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Aufs Milligramm genau: Das Verpacken der Arzneimittel ist Frauensache.

Serie Geretsrieder Wirtschaftswunder  

Nur ein Rezeptbuch hilft beim Neustart

Geretsried - Vor 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: Max-Adolf Ulbrich, Apotheker aus Pommern.

Am 1. Oktober 1912 gründet der Apotheker Max Ulbrich, der Vater von Max-Adolf Ulbrich, zusammen mit dem Kaufmann Pieper in Stargard in Pommern die Tierarzneimittelfabrik Pusta. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der beiden Gründer und des Ortes Stargard zusammen. Anfang 1920 verlässt der Miteigentümer Pieper die Firma. Max Ulbrich führt das Unternehmen alleine weiter. 1937 beschäftigt er 75 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz liegt bei 900 000 Reichs-Mark. Der Verkauf der Tierarzneimittel läuft hauptsächlich über Apotheken im ländlichen Raum. Exportiert wird nach Osteuropa, aber auch nach Südamerika.

Im Labor: Apotheker Max-Adolf Ulbrich.

Ende 1944/Anfang 1945 wird die Altstadt von Stargard durch Bombenangriffe völlig zerstört. Auch die Tierarzneimittelfabrik Pusta wird dem Erdboden gleich gemacht. Alles, was übrig bleibt, ist das Firmengeheimnis: ein Rezeptbuch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wagt Max Ulbrich im thüringischen Bad Sulza einen Neuanfang. Zusammen mit seinem Sohn Max-Adolf baut er die Produktion wieder auf. Bedingt durch die politischen Ereignisse gehen Vater und Sohn ab 1948 geschäftlich getrennte Wege.

Max-Adolf Ulbrich kommt nach Geretsried. In ehemaligen Bunkern der Munitionsfabrik DAG (Dynamit Aktiengesellschaft) an der heutigen Starleiten beginnt er mit der Herstellung von Tierarzneien. 1950 hat die Firma bereits 17 Beschäftigte. Neben der Eigenproduktion betreibt Ulbrich auch einen Großhandel für Arzneimittel und Instrumente. Nach knapp eineinhalb Jahren stellt die Fabrik in drei Gebäuden wieder 78 verschiedene Präparate her, ein gutes Drittel der früheren Produktpalette. In den kommenden Jahren steigert sich die Produktion auf 200 selbst hergestellte Arzneimittel. Es werden Exportverhandlungen mit Stellen in Italien, Luxemburg, Argentinien und Australien geführt.

Tabletten, Salben und Kapseln: In diesen ehemaligen Gebäuden der Dynamit Aktiengesellschaft an der heutigen Starleiten produzierte die Firma Pusta ab 1948 Tierarzneimittel.

Der erste Pressebericht mit einem Foto des Apothekers stammt aus dem Januar 1950 und erschien in der von den Amerikanern gegründeten Zeitung „Echo der Woche“. Darin heißt es: „,Pusta‘-Tierarzneimittel-Fabrik steht auf dem Wegweiser, der uns eine durch einen dichten Mischwald führende feste Betonstraße weist. Im Laboratorium treffen wir den Leiter, Apotheker Ulbrich, bei seinen Retorten, in denen ein neues Präparat entwickelt wird.“ Der Unternehmer wird in dem Bericht mit den Worten zitiert: „Als ich meine Familie nach der Gefangenschaft in Bayern wiederfand, arbeitete ich erst als Hilfsarbeiter auf dem Bau, leitete dann eine Apotheke und baute eine Desinfektionsfirma mit auf. Mit meinem Gewinn aus diesen Arbeiten konnte ich dann die Firma meines Vaters hier wieder aufbauen.“

Ende 1951 richtet Ulbrich in einem Bunker an der heutigen Adalbert-Stifter-Straße eine Drogerie ein. Kurze Zeit später wird diese um eine Apotheke erweitert (heute Paracelsus-Apotheke an der Egerlandstraße 56). Anfang der 1960er Jahre zieht die Firma in den Bunker, der zu Wohn- und Geschäftszwecken aufgestockt wird.

1975 endet die Geschichte der Tierarzneimittelfirma Pusta: Aus Altersgründen verkauft Ulbrich sein Unternehmen nach Twistringen bei Hamburg.

Quelle:

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der inzwischen vergriffenen Publikation.

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