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Der Werksverkauf bei Sieber erfreute sich großer Beliebtheit. Jetzt ist er geschlossen. 

Nach Verkaufsstopp durch das Landratsamt

Nichts geht mehr bei Sieber

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Geretsried - Die Rückrufaktion der Firma Sieber zeigt Wirkung: Wurstwaren der Firma sind aus den Regalen der Supermärkte verschwunden. Der Betrieb an der Böhmerwaldstraße liegt momentan still.

Normalerweise herrscht tagsüber viel Verkehr auf dem Gelände der Fleischwarenfirma Sieber an der Böhmerwaldstraße. Laster rücken Richtung Autobahn aus, um Supermärkte und Kantinen bundesweit zu versorgen. Auch der Werksverkauf ist eigentlich ein beliebter Anlaufpunkt für Anwohner und Arbeiter aus den umliegenden Firmen. Nicht so gestern. Keine Laster, kein Publikumsverkehr. Nur drei Autos standen vor der Türe. Es herrschte eine geradezu gespenstische Stille.

Wurst und Fleisch von Sieber werden vernichtet

Was sich auf dem Gelände momentan abspielt oder besser nicht abspielt, erklärt der Pressesprecher von Sieber. Am Wochenende konnte man den Eindruck gewinnen, dass das Unternehmen auf Tauchstation geht: Keine Pressemitteilung, keine Stellungnahme, die Handys der Abteilungsleiter tot. Gestern meldete sich Erich Jefke, der früher viele Jahre Kommunikationschef bei Quelle war, um den Stand der Dinge zu erläutern. „Die Produktion steht still“, sagte er. Was angesichts eines Verkaufsstopps auch nicht verwundert. Die 60 Mitarbeiter bleiben zu Hause, nur ein kleiner Kern von Mitarbeitern um Geschäftsführer und Eigentümer Dietmar Schach tut alles, um die Anordnung des Landratsamts umzusetzen und den Rückruf zu organisieren. Ob der Handel die kontaminierten Wurst- und Fleischwaren selbst vernichtet oder sie zu Sieber transportieren lässt, um sie dort vernichten zu lassen, ist noch offen

Das Unternehmen hat rechtliche Schritt eingeleitet

 Jefke, der kurzfristig engagiert wurde, macht kein Geheimnis daraus, dass diese Krise für das Traditionsunternehmen, das 1996 von München nach Geretsried umsiedelte, existenzbedrohend sein könnte. „Wenn der Verkaufsstopp nicht beendet wird, wird es schwierig“, sagt er. Meldungen, dass Sieber schon insolvent sei, dementiert er energisch. Doch ewig werde man den Zustand nicht durchhalten. Auch hat er Zweifel, ob das Landratsamt angemessen reagiert hat. 45 unbelastete Proben stünden nur fünf belastet gegenüber. Das Unternehmen habe schon Schritte eingeleitet, um die Verfügung rechtlich überprüfen zu lassen. Demnächst soll es eine Pressekonferenz geben, in der man den eigenen Standpunkt erläutert. Übrigens: Der beliebte Werksverkauf soll nach Möglichkeit im Laufe der nächsten Tage wieder öffnen, vor allem, damit die Kunden die Wurstwaren umtauschen können.

Das Landratsamt hat sich für den Verbraucherschutz entschieden

Wolfgang Krause, Jurist im Landratsamt, findet es völlig legitim, wenn Sieber die Gerichte anruft: „Das ist ihr gutes Recht.“ Überhaupt ist auffallend, dass er das Unternehmen mit keiner Silbe in die Schmuddelecke stellt. „Das ist ein professioneller Betrieb mit intensiven internen Qualitätskontrollen“, sagt er. „Die beliefern Supermärkte und Großkantinen landauf landab. Die können gar nicht anders.“ Sieber sei niemals durch Nachlässigkeiten irgendeiner Art aufgefallen. Andererseits verteidigt Krause das Vorgehen seiner Behörde, die am Freitag erst mündlich und dann schriftlich einen Rückruf und einen Verkaufsstopp verhängt hat. „Wir hatten einfach eine Abwägung zu treffen zwischen dem Verbraucherschutz und der Gesundheit der Bürger einerseits und den Rechten eines Gewerbebetriebs andererseits“, sagt er. Die Entscheidung fiel zugunsten des Verbraucherschutzes aus.

Das Robert-Koch-Institut bestätigte den Verdacht

Es hatten sich nach einem ersten Fund im März die Hinweise verdichtet, dass der Listerien-Stamm aus Geretsried für eine Reihe von Erkrankungen im süddeutschen Raum verantwortlich sein könnte. Einen ersten Hinweis erhielt das Landratsamt am 19. Mai. Wenige Tage später, am vergangenen Freitag, bestätigte das renommierte Robert-Koch-Institut – ein Bundesinstitut zur Erforschung von Infektionskrankheiten – den Verdacht, dass die Ursache vieler Krankheiten in Geretsried, genauer: an der Böhmerwaldstraße liegen könnte. „Dann ist gehandelt worden“, so Krause. Sicher sei ein Verkaufsstopp ein drastisches Mittel, das nicht oft angewendet werde. Doch in diesem Fall sei es eben nötig gewesen.

Für den Handel sind Rückrufaktionen normal

In den Supermärkten im Landkreis waren Sieber-Produkte am Montag verschwunden. So etwa im Rewe in Wolfratshausen, wo es unter anderem Sieber-Lyoner gab – aber nur bis zum vergangenen Samstag. Da kam ein Fax von der Konzernzentrale, dass die entsprechenden Produkte zu entfernen seien. Und so geschah es. Am Nachmittag kam noch ein Vertreter der Lebensmittelkontrolle, um sich davon zu überzeugen, dass der Anordnung auch wirklich Folge geleistet wurde. „Ein Stück weit ist das für uns Normalität“, sagt ein Verkäufer. „Solche Rückrufaktionen gibt es ja immer wieder mal, bei Schokolade, Brot undsoweiter.“ Übrigens käme man mit Produkten, die aus irgendwelchen Gründen zurückgerufen werden musste, gar nicht mehr an der Kasse vorbei. Das moderne Supermarkt-Management macht es möglich: Der Computer schlägt Alarm. Tengelmann und Edeka hatten jeweils ein Sieber-Produkt angeboten, beide wurden inzwischen zurückgerufen. Die „Kalbslunge gebeizt“ hat Tengelmann zwar in der Region München vertrieben, nicht aber in Wolfratshausen und Geretsried. Ob Edeka das „Original Bayerische Kalbslüngerl“ auch in den Märkten der Region verkauft hat, konnte ein Pressesprecher am Montag nicht eruieren. Auch Penny hat alle betroffenen Produkte aus dem Sortiment genommen. Keine Sieber-Produkte im Sortiment haben Aldi Süd und Kaufland.

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