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Wegen eines Jugendstreichs kam der Bruder von Dr. Horst Böttge ins Gefängnis. In „Drangsaliert und dekoriert“ hat er die wah re Geschichte aus der DDR aufgeschrieben. 

„Es ist nicht einfach zu verstehen, was da passiert ist.“

Mit diesem Buch will Horst Böttge über die DDR aufklären

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Der Geretsrieder Dr. Horst Böttge trägt das Vermächtnis seines Bruders Richard weiter. Er wurde wegen eines Jugendstreichs in der DDR verfolgt. Seine Geschichte ist kaum zu glauben.

Geretsried – Ob Dresden, Magdeburg oder Halle: Der Geretsrieder Dr. Horst Böttge ist mit seinem Buch schon gut herumgekommen. Vor drei Jahren hat er „Drangsaliert und dekoriert“ veröffentlicht, die Geschichte über das Schicksal seines Bruders Richard in der DDR. Seine 15. Lesung findet nun am Donnerstag, 22. März, 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Geretsried statt.

Das Vermächtnis seines Bruders weiterzutragen, ist für Böttge ein Herzensanliegen. „Ich werde es so lange machen, wie ich es gesundheitlich kann.“ Böttge ist 82 Jahre alt. „Die DDR wird heute verharmlost“, kritisiert er. Mit seinem Buch und den Lesungen will er aufklärend wirken. „Es ist nicht einfach zu verstehen, was da passiert ist.“

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In „Drangsaliert und dekoriert“ dokumentiert Böttge, wie sein Bruder mit 16 Jahren von der DDR-Geheimpolizei mitgenommen wird und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt wird. Hinter der „antisowjetischen Hetze“ steckte ein Jugendstreich: Er und seine Mitschüler wollten gegen den arroganten Heimleiter protestieren, Richard versah Lenins Bart mit Hilfe eines abgebrannten Streichholzes mit ein paar zusätzlichen Strichen.

Der scheinbar harmlose Vorfall begleitete ihn ein Leben lang. Nach der Zwangsarbeit wurde er im Laufe seiner beruflichen Karriere mehrfach ausgezeichnet. Die Stasi zeichnete ganz andere Dinge über Richard Böttge auf und wollte ihn hinter Gitter bringen. Er fand das heraus, als er nach seinem Antrag auf Akteneinsicht 2004 die Bespitzelung auf etwa 400 Seiten ausgehändigt bekam.

Horst Böttge erfuhr lange nichts von den Erlebnissen seines Bruders. Er setzte sich am 12. August 1961 drei Stunden vor dem Mauerbau in Berlin in eine der letzten S-Bahnen Richtung Westen. Dort promovierte er, was er in der DDR nicht hätte machen dürfen. „Ich hatte keine proletarische Großmutter“, sagt er, was bedeutet, dass er nicht von der Arbeiterklasse abstammt und ihm deswegen eine akademischen Laufbahn schwergemacht wurde. Zehn Jahre später landete der Diplom-Wirtschaftsingenieur in Geretsried und arbeitet beim Druckmaschinenhersteller „Giesecke & Devrient“ in München.

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Richard traf er immer wieder in Ungarn oder der Tschechoslowakei. „Er hat aber nie darüber gesprochen. Es hat gedauert, bis er alles verdaut hat“, berichtet Böttge. Als sein Bruder aber von dem Ausmaß der Bespitzelung erfuhr, sei es ein Signal für ihn gewesen, dass es so nicht stehen bleiben könne. Richard berichtete als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen und Horst Böttge begann zur Unterstützung dieser Aufklärungsarbeit das Buch „Drangsaliert und dekoriert“ zu schreiben. Einige 100 Stunden verbrachte er am Computer.

Die Veröffentlichung im Oktober 2015 erlebte Richard Böttge allerdings nicht mehr. Er starb neun Monate vorher an einer Krebserkrankung. Seitdem kümmert sich Horst Böttge mit seinem Tatsachenbericht darum, dass die Geschehnisse in der DDR nicht in Vergessenheit geraten. Unter großem Einsatz: Bis der Mitteldeutsche Verlag sein Skript annahm, erhielt der heute 82-Jährige zehn Absagen. Er beteiligte sich an den Druckkosten und fand öffentliche Stellen, die sein Buch unterstützten. Vor kurzem wurde er in das Internetportal der DDR-Zeitzeugen aufgenommen, das Lesungen an Schulen vermittelt.

Inzwischen hat der Geretsrieder über 1000 Bücher verkauft. Aber das sei nicht sein Hauptanliegen, betont er. Wenn er in Gymnasien oder Gedenkzentren von der Geschichte seines Bruders erzählt, sieht er häufig Entsetzen in den Gesichtern. „Ich habe schon oft gehört, ,das glaub ich nicht, was da passiert ist‘“, sagt Böttge. Genau, weil es so unglaublich ist, wird er nicht müde, weiterzumachen. sw

Lesung

Die Lesung aus dem Tatsachenbericht „Drangsaliert und dekoriert“ von Dr. Horst Böttge aus Geretsried beginnt am Donnerstag, 22. März, um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek. Eintritt kostenlos.

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