nach ausgiebigem Stampfen und Pressen samt Zutaten im Fass gären. „Kurz vor Weihnachten ist es dann top“, sagt Nowotny. In der Folge müsse man nur darauf achten, dass die Lake immer ein paar Zentimeter über dem Kraut steht. Befolgt man dies Regel, kann einen die Vitamin-C-Bombe mit der antibiotischen Wirkung erkältungsfrei durch den Januar und sogar den Februar tragen. So ist es, das Kraut der Isartaler Kleingärtner: nur zu 95 Prozent aus Geretsried, aber 100-prozentig gesund.

40 Jahre Kleingartenverein

Der Isartaler Kleingartenverein feiert heuer sein 40-jähriges Bestehen. Seit 1977 hegen und pflegen die Mitglieder die Anlage an der Jeschkenstraße und genießen das bunte Vereinsleben. In einer Serie begleitet unsere Zeitung den Verein, seine Mitglieder und deren Gärten durch das Jahr.

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