Angelika Dörfler, Meisterin im Holzblasinstrumentenbau und Geschäftsführerin des Musikhauses Dörfler, in ihrer Werkstatt.
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Immer etwas zu tun: Angelika Dörfler, Meisterin im Holzblasinstrumentenbau und Geschäftsführerin des Musikhauses Dörfler, in ihrer Werkstatt.

Dem Virus den Marsch blasen

Musikhaus Dörfler: Wie eine kleine Instrumentenbau-Firma der Pandemie trotzt

  • VonPeter Borchers
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Viele Branchen und Firmen leiden unter der Pandemie. Das Geretsrieder Musikhaus Dörfler, ein kleiner, auf Holzblasinstrumente spezialisierter Familienbetrieb, trotzt der Krise.

Geretsried – Die Pandemie, wenn sie denn einmal vorüber ist, wird Verlierer zurücklassen: viele Gastronomen, Einzelhändler, vielleicht auch Jugendliche – das ganze Ausmaß der Katastrophe ist nicht abzuschätzen. Ein kleiner Familienbetrieb in Geretsried allerdings lässt sich nicht unterkriegen. Das Musikhaus Dörfler, spezialisiert auf den Bau von Klarinetten sowie den Verkauf und die Reparatur sämtlicher Holzblasinstrumente, bläst Corona sozusagen den Marsch.

Abzusehen war das nicht unbedingt. Während des ersten Lockdowns musste die Traditionsfirma – sie feiert heuer ihr 70-jähriges Bestehen – ihren Verkaufsraum natürlich schließen. Die Werkstatt durfte offenbleiben, doch Angelika Dörfler, der Geschäftsführerin, schwante zunächst Böses: „Wir haben echt gedacht, jetzt ist alles tot, nun können wir zusperren.“ Es sollte anders kommen.

Die vielen Hobbymusiker unter unseren Kunden haben uns über Wasser gehalten.

Angelika Dörfler, Inhaberin des gleichnamigen Musikhauses

Gegründet hat das Unternehmen Angelika Dörflers Urgroßvater Hans Klier 1946 in Thanning. Wie viele Instrumentenbauer stammte er aus Böhmen, genauer gesagt aus Graslitz. Sechs Jahre später siedelte Klier nach Geretsried-Stein an den Ammerseeweg 7 um, dort residiert die Firma noch heute. 1970 übernahmen Roland Dörfler – Angelikas Vater – und dessen Frau Beatrix den Betrieb, aus „Klier Klarinetten“ wurde „Dörfler Klarinetten“. Die Tochter begann 1985 im elterlichen Betrieb eine Ausbildung zur Instrumentenbauerin, machte 1996 ihren Meister und übernahm 2011 die Firma, in der Vater und Mutter bis heute mitarbeiten.

Zwischenzeitlich, als sich Klarinetten nicht mehr so gut verkauften, handelte das Musikhaus Dörfler für eine Weile auch Gitarren, Keyboards, Zithern – „einfach alles von A bis Z auf dem Instrumentenmarkt“, sagt Angelika Dörfler. Doch der boomende Onlinehandel zwang die Familie zu einer Entscheidung: „Entweder man spezialisiert sich, oder man ist tot.“ Die Dörflers entschieden sich für Variante eins und besannen sich auf ihre Kernkompetenz: Klarinetten, Saxofone, Flöten, Oboen und Fagotte.

Über die Jahre baute sich das Unternehmen einen großen, soliden Kundenstamm auf: Zu ihm zählten und zählen Max Greger, der wohl bekannteste Saxofonist und Bandleader der Wirtschaftswunder-Jahre, die Wiesn-Band Münchner Zwietracht mit dem Ickinger Heinz Fuhrmann und der renommierte südafrikanische Jazzmusiker Abdullah Ibrahim. Dörfler-Klarinetten sind bei den Berliner und Wiener Philharmonikern ebenso im Einsatz wie im Orchester des Gärtnerplatz-Theaters. Nicht nur Prominenz geht jedoch am Ammerseeweg ein und aus. „Die Mischung macht’s“, sagt Angelika Dörfler, „unsere Kunden bestehen fifty-fifty aus Profi- und Hobbymusikern.“ Es sind vor allem letztere, „die uns in dieser Zeit über Wasser halten“. Dörfler kennt Branchenkollegen, deren Kunden mehrheitlich professionelle Musiker sind. „Die tun sich um einiges schwerer.“

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Wie erklärt sich die 52-Jährige nun die rund 40 Prozent Umsatzsteigerung im ersten Halbjahr 2020? Die Leute hätten viel Zeit gehabt. Zeit, um ihre Keller und Dachböden aufzuräumen, sagt Dörfler. Sie seien dabei auf längst vergessene Instrumente gestoßen. „Erst gestern habe ich eine Mail von einem Tölzer bekommen, der im Lockdown wieder angefangen hat zu spielen“, erzählt sie. Auch hätten einige Geld, das eigentlich für die Urlaubsreise vorgesehen war, in eine Klarinette investiert, die sie „vielleicht schon länger im Auge hatte, ihnen aber immer zu teuer war“. Zwischen 3000 und 6000 Euro kostet ein Modell aus der Dörflerschen Produktion.

Jedenfalls trudelten immer mehr Anfragen für das eine oder andere Instrument oder eine Wartung ein. „Die Monate April und Mai waren echt krass“, sagt die Firmenchefin. Mit den Lockerungen im Sommer beruhigte sich das Geschäft wieder, die Regale mit den Reparaturaufträgen leerten sich, „und im November und Dezember war es eher mau“. Der Aufschwung vom Jahresanfang habe sich ins Gegenteil gedreht. Angelika Dörfler will dennoch nicht klagen. Alle Zahlen habe sie zwar noch nicht parat, „aber ich denke, dass 2020 insgesamt gesehen nicht schlechter war als das Jahr davor“ – und damit besser als für viele andere Betriebe, auch aus derselben Branche. Das neue Jahr läuft ebenfalls nicht schlecht an: „Es kommen täglich Reparaturen rein.“

Ein anderer – großer – Instrumentenbauer in Geretsried ist übrigens kein Konkurrent, eher Partner der Dörflers. „Wir verkaufen in unserem Showroom auch Instrumente von Buffet Crampon“, sagt Angelika Dörfler ganz entspannt, „und wir ergänzen uns sehr gut.“

peb

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