Was wächst denn da? Am Dreieck zwischen Egerlandstraße und Böhmerwaldstraße warten Magerrasen und Wildblumenbeet auf den Frühling. Die Fläche gehört zum Projekt „StadtGrün naturnah“, das Inken Domany vom städtischen Umweltamt betreut.
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Was wächst denn da? Am Dreieck zwischen Egerlandstraße und Böhmerwaldstraße warten Magerrasen und Wildblumenbeet auf den Frühling. Die Fläche gehört zum Projekt „StadtGrün naturnah“, das Inken Domany vom städtischen Umweltamt betreut.

Das Verfahren für mehr biologische Vielfalt ist auf dem Weg

Naturnahes Geretsried: Eine Stadt soll aufblühen

Vor gut einem Jahr wurde die Stadt vom Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ der Deutschen Umwelthilfe für die Teilnahme im Labelingverfahren „StadtGrün naturnah“ ausgewählt. Was ist seitdem passiert?

Geretsried – Wer an der Ampel steht und darauf wartet, die Egerlandstraße an der Ecke Böhmerwaldstraße zu überqueren, hat Gelegenheit, das dortige Stück Wiese samt Blumenbeet genauer zu betrachten. Derzeit wirkt der Bereich winterbedingt etwas trostlos. Doch das verbliebene Gewächs und ungewöhnlich viele Moos lassen bereits vermuten, dass hier im Sommer eher kein englischer Rasen nebst akkuratem Blumenbeet gedeiht. Hier zwischen Kreuzung und Litfaßsäule fördert Geretsried biologische Vielfalt. Die Kommune befindet sich mitten im Labelingverfahren „StadtGrün naturnah“.

Bestandserfassung

Inken Domany vom städtischen Umweltamt hat die Fläche gegenüber von Betten Beer und Raiffeisenbank Isar-Loisachtal als Beispiel ausgewählt, um genauer zu erklären, was es mit der Zertifizierung auf sich hat. Vor gut einem Jahr wurde die Stadt vom Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“, der Deutschen Umwelthilfe sowie fünf Partnerkommunen, die für das Projekt kooperieren, für die Teilnahme im Labelingverfahren ausgewählt – als eine von insgesamt 49 Kommunen in Deutschland. Zum Start in das Labelingverfahren gründete sich eine lokale Arbeitsgruppe „StadtGrün naturnah Geretsried“ (LAG). Ihr gehören Vertreter von Stadtrat, Umweltamt der Stadt, Bund Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz (LBV), Imkerverein und Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten an. Bis Herbst vergangenen Jahres arbeiteten Domany und ihre Kollegin Ilka Dietrich-Naumann an einer Bestandsaufnahme.

Hier kommt besagte Wiese ins Spiel. Das Dreieck bot bereits gute Voraussetzungen für eine Magerrasenfläche. Wenig Nährstoffe im Boden klingt erstmal nach wenig Leben, doch das Gegenteil ist der Fall. „Je magerer die Wiese, desto höher ist die Artenvielfalt“, erklärt Domany. Um diese zu befördern, wird mit bestimmten Initialsaaten an passenden Stellen nachgeholfen. Außerdem darf die Wiese nur noch zweimal im Jahr gemäht werden.

Insgesamt hat Geretsried 263,16 Hektar an städtischen Grün- und Freiflächen zu bieten. „Die Bestandsaufnahme war viel umfangreicher als vermutet“, sagt Domany. Die Fragen zu den Flächen seien sehr detailliert gewesen. „StadtGrün naturnah“ sei kein leicht zu bekommendes Etikett. Bei der Erfassung der Bäume habe dagegen geholfen, dass die Stadt bereits ein Baumkataster, einen Waldbewirtschaftungsplan und eine Baumschutzverordnung hat.

Maßnahmenplan

An einigen Ecken in Geretsried wird Artenschutz bereits befördert. So hängen beispielsweise am Rathaus und an Gebäuden der Baugenossenschaft Mauerseglerkästen. Fledermäuse finden im Stadtgebiet insgesamt 50 Nistkästen, die vom LBV betreut werden. Und im Gewerbegebiet in Gelting gibt es bereits seit einigen Jahren Blühstreifen. Der Jugendrat legte im vergangenen Jahr weitere an.

„Ohne Ehrenamtliche ginge es nicht“, betont Domany und nennt als Beispiel die Initiative Waldpark. Er wird von Bürgern für Bürger gestaltet und bietet verschiedenen Arten Unterschlupf. Die Wiese an der Kreuzung Egerlandstraße/Böhmerwaldstraße betreuen ebenfalls zwei engagierte Bürgerinnen. Sie dokumentieren, was dort wächst und lebt. Auch das angrenzende Beet mit heimischen Wildpflanzen haben sie angelegt und kümmern sich darum, um zu demonstrieren, welche schönen Bilder damit erzeugt werden können. So etwas sei nämlich auch im heimischen Garten gut umsetzbar und diene der Artenvielfalt, sagt Domany. Kiesflächen mit immergrünen Pflanzen, Blumen mit gefüllten Blüten oder hochgezüchtete Prachtstauden dagegen seien für Vögel und Insekten uninteressant.

Ebenfalls auf Initiative von Bürgern gehen die Wildsträucher am städtischen Heizkraftwerk und die Aktion „essbare Stadt“ am Neuen Platz zurück. Ob Hochbeete, die jeder betreuen und nutzen darf, auch etwas für den Karl-Lederer-Platz wäre, der dem einen oder anderen bisher nicht grün genug ist? „Man muss sehen, wie die Idee am Neuen Platz angenommen wird“, sagt Domany. Zudem brauche es für so etwas immer einen Kümmerer. Unter den Bäumen am Karl-Lederer-PLatz seien aber auch Grüninseln angelegt mit einer Saatmischung voller Wildarten. „Man muss immer sehen, wo was geht und wo was sinnvoll ist“, erklärt Domany.

Der Einzelne spielt beim Thema Artenvielfalt eine entscheidende Rolle. Domany nennt zwei Beispiele aus Gelting. Für einen Neubau dort muss eine Pappel zurückgeschnitten werden. „Pappeln sind bekannt dafür, ohne Ankündigung Äste abzuwerfen“, erklärt die Rathausmitarbeiterin. „Deswegen pflanzen wir sie im Stadtgebiet nicht.“ Und wenn der ganze Baum umfällt, sei das Haus kaputt. Domanys Lösung: Den Baum in vier Metern Höhe abzuschneiden. „Vielleicht treibt er neu aus. Wenn nicht, wird daraus stehendes Totholz, auf das manche Insekten angewiesen sind.“

Andere Insekten tummeln sich in liegendem Totholz. Sie werden sich über die Lösung bei der Gärtnerei Holzmann freuen. Dort war ein Ahorn nicht mehr zu retten. „Ein Stammstück liegt jetzt am Parkplatz“, berichtet Domany. Damit sich niemand daran stört, dass das „alte“ Holz nicht weggeräumt wird, soll dort noch eine Infotafel aufgestellt werden.

Auch eine andere Firma sei auf sie zugekommen, um ein Waldstück weiterzuentwickeln, berichtet Domany. Das würde sie sich noch mehr wünschen. „Es gibt viele Firmen mit Freigelände, wo man etwas machen könnte.“ Dabei könnten sich die Unternehmen langfristig sogar Geld sparen.

Projekte wie diese hat die Stadtverwaltung gemeinsam mit der LAG im Maßnahmenplan für „StadtGrün naturnah“ festgehalten. In diesem spielt auch der Schwaigwaller Bach eine Rolle. Die Stadt hat ihn bekanntlich abgedichtet und renaturiert. „Wir haben versucht, dort möglichst unterschiedliche Bedingungen zu schaffen.“ Die Entwicklung der Böschung entlang des neuen Bachbetts würde sich für eine Bachelorarbeit anbieten, findet Domany. „Dort könnte man untersuchen, welche Arten es gibt und welche sich entwickeln“, erklärt die Rathausmitarbeiterin.

Ein Informationsangebot soll „StadtGrün naturnah“ abrunden. In Kooperation mit der Volkshochschule bietet das Umweltamt beispielsweise Vorträge und Exkursionen an. Vergangenes Jahr durchkreuzte allerdings Corona die Pläne. Heuer soll es in einen Schaugarten in Seeshaupt gehen.

Politisches Bekenntnis

Im nächsten Schritt erarbeitet die Stadt eine Grünflächenstrategie, die im Stadtrat beschlossen werden soll. „Wir brauchen ein klares Ja vom Stadtrat, dass er die Maßnahmen unterstützt und wir in diese Richtung weitermachen sollen“, erklärt Domany. In der Grünflächenstrategie soll beispielsweise definiert werden, welche Rolle das Thema in Bebauungsplänen spielen soll, wie es im Flächennutzungsplan umgesetzt wird. Auch eine Dach- oder Fassadenbegrünungssatzung könnte dazu gehören. Einen entsprechenden Antrag hatten die Fraktionen der Grünen und der Geretsrieder Liste jüngst gestellt.

Der Beschluss im Stadtrat ist der letzte Schritt im Labelingverfahren – die Stadt kann es in Bronze, Silber oder Gold bekommen – aber damit ist Geretsried nicht am Ziel angekommen. Domany: „Dann geht es eigentlich erst richtig los mit dem Tagesgeschäft.“

Was bringt’s?

Dank der Beteiligung am Labelingverfahren kann die Stadt auf bestehendes Infomaterial und die Erfahrung anderer Kommunen zurückgreifen – kostenlos. Das erleichtere die Arbeit. Vor allem aber wird das Thema durch „StadtGrün naturnah“

stärker beachtet. „Das erzeugt Engagement und Multiplikatoreffekte“, erklärt Domany. Denn letztlich geht es darum, dass sich Bürger und Stadt mit der biologischen Vielfalt auseinandersetzen. „Es ist ein wichtiges Thema für die Zukunft.“ Um die Bedeutung hervorzuheben, verweist Domany auf das Buch „Das Sterben der anderen“ von Tanja Busse. „Wir nehmen alle Dienstleistungen des Ökosystems als selbstverständlich hin, etwa dass Wasser und Luft gereinigt werden. Doch wenn wir immer wieder die Artenvielfalt verringern, kann es sein, dass Organismen ausfallen und somit ein Teil dieses Systems wegbricht“, fasst Domany zusammen. Wer nun die nächste Rotphase an der Kreuzung Egerlandstraße/Böhmerwaldstraße nutzen will, um mal zu zählen, wie viele Bestandteile des Ökosystems er dort entdeckt, sollte das Verkehrsgeschehen dabei allerdings nicht ganz aus den Augen verlieren.

sw

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