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Mehr als 100 Zuhörer kamen zum Vortrag über die Werksbahn von Friedrich Schumacher (re.).

Vortragsabend des Arbeitskreises Historisches Geretsried lockt mehr als 100 Besucher 

Ein Gleis mit einer besonderen Geschichte

Geretsried – Die Geschichte der Werksbahn, Teil II, lockte über 100 Besucher in die Mensa des Gymnasiums. Teilweise waren die älteren Zuhörer noch selbst mit dem Zug zur Schule gependelt.

Der Hobbyhistoriker Friedrich Schumacher hatte sich im Namen des Arbeitskreises Historisches Geretsried erneut die Mühe gemacht, die Akten der Archive von Geretsried und Wolfratshausen sowie des Münchner Staatsarchivs zu durchforsten. Denn Geretsried machte weder in der Festschrift zur Stadterhebung noch im Heimatbuch von 1999 („Eine Doppelschwaige wird Stadt“) Angaben zu der während der Zeit der Rüstungswerke gebauten Zugverbindung.

Deren Bedeutung vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Schumacher in seinem ersten Vortrag beleuchtet. Nach dem Krieg dienten die Gleise zwischen dem Wolfratshauser Bahnhof Frühlingsgarten und dem Bahnhof Isar in Geretsried-Süd noch einige Jahre dem Personen- und Güterverkehr. Heute nutzen nur noch die Firmen Pulcra Chemicals und Tyczka Totalgaz das so genannte Industriegleis.

Alte Fahrkarte mit der Aufschrift "Gartenberg-Wolfratshausen"

Direkt nach Kriegsende wurde der Zugverkehr – erst einmal ohne eine Konzession zu beantragen – wieder vom Betreiber Montan Industriewerke aufgenommen. Die ersten Heimatvertriebenen aus Graslitz kamen 1946 mit der Werksbahn auf der Böhmwiese an. Später wurden unter anderem Schüler befördert und Lebensmittel ins DP-Lager Föhrenwald transportiert. Für 1948 sind drei Zugpaare, die zwischen den beiden Städten verkehrten, belegt, wie Schumacher recherchiert hat. Er zeigte eine alte Fahrkarte mit der Aufschrift „Gartenberg-Wolfratshausen“.

Der Personenverkehr wurde jedoch bald eingestellt. Gleichzeitig errichtete die Industriegemeinschaft Voralpenwerke (IVG) im Bereich der Blumenstraße eine öffentliche Be- und Entladestation. Einige Firmen wie die Spielzeugfabrik Lorenz und Filigranbau Keller leisteten sich private Gleisanschlüsse. Das Gleis der Firma Lorenz sei heute noch auf deren Grundstück an der Banater Straße zu erkennen, sagte Schumacher. Er bat den anwesenden Bürgermeister Michael Müller, bei der Bebauung des Areals mit Wohnungen das Stichgleis „nicht gedankenlos abzubauen, sondern die Bedeutung der Werksbahn im öffentlichen Raum sichtbar zu dokumentieren“.

Stadt kauft Gleis für 15.000 Mark

Im Laufe der Jahre nutzten immer weniger Firmen den Schienenstrang. Das Land Bayern, inzwischen Eigentümer der Strecke, bemühte sich, zwischen 1964 und 1974 um einen Verkauf. Am 15. Mai 1974 kaufte die Stadt Geretsried der Landesanstalt für Aufbaufinanzierung als Verwalterin die Gleise zum symbolischen Preis von 15.000 Mark ab. Bei 4,5 Hektar Gesamtfläche waren das 3,33 Mark pro Quadratmeter, hat Schumacher ausgerechnet. Die Gleise haben heute noch eine Länge von fünf Kilometern und 478 Metern. 1994 und 1997 wurden sie für insgesamt 1,8 Millionen Mark generalsaniert. Ein Teil der Kosten kam durch die Rollgebühren, die die Firmen für den Gütertransport bezahlen müssen, wieder herein.

Zum Schluss zeigte der Referent Fotos einiger „Events“ auf der Strecke. 1960 waren 300 Katholiken aus Geretsried zum Eucharistischen Weltkongress nach München gezuckelt. 1983 fuhren Vertreter der Stadt mit einem Sonderzug in die Patenstadt Amberg. 2008 waren Geretsrieder Gymnasiasten im Rahmen eines Kunstprojekts mit Draisinen auf der Strecke unterwegs. 2011 veranstaltete die Stadt wieder einen Ausflug nach Amberg mit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), 2013 ging es nach Waldkraiburg und 2015 nach Ingolstadt. Die nächste Fahrt ist für 2017 geplant.

Am Ende meinte Schumacher, das Industriegleis biete mehr Potenzial als die Versorgung zweier Betriebe mit Gefahrstoffen: „Dieses Potenzial sollte ausgeschöpft werden.“

Tanja Lühr

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