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Obdachloser trickst Verkäuferin aus: Bewährungsstrafe

Geretsried/Wolfratshausen – Ein Obdachloser hat in einem Kaufhaus eine Hose kaputt gemacht und wollte dafür Geld zurück. Der Trick flog auf, jetzt saß der Mann auf der Anklagebank.

Ein Mann nimmt im Bekleidungsgeschäft eine Hose aus dem Regal und spaziert damit in die Umkleidekabine. Dort trennt er die Nähte auf. Anschließend geht er zur Kasse, reklamiert den „Fehler“ und verlangt für die beschädigte Hose 49 Euro zurück. Weil er den Verkäuferinnen nicht unbekannt war, funktionierte der Trick jedoch nicht. Der Vorfall ereignete sich am 13. März vorigen Jahres in einem Geretsrieder Kaufhaus. Nun musste sich ein 49 Jahre alter, gelernter Elektroinstallateur wegen versuchten Betrugs vor Gericht verantworten.

Als der Richter die Verhandlung eröffnet, fährt ein Mann im Rollstuhl zu seinem Platz an der Anklagebank (die im Amtsgericht aus gewöhnlichen Stühlen und drei Tischen besteht). Im Herbst vorigen Jahres habe er einen Schlaganfall gehabt und vier Wochen im Koma gelegen. „Die rechte Seite ist gelähmt und taub. Gehen funktioniert nur ein paar Schritte“, berichtet der Angeklagte, der zur schwarzen Hose ein blütenweißes Oberhemd unter einer weinroten Steppjacke trägt. Es klingt paradox, aber womöglich war der Gehirnschlag seine Rettung. „Ich bin jetzt von der Straße weg. Die Betreuerin hilft mir, wieder auf die Beine zu kommen“, sagt der Mann. Er lebt heute in einem Pflegeheim in Franken. Bis zu dem Unglück sei er acht Jahre obdachlos gewesen. 2003 habe er aufgehört zu arbeiten, um sich um seine damals schwerkranke Freundin und das gemeinsame Kind kümmern zu können. Den Betrugsvorwurf räumte er ein. „Ich habe das leider gemacht“, sagte der Mann. „Ich habe auf der Straße gelebt. Das Geld, dass ich dafür bekommen wollte, hätte ich für Duschzeug hergenommen.“ Wegen ähnlicher Delikte war der Mann bereits mehrmals verurteilt worden, zuletzt verbüßte er 2014 eine zweimonatige Haftstrafe.

Gefängnis hielt die Vertreterin der Staatsanwaltschaft auch diesmal für geboten. Ein Jahr ohne Bewährung – so lautete ihr Antrag. Der Angeklagte habe zwar „aus Not gehandelt“. Es bedürfe aber auch „einer gewissen kriminellen Energie, sich so was auszudenken, um wieder an Geld zu kommen.“ Dem Angeklagten rannen Tränen der Erleichterung über die Wangen, als Richter Helmut Berger das Urteil verkündete: „Sechs Monate Haft, die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt, der Haftbefehl wird aufgehoben.“ Berger begründete seine Entscheidung, dem 49-Jährigen trotz einer weiteren laufenden Bewährung die Haft zu ersparen, mit dem einschneidenden Erlebnis, das dem Mann widerfahren war. „Es hat sich durch den Schlaganfall einiges zum Guten gewendet. Es sollte ihm nun gelingen, sein Leben auf die Reihe zu kriegen.“

von Rudi Stallein

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