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Trügerische Idylle: Silvia Müller und ihre Töchter waren tagelang von der Außenwelt abgeschnitten.

Vier Tage lang

Nicht nur die Jachenau war eingeschneit: Geretsrieder Familie kam nicht vom Einödhof

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Der Schnee versperrte die einzige Zufahrt: Familie Müller kam während der Schneekatastrophe nicht von ihrem Hof. Sie schaufelten den ganzen Tag Schnee - weil bei den Mengen selbst der Traktor nichts ausrichten konnte.

Geretsried – Die Jachenau hat es vergangene Woche deutschlandweit in die Medien geschafft: Das Dorf und seine Bewohner waren eingeschneit, lediglich über die Mautstraße gab es eine Notverbindung in die Außenwelt. In einer ähnlichen Lage war der Einödhof – nur ohne Medienrummel und ohne Notverbindung.

Die zwei Häuser hinter der Kleingartensiedlung an der Jeschkenstraße waren abgeschnitten. Über die einzige Zufahrtsstraße – ein eineinhalb Kilometer langer Waldweg – gab es kein Entkommen. Der Hof gehört Silvia Müller (52), die dort mit ihren Töchtern Sofie (22) und Carolin (14) sowie vier Eseln, drei Pferden, 30 Hühnern, zwei Hasen, zwei Hunden und zwei Katzen lebt. „In den zehn Jahren, in denen wir hier wohnen, waren wir das erste Mal so eingeschneit“, sagt Müller.

Am Mittwoch hat sich die Lage bereits deutlich entspannt, und die aufgeschlossene Frau mit kurzen braunen Haaren und Brille kann wieder Besuch empfangen. Die Hofeinfahrt ist nahezu schneefrei, und die 52-Jährige hat sich einen Weg durch den Garten zum Vogelhäuschen freigeschaufelt, wo sie nun ein paar Meisenknödel aufhängt. In das Kästchen am Baum gegenüber legt sie eine Handvoll Walnüsse für die Eichhörnchen. Müller nimmt die geretteten Tiere zum Auswildern auf. Ein paar von ihnen besuchen sie regelmäßig.

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„Der Schnee stand über dem Trampolin, und die Zäune waren verdeckt.“ Müller deutet ins Gelände, wo die weiße Pracht an diesem Tag in der Sonne glitzert, als wäre nie etwas gewesen. Doch noch vor wenigen Tagen hat sie hier mit ihren Töchtern nur geschaufelt. „Als wir mittags fertig waren, haben wir die Esel und Pferde rausgelassen und den Stall ausgemistet.“ Danach ging es weiter mit Schaufeln. „Abends um acht Uhr sind wir tot ins Bett gefallen.“

Müller hat zwar einen Traktor, um das sechs Hektar große Grundstück zu bewirtschaften. Doch mit dem kam sie nicht über den Hof. Der Schnee war zu schwer und hoch. Muskelkraft war gefragt. „Da braucht man kein Fitnessstudio mehr“, sagt die 52-Jährige und lacht.

Muskelkraft war angesagt: Selbst der Traktor von Silvia Müller kam nicht durch den meterhohen Schnee.

Von Montag bis Donnerstag kam Müller nicht in die Stadt. Dann räumte der Winterdienst den Waldweg frei, sodass sie am Freitag zum Einkaufen fahren konnte. Carolin, die in Hohenburg zur Schule geht, hatte schneefrei. Und Sofie war am Montag bereits am Tegernsee, wo sie ein Praktikum macht. „Sonst wäre sie nicht rausgekommen.“ Fürs Wochenende konnte sie zurückfahren. Dann war der Einödhof wieder eingeschneit.

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Müller und ihr damaliger Mann hatten das Kleinod über einen Bericht in der Zeitung entdeckt. Weil der Hof so nett aussah, schauten sie ihn sich an. „Wir haben uns sofort wohlgefühlt. Das ist so ein guter Ort.“ Für Müller war immer klar, dass sie nicht in der Stadt leben will. Zum einen, weil sie in Wackersberg mit einer Milchwirtschaft aufgewachsen ist. „Das war das Hobby meines Vaters.“ Zum anderen, weil sie früher Turniere geritten ist. „Ich wollte immer diese Freiheit haben.“

Insofern war es nicht schlimm, eingeschneit zu sein. Nach zehn Jahren sei sie die Einsamkeit gewohnt, sagt Müller. „Nur das Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein, war einschüchternd.“ Und die 52-Jährige machte sich Sorgen darüber, was wäre, wenn jemand Hilfe bräuchte. Kein Not- oder Tierarzt wäre zum Einödhof gekommen.

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Glücklicherweise blieb der Ernstfall aus. Und glücklicherweise war die Speisekammer gut gefüllt. „Ich hab’ immer ein bisschen mehr eingefroren, und wir haben ja auch immer frische Eier.“ Nur der Salat für die Hasen ging aus. „Da war ich schon froh, dass ich am Freitag etwas Frisches kaufen konnte.“ Der Zeitungszusteller kam, solange es ging, und brachte die versäumten Zeitungen sogar nachträglich. Und die Postbotin rief an, dass sie ein Packerl hätte, aber nicht kommen konnte. „Das fand’ ich total klasse, alle haben sich so bemüht, ihren Job zu machen.“

Gelernt hat Silvia Müller aus dem Schneechaos, dass sie auch heuer wieder rechtzeitig alle Vorräte auffüllen lässt. „Ich hatte im Oktober Heizöl, im November Einstreu und Medikamente für die Pferde besorgt – als hätte ich es geahnt.“ Durch so ein Naturereignis werde einem bewusst, dass eben nicht alles selbstverständlich ist.

Wenn draußen gerade nicht Schnee geschaufelt werden musste, hat die Familie am Kamin gelesen und miteinander Spiele gemacht. Die erzwungene Reduziertheit hatte auch etwas Schönes: „Wir hatten wieder Zeit füreinander, das haben alle sehr genossen.“

sw

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