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Geretsrieder Feuer wandert durch Europa

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Von: Susanne Weiß

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Ehrenhalt: Der Fackellauf erreicht am 25. August 1972 Geretsried, im Hintergrund die Firma Tyczka.
Ehrenhalt: Der Fackellauf erreicht am 25. August 1972 Geretsried, im Hintergrund die Firma Tyczka. © Archiv

Mit dieser Erfindung strahlte Tyczka in die Welt: Für die Olympischen Spiele 1972 in München entwarf die Firma die Stadion- und Handfackeln.

Geretsried – 50 Jahre nach den Olympischen Spielen haben noch viele der damaligen Fackelläuferinnen und -läufer ihre Handfackeln, teils bewahren Museen oder andere Sammlungen sie auf. Auch Dr. Hans-Wolfgang Tyczka besitzt bei sich zu Hause in Icking ein solches Erinnerungsstück – und es ist nach all der Zeit voll funktionstüchtig. Sein Unternehmen mit Sitz in Geretsried hat die Stadion- und Handfackeln für die Olympischen Spiele entwickelt, die 1972 in München ausgetragen wurden. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Erfolgsgeschichte beginnt im Wohnzimmer

Sie beginnt mit Tyczka und seinem Radio. Im Wohnzimmer seiner Villa in Icking hörte er am 26. April 1966 die sensationelle Nachricht von Georg Brauchle, damals Zweiter Bürgermeister von München, dass erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Olympia nach Deutschland kommen soll. „Generell ist es für jedes Land eine große Ehre, die Olympischen Spiele austragen zu dürfen, und das Feuer ist ein Sinnbild für die Werte, für die die Spiele stehen“, sagt der heute 96-jährige Tyczka. Für ihn stand es außer Frage, dass seine Unternehmensgruppe einen Beitrag zu den Olympischen Spielen leisten wird und dass die Flamme von Tyczka geliefert werden muss. Er sollte recht behalten.

Tyczka entwickelte die Technik: Am 26. August 1972 entzündet Langstreckenläufer Günter Zahn das Olympische Feuer in München.
Tyczka entwickelte die Technik: Am 26. August 1972 entzündet Langstreckenläufer Günter Zahn das Olympische Feuer in München. © dpa

„München hat die Olympiade – aber Geretsried hat das Feuer entfacht“, sagte der damalige Landrat Otmar Huber (†2021) einst. Tyczka hatte das Industriegas-Unternehmen Ende der 1950er-Jahre von seinem Vater übernommen und den Firmensitz Anfang der 60er-Jahre aus der Oberpfalz ins Oberland verlegt, wo ein neues Werk gebaut worden war. Für die XX. Olympischen Spiele gründete er im Zusammenschluss mit der Gloria-Gas München eine eigene Gesellschaft, die Olympiagas GmbH. So konnten sich die Ingenieure und Techniker rein auf die Entwicklung der Stadion- und Handfackeln, deren spätere Wartung und die kontinuierliche Versorgung mit Flüssiggas konzentrieren. Allein für den Betrieb der großen Fackel im Münchner Olympiastadion waren zwölf Tankwagenladungen Flüssiggas notwendig.

Fackeln mussten gewisse Anforderungen erfüllen

„Beide Fackeln, sowohl die für die Stadien in München, Augsburg und Kiel als auch die Handfackeln mussten eine Reihe an Anforderungen erfüllen, für die unsere Techniker erst einmal Lösungen finden mussten“, erklärt Tyczka. Flüssiggas für das Olympische Feuer zu verwenden, war ein völlig neuer Denkansatz. „Das Gas verbrennt blau, eine Farbe, die von den Fernsehkameras damals gar nicht aufgenommen werden konnte“, erinnert sich der 96-Jährige. Mithilfe von Tüftelei und dem Einsatz von Pyrotechnik entstand schließlich eine gelbe Flamme.

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Am 28. Juli 1972 wurde das Feuer vor dem Tempel der Hera am Olymp in Griechenland entzündet – mit einem Brennspiegel. Ab dann kam nur noch Tyczkas Technik zum Einsatz. Frauen und Männer brachten das Olympische Feuer in einem Fackel-Stafettenlauf zum Austragungsort. In den Händen trugen die 5776 Läufer Fackeln, die extrem leicht zu tragen, ansprechend gestaltet sowie sicher und schnell entzündbar waren. Insgesamt 6000 Stück standen bereit, damit das Feuer auf einer Strecke von 5500 Kilometer durch acht Länder etwa alle 1000 Meter übergeben werden konnte.

Test im Windkanal der Technischen Universität

Zuvor hatten die Experten von Olympiagas die Fackeln mehreren Härtetests unterzogen. Die Flamme überstand dabei sogar einen im Windkanal der Technischen Universität München simulierten Orkan mit 136 Stundenkilometern. Den echten Fackellauf durch Griechenland, die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Österreich und Deutschland begleiteten sicherheitshalber trotzdem zwei Fahrzeuge, die ein „Ewiges Licht“ in Bundesbahn-Signalleuchten mitführten. Falls es an den 29 Tagen Pannen gegeben haben sollte, machten sie zumindest keine Schlagzeilen. In Geretsried legten die Beteiligten einen Ehrenhalt ein. Die Begeisterung war unermesslich. „Wir waren schon stolz, dass die Firma, die die Fackel gemacht hat, bei uns in Geretsried war“, sagte der damalige Bürgermeister Heinz Schneider (†2003). Tausende Menschen entlang der Straßen jubelten dem Olympia-Tross zu.

Große Ehre: Dr. Hans-Wolfgang Tyczka präsentiert eine der Handfackeln in München.
Große Ehre: Dr. Hans-Wolfgang Tyczka präsentiert eine der Handfackeln in München. © Tyczka

Mittendrin befand sich Dr. Hans-Wolfgang Tyczka. Er hatte die Läufer an der österreichisch-ungarischen Grenze empfangen und auf dem restlichen Weg nach München begleitet. Der Ickinger erlebte auch, wie Langstreckenläufer Günter Zahn am 26. August 1972 mit der letzten Handfackel das Olympische Feuer in München entzündete. „Die Atmosphäre im Stadion selbst lässt sich allerdings kaum in Worte fassen“, sagt der 96-Jährige. Er war stolz, dass die Spiele wieder in Deutschland stattfanden und auch, dass sein Unternehmen daran beteiligt war. „Es war ein wirklich einzigartiges Erlebnis, an das ich immer wieder gerne denke.“

Die Fackeln waren übrigens eine Spende an den 1996 verstorbenen Willi Daume, in den 1970er Jahren Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland. Dafür habe er eine „sehr schöne Krawatte mit den Olympischen Ringen“ bekommen, verriet Hans-Wolfgang Tyczka vor ein paar Jahren.

Mit Blasmusik und Fanfaren verabschiedet Geretsried die Begleitmannschaft, die am 23. Juli 1972 nach Griechenland aufbricht, wo der Fackellauf später startet.
Mit Blasmusik und Fanfaren verabschiedet Geretsried die Begleitmannschaft, die am 23. Juli 1972 nach Griechenland aufbricht, wo der Fackellauf später startet. © Archiv

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Dass die Geretsrieder Ingenieure gute Arbeit geleistet haben, zeigte sich auch daran, dass die Fackeln noch Jahrzehnte nach den Spielen in München gefragt waren. Zum Beispiel 1983 bei der Lichterstafette anlässlich des Papstbesuchs in Österreich oder 2004 bei den Olympischen Sommerspielen in Athen. Dennoch würde Tyczka heute nicht mehr Flüssiggas verwenden – sondern Wasserstoff. Flüssiggas sei zwar ein zentraler Pfeiler der Unternehmensgruppe, aber es sei auch wichtig, in nachhaltigere Energien zu investieren und innovativ zu bleiben. „Wasserstoff ist das häufigste Element im Universum und bereits heute ein emissionsfreier Energieträger und essenzieller Baustein für eine Energiewende“, erklärt der 96-Jährige. Somit würde eine mit Wasserstoff betriebene olympische Fackel gut die Anforderungen der heutigen Zeit erfüllen. Eine Gesellschaft gäbe es dafür auch schon: die Tyczka Hydrogen GmbH – mit Sitz in Geretsried.

sw

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