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Luca Heinle war ein Jahr lang in Israel unterwegs.

„Es gibt kein Falsch und kein Richtig“

Bewegende Zeit: Luca Heinle wohnte ein Jahr in Israel

Geretsried/Jerusalem - Ein Jahr lang hat Luca Heinle in Jerusalem gearbeitet.Nun ist die junge Geretsriederin zurück und hat ihre Eindrücke in einem Bericht zusammengefasst – es sind bewegende Zeilen.

Immer wieder setze ich mich hin und versuche, all’ meine Eindrücke in einem Text unterzubringen – keine leichte Aufgabe. Ich habe ein Jahr in Israel gelebt, in Jerusalem. Was habe ich mit Israel verbunden, mir vorgestellt, bevor ich dort gearbeitet, gewohnt und gelebt habe? Es war das Land, das ich von klein auf aus der Bibel kenne, das immer wieder in den Medien ist. Es ist das Land, in dem Krieg und Terror herrschen, ein Land für die Juden, ein Land, das aber auch die Palästinenser das Ihrige nennen. Jetzt ist es ein Ort, an dem Freunde leben, mit dem ich tolle Eindrücke und Erlebnisse verbinde, ein Land von unglaublicher Schönheit.

Es gibt wunderschöne Strände an der Mittelmeerküste, einen endlosen Sternenhimmel in der Wüste, grüne Täler im Norden und eine Flora, die das ganze Jahr über blüht. Eine Schönheit, die die unterschiedlichen Städte verbindet. Jerusalem, die Stadt, die so viel Geschichte erzählt und ein religiöses Zentrum ist. Tel Aviv, das mit seiner modernen Skyline und seiner bunten und liberalen Einstellung, den vielen Bars und Clubs so viel Charme und Kraft versprüht. Haifa, die unglaubliche Stadt an der Küste im Norden, in der man Arabisch genauso hört wie Hebräisch und es meiner Meinung nach den besten Humus gibt.

In diesen und all den anderen Städten stecken so viel Leben und Freude, die ansteckend ist, und die so viele Menschen mit einem teilen. Wie oft wurde ich zum Schabbat-Essen eingeladen, dem traditionellen jüdischen Abendessen, bei dem die ganze Familie am Freitagabend zusammenkommt. Der Ruhetag Schabbat wird eingeläutet, es wird gesungen, aus der Thora gelesen, die Speisen geweiht und Gott gedankt. Wie oft war ich auf Konzerten mit bewegender arabischer Musik, leckerem Essen und gut gelaunten Leuten. Wie viele Orte hätte ich nicht gesehen, ohne diese vielen offenen Menschen, die mir ihre Heimat und ihre Kultur gezeigt haben. Ich hatte ein Leben, ohne dass ich jeden Moment Angst hatte, dass irgendetwas passieren könnte. Ich bin Bus gefahren, ausgegangen, zur Arbeit gefahren und habe Badminton gespielt. Das Bild, das ich zu Beginn hatte, dass ein alltägliches Leben kaum stattfindet, ist widerlegt.

Aber leider gilt das nicht für alle. Die Freiheit, die ich genießen durfte, die haben nicht alle Bewohner Israels und Palästinas. Kurz nachdem ich abgereist bin, kamen die ersten Berichte: „Messerstechattacke“, „Das israelische Militär und Palästinenser liefern sich Straßenschlachten“. Einige Medien sprechen von der dritten Intifada.

Die Freiheit, als Bewohner Bethlehems ans Meer zu fahren, gibt es nicht, außer man ist Besitzer eines Permits. Das ist ein Visum, mit dem Palästinenser über die Grenze vom Westjordanland nach Israel kommen. Eine Freundin und Arbeitskollegin erklärte mir nach Netanjahus Wahlsieg, wie wichtig die Siedlungspolitik doch für die Sicherheit des Landes sei. Zwei Monate später stellte ich fest, dass sie selbst in einer Siedlung lebt. Eine alte Dame, Flora, die ich mehrmals in der Woche besuchte, riet mir davon ab, zum Hauptbahnhof in Tel Aviv zu gehen. Dort seien so viele „Araber“, dort sei es gefährlich für mich.

Ein Freund aus den Golanhöhen nahm mich vor meiner Abreise zur Seite und sagte: „Jetzt weißt du, wie Palästina ist, erzähl’ den Menschen in Deutschland, wie unfair dieser Staat Israel ist.“ Im selben Moment hatte ich den Satz einer jüdischen Dame im Kopf, die zu mir sagte: „Meine Kinder haben das größte Glück der Welt, sie müssen keine Angst um ihr Leben haben, nur weil sie jüdisch sind.“ Nach diesem Jahr ist mir klar geworden, dass es nicht die eine richtige oder falsche Seite gibt, kein schwarz-weißes Bild, sondern Rechte für den Staat Israel und Rechte für den Staat Palästina.

Mit meinen Projekten war ich unglaublich glücklich. 30 Stunden habe ich im Kindergarten für Kinder mit Behinderung gearbeitet. In meiner Gruppe waren zehn Kinder und vier Erwachsene, was eine sehr individuelle Beschäftigung zulässt. Der Kindergarten ist sehr gut ausgestattet, sowohl mit Material als auch pädagogischen Kräften. Was mich besonders beeindruckt hat, sind die verschiedenen Therapieformen, die angeboten werden, und auch diese werden individuell auf jedes einzelne Kind zugeschnitten. Meine Aufgaben waren sehr breit und betrafen meistens den Alltag der Kinder.

Ich habe von meiner Gruppe im Kindergarten ein Bild zum Abschluss geschenkt bekommen. Eine Leinwand, in der Mitte klebt das Foto unserer Gruppe, außen herum stehen Zitate der Kinder, was sie über mich gesagt haben. Bei diesen kleinen Sätzen geht mir das Herz auf. Sie zeigen mir: Nicht nur ich selbst durfte so viel lernen und mitnehmen, sondern auch ich war eine Hilfe und Stütze.

Heute Morgen legte ich eine Kette von Flora um. Sie hat sie mir geschenkt mit den Worten: „Ich möchte dir danken, du bist eine junge Dame, ich kann so etwas eh nicht mehr tragen.“ Es ist ein Erinnerungsstück, das ich immer hoch in Ehren halten werde. Es wird mich an die schöne Zeit in Israel erinnern und ganz besonders an die Frau, die sie mir geschenkt hat. Flora, die viel von mir erwartet, aber mir auch viel gegeben hat. Ich möchte die guten Erfahrungen, schönen Erlebnisse und vor allem die Begegnungen mit den vielen netten und beeindruckenden Menschen nicht missen und danke allen, die mir diese wunderbare Zeit ermöglicht haben.

von Luca Heinle

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