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Von wegen Männersache: Seit 2015 dürfen auch Mädchen beim Osterratschen mitmachen. Auf dem Bild baut gerade Eva ihr eigenes Instrument, im Hintergrund werkeln Xaver und Paul. 

Klappern gehört zur Tradition

Osterbrauch in Geretsried: Die Ratschenkinder sind unterwegs

Mit einem Dutzend nagelneuer, selbst gebauter Osterratschen ziehen die 37 Ratschenkinder der Egerländer Gmoi an den Kartagen durch Geretsried. Die Bastelaktion war dringend notwendig. 

Geretsried Helmut Hahn hat den kompletten Bausatz in zwölffacher Ausfertigung mitgebracht: die kurzen und langen Seitenwände aus Eiche oder Lärche für den Rahmen, die Zahnradwelle, die Kurbel und die Ahorn-Plättchen, die beim Kurbeln den Krach verursachen. Der Holzingenieur mit Zimmerer-Ausbildung hat die Teile in seiner Firma in Bad Tölz bereits vorgefertigt. Bis sie in der Werkstatt von Florian Effenberger von der Firma EF Holzbau zusammengefügt sind, dauert es aber immer noch einen Vormittag.

Zwölf Ratschenkinder, darunter einige Neuzugänge, finden sich am Morgen in der Werkstatt ein. „Es sind im Laufe der Jahre auch einige Ratschen kaputt gegangen. Deshalb bauen wir gleich mehrere“, erklärt Helmut Hahn, Vorsitzender der Egerländer Gemeinde, die den heimatlichen Brauch des Osterratschens seit rund 70 Jahren in Geretsried pflegt. 

Der Gmoi-Chef erzählt, dass er als fünfjähriger Bub einmal nicht mitgehen durfte, weil es nicht genug Instrumente für alle gab. „In den besten Zeiten waren 70 bis 90 Kinder unterwegs“. So soll es dem Nachwuchs heute nicht mehr ergehen, beschloss Hahn. Bereits 2008 hatte er im Jugendzentrum Saftladen mit Kindern und Jugendlichen einmal einige Osterratschen nach dem Vorbild des Ausstellungsstücks von Karl Kugler im Geretsrieder Stadtmuseum gebaut.

„Je strenger das Kurbeln geht, desto kräftiger das Knattern“ 

Bei der diesjährigen Aktion helfen die Erwachsenen nur beim Bohren der Dübel, den Rest erledigen die Mädchen und Buben im Alter von sechs bis 16 Jahren weitgehend selber. Seit 2015 dürfen auch Mädchen ratschen, davor war das Vergnügen den „Ratschenboum“ vorbehalten.

Gründlich verleimt Eva (10) alle gedübelten Stellen in dem rechteckigen Rahmen. Anschließend fügt sie mit Hilfe von Gmoi-Mitglied Corinna Hildebrand den Kamm aus Ahornplättchen und die Zahnradwelle in den Kasten ein. Jetzt fehlt nur noch die Kurbel, die – das gilt es zu beachten – bei Linkshändern auch links sitzen sollte. Noch ein Test, ob das beim Kurbeln entstehende ratternde Geräusch auch laut genug ist – und fertig ist die Osterratschen. „Je strenger das Kurbeln geht, desto kräftiger das Knattern“, erklärt Hahn.

Simon Hammerschmied, mit 16 Jahren der älteste Teilnehmer, will als „Oberanführer“ der Gruppe natürlich einen ordentlichen Zug auf sein Instrument bringen und lässt sich von Hahn dabei helfen – auch wenn er nach den beiden Märschen am Freitag und Samstag die Armmuskeln spüren wird. Ein „Weichei“ dürfe man als Anführer sowieso nicht sein, sagt Simons älterer Bruder und Vorgänger im Amt, Marius (18). Traditionell wird der älteste, ausscheidende Ratschenbub (oder das Ratschenmadl) nach dem Abschluss-Osterfeuer am Samstagabend auf der Böhmwiese in den Schwaigwaller Bach geworfen.

Ihre fertigen Holzinstrumente schleifen die Kinder am Ende des Bastelvormittags mit Schmirgelpapier glatt. Der neunjährige Paul zeigt stolz seine erste eigene Ratschen, an der nur noch der Lederriemen zum Umhängen fehlt. „Das Bauen hat echt Spaß gemacht“ sagt er. Und was gefällt ihm am Osterratschen? „Dass wir eine lustige Gruppe sind – und dass man Geld von den Leuten bekommt.“ Die Summe wird aufgeteilt. Wer den Ratschenkindern am längsten angehört, bekommt am meisten. Christopher (13), der schon seit vielen Jahren zu den Radaumachern gehört, sagt, er findet es schön, an den beiden Karfeiertagen, an denen sonst nicht viel los sei, mit seinen Freunden aus der Gmoi etwas zu unternehmen. Auf die Abschlussfeier mit Wurstsemmeln und Getränken am Feuer freut er sich schon.

Zum Brauch des Osterratschens 

Seit rund 70 Jahren pflegt die Egerländer Gmoi in Geretsried-Gartenberg den Brauch des Osterratschens. Das Ratschen, Klappern und Knattern der Holzinstrumente ersetzt am Karfreitag und am Karsamstag das Läuten der Kirchenglocken. Einer Legende zufolge sollen diese dann nach Rom geflogen sein. Um 6 Uhr, um 11 Uhr und um 17 Uhr marschieren die Ratschenkinder an den beiden Tagen jeweils für rund eine Stunde durch die Straßen. Eine Besonderheit ist das „Anlegen“. Etwa 50 Meter vor dem Haus eines besonders verdienten Gmoi-Mitglieds hören die Kinder auf mit dem Krachmachen, schleichen sich an und legen ihre Holzinstrumente auf die Fensterbänke, um dann so richtig loszulegen. „Es ist eine Ehre, auf diese Art geweckt zu werden“, sagt der Gmoi-Vorsitzende Helmut Hahn. Am Samstag werden die Kinder mit verplombten Sammelbüchsen unterwegs sein und um Spenden bitten. Zum Abschluss trifft sich die Gmoi am Abend auf der Böhmwiese und entzündet dort ein Osterfeuer.

Tanja Lühr

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