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Zwei, die sich verstehen: Christian Walter hat sich Al angeschafft, einen Deutsch Kurzhaar. Mit ihm ist er jeden Tag stundenlang an der Isar oder am Starnberger See unterwegs.

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Nach Schlaganfall: So geht es Christian Walter heute

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Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein Schlaganfall hat das Leben von Top-Sportler Christian Walter auf einen Schlag geändert. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Der Weg zurück ist lang.

Das riesige Dachfenster über seiner Wohnzimmercouch ist das erste, was Christian Walter in seinem zweiten, anderen Leben sieht. Und den Himmel dahinter, der auf ihn an diesem 15. Oktober 2015 zu warten scheint. Walter, am Boden kauernd und linkseitig gelähmt, denkt: „Das war’s, jetzt sterbe ich.“ Er wäre wohl gestorben, hätte Sohn Laurin den damals 50-Jährigen nicht rechtzeitig nach dessen Schlaganfall gefunden. Operationen und eine mehrmonatige – erst stationäre, dann ambulante – Reha folgen. Viele Freunde begleiten den weit über den Landkreis hinaus bekannten Leichtathletik-Trainer, Lauf-Impresario und Ex-Leistungssportler auf seinem „Weg zurück ins normale Leben“. Walters Facebook-Seite ist zunächst voll von Genesungswünschen und Kommentaren unter den Fotos, mit denen der Geltinger seine gesundheitlichen Fortschritte dokumentiert.

Ein gutes Jahr später besucht uns Walter in der Redaktion. Beim Gehen beschreibt sein linkes Bein eine sichelförmige Kurve. Der linke Arm liegt eng am Körper an, wirkt ein wenig wie ein Fremdköper im System Walter. Eine Baseball-Cap verdeckt den kahlgeschorenen Kopf, über den sich eine Narbe von der Stirn bis zum Hinterkopf zieht. Der 51-Jährige ist mit dem eigenen Auto gekommen, es wurde auf seine aktuelle Behinderung angepasst.

Wie es ihm geht, wollen wir wissen. Christian Walter antwortet nicht auf diese Frage. Sein Kopf senkt sich, eine Träne perlt aus dem Augenwinkel. Sie soll nicht die letzte sein während unseres Gesprächs. Das Ringen um seine Gesundheit, das ahnen wir, geht ihn viel härter an als es die Daumen-hoch-Postings und Statusmeldungen in den sozialen Netzwerken weismachen. Walter wischt sich über die Augen, dann erzählt er. Von seinem Leben vor dem Schlaganfall mit fünf Jobs, extremem Stress an sieben Tagen die Woche von 5.30 Uhr bis oft nach Mitternacht. „Und in diese Mühle habe ich noch versucht, meine Familie reinzupressen und meinen persönlichen Sport.“

Walter spricht von der Reha in Bad Griesbach, die ihm, der buchstäblich wieder auf die Beine kommen möchte, wie sein persönliches Guantanamo vorkommt. „Das war Folter pur. Da saßen Schlaganfallpatienten im Rollstuhl, die ihre Zeit mit dem Goldenen Blatt und Teetrinken verbrachten und offenbar zufrieden waren. Ich aber wollte wieder laufen lernen.“ Bald gilt er aus aufmüpfig, weil ihm die angebotenen Therapien nicht ausreichen und er sich selbst einen Trainingsplan mit Unmengen an Kniebeugen erstellt. „Tägliche Streitgespräche“ mit einer für ihn zuständigen „arroganten Psychologin“ folgen.

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Sieben Wochen früher als geplant bricht Walter in Absprache mit seinem Doc die Reha ab. Er bemüht sich um einen ambulanten Platz in Bad Heilbrunn, bekommt ihn und macht in den folgenden acht Wochen Fortschritte. „Ich durfte dort auf den Crosstrainer, das hat mir für den Arm viel gebracht.“ Übungen mit dem Wackelbrett verbessern seine Koordination. Mittlerweile hat sich der 51-Jährige mit der Ergotherapeutin Veronica Welte, den Physiotherapeuten Susanne Hölzl und Marion Schröter und dem Osteopathen Thomas Baur Fachleute gesucht, die mit ihm im täglichen Wechsel arbeiten. Er trainiert im Fitness-Studio und im Hallenbad. Die Fortschritte sind kleiner geworden, aber es gibt sie: „Beispielsweise „kann ich Daumen und Zeigefinger der linken Hand nun zusammenführen“ – vor ein paar Wochen ein unmögliches Unterfangen.

Seinen Alltag hat der Geltinger mittlerweile im Griff. Eine Haushaltshilfe unterstützt ihn stundenweise daheim. Kreative Lösungen helfen ihm bei Dingen, die ihm schwerfallen: Spezielle Gummibänder ersetzen normale Schuhbänder. Statt einer Jacke, deren Knöpfe oder Reißverschluss er nicht bedienen kann, wirft er sich einen Poncho über: „Ich sehe dann aus wie Clint Eastwood.“

Irgendwann will er wieder eine Runde im Isarau-Stadion joggen

Und doch wirkt Christian Walter traurig. Finanziell wächst der Druck: Im Februar läuft das Krankengeld aus. Wie er fortan seinen Lebensunterhalt bestreiten soll? Er weiß es nicht. „Eigentlich möchte ich wieder arbeiten“, sagt. Aber was? Er ist Sportlehrer. Bleibt die Früh-Verrentung – etwas, „woran ich im Moment überhaupt nicht denken will“.

Auch ist die riesige Welle der Anteilnahme verebbt. Nur noch ganz enge Freunde erkundigen sich regelmäßig nach Christian Walters Befinden. Verabredungen sind selten geworden – „und meist geht die Initiative von mir aus“. Krank zu sein macht einsam, das hat der 51-Jährige erfahren. Mit dem Leid anderer können und wollen viele nicht umgehen. „Im Moment bin ich behindert“, sagt der Geltinger, „und so betrachten mich die Leute auch. Ich will aber kein Mitleid.“ Das ist für einen, der „früher zur körperlichen Elite gehört“ hat, nur schwer zu ertragen.

Im Mai hat Christian Walter selbst nach einem Freund gesucht – und ihn gefunden. Er heißt Al, ist ein Deutsch-Kurzhaar. Mit seinem Hund läuft der 51-Jährige jeden Tag stundenlang an der Isar oder am Starnberger See entlang. Dabei hat er immer seine Ziele klar vor Augen: „Ich habe mein Leben lang Visionen gehabt“, sagt er. „Ich will irgendwann wieder einen Berg hinauf und wieder hinunter gehen und eine Runde im Isarau-Stadion joggen können. Und ich werde das schaffen.“

peb

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