Interims-Pfarrer Stefan Scheifele (53) in Geretsried
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Zieht bald weiter: Interims-Pfarrer Stefan Scheifele (53). Der Abschied aus Geretsried fällt ihm nicht leicht. Ab 1. Februar ist er in Gauting im Einsatz.

„Ich gehe nicht gerne hier weg“

Pfarrer Stefan Scheifele über seine Zeit in Geretsried und die Corona-Pandemie

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Pfarrer Stefan Scheifele zieht weiter nach Gauting. Geretsried verlässt er nicht gern, wie er im Interview verrät.

Geretsried – Kurz war das Gastspiel von Pfarrer Stefan Scheifele. 15 Monate leitete er die katholische Stadtkirche als mobile Reserve in der sogenannten qualifizierten Vakanzvertretung. Jetzt zieht der erzbischöfliche Geistliche Rat weiter und hinterlässt seinem Nachfolger Andreas Vogelmeier ein wohlbestelltes Feld. In seiner Zeit in Geretsried hat Scheifele viel menschliche Wärme, Offenheit und Entgegenkommen erfahren, wie er im Interview mit Redakteurin Doris Schmid berichtet.

Herr Scheifele, der Slogan der Stadt lautet „Geretsried – einfach anders“. Gilt das auch für die Stadtkirche mit ihren 8500 Gläubigen?

Pfarrer Scheifele: Es ist anders durch die Menschen, die hier leben. Man spürt bei der älteren Generation, woher sie kommt. Gerade während der Corona-Pandemie erlebe ich, dass die Menschen hier mit Krisen besser umgehen können. Vor allem legen sie keinen Aktionismus an den Tag. Sie handeln die Lage mit großer Ruhe. Ich erkläre mir das damit, dass viele Menschen ihre Heimat aufgeben mussten. Diese Heimatlosigkeit hat in der Kriegsgeneration existenzielle Fragen aufgeworfen. Von daher erlebe ich die Geretsrieder als richtig stark, auch in der Stadtkirche.

Wie zeigt sich diese Stärke?

Pfarrer Scheifele: Sie zeigt sich in einem gelasseneren Umgang mit der Pandemie. Es gibt kein leises, kein lautes Murren, kein Aufbegehren oder Provozieren. Die Leute halten sich klaglos an die Vorschriften.

Bringt Corona die Menschen näher zusammen?

Pfarrer Scheifele: Corona deckt auf, was vorher durch Ablenkung oder Beschäftigung wie mit einem Mäntelchen bedeckt war. Die Krise offenbart gut funktionierende Verbindungen, aber auch kaputte Bindungen.

Ist die Krise eine Bewährungsprobe?

Pfarrer Scheifele: Es zeigt sich, ob man sich auf seinen Partner verlassen kann, ob man mit der Familie durch Dick und Dünn gehen kann. Und es wird auch klar, welche Rolle man selbst in der Familie, in seinem sozialen Gefüge einnimmt. Da wird vieles deutlich, was sonst nicht abgefragt wurde. Und es passieren ganz tolle Dinge, mit denen man nie gerechnet hätte. Zum Beispiel im Bereich der Nachbarschaftshilfe.

Sind Seelsorger in solchen Zeiten besonders wichtig?

Pfarrer Scheifele: Ja, aber nicht am Anfang. Ich weiß aus meiner Bundeswehrerfahrung, dass am Ende einer Krise, wenn den Menschen die Luft ausgeht, sie uns am allermeisten brauchen. Uns wird signalisiert: Es ist gut, dass es euch gibt, ihr seid da für uns. Und wir geben diese Garantie bis zum Schluss und darüber hinaus. Das ist das Entscheide.

Hatten Sie Kontakt mit Menschen, die am Coronavirus gestorben sind?

Pfarrer Scheifele: Es gab Menschen in Geretsried, die an Covid-19 gestorben sind. Aber ich durfte nicht dazu. Allgemein ist das Sterben während der Pandemie eine Herausforderung, auch für die Hinterbliebenen, die die oftmals nicht beim Sterbeprozess im Krankenhaus dabei sein konnten.

Können einem Covid-19-Patienten die Sterbesakramente verwehrt werden?

Pfarrer Scheifele: Für solche Fälle hat das Erzbistum eine spezielle Eingreiftruppe aufgebaut. Die letzte Ölung am Sterbebett eines Covid-19-Patienten im Krankenhaus wird von speziellen Seelsorgern gespendet, die geschult wurden. Sie durften in Schutzausrüstung zum Sterbenden. Tragisch ist, dass der während der Pandemie der Zugang zu Seniorenheimen stark eingeschränkt wurde. Da ist schon viel Einsamkeit.

Der Weg zu einer Stadtkirche in Geretsried war nicht leicht. Harmonieren die Pfarreien Heilige Familie und Maria Hilf nun?

Pfarrer Scheifele: Ich habe versucht, die Menschen zu verstehen. Viele Gläubige stammen aus Familien, die ihre Heimat aufgegeben haben. In der Pfarrei haben sie eine neue Heimat gefunden. Jetzt waren die Gemeindemitglieder aufgefordert, das, was Identität stiftet, wieder aufzugeben, um eine große Stadtkirche zu bilden. Da habe ich gespürt, dass die Menschen an ihrer Pfarrei hängen, weil sie ihnen Heimat gibt.

Aber es hat sich durch die Bildung einer Stadtkirche doch nicht viel geändert.

Pfarrer Scheifele: Das ist das was, was wir im Seelsorgeteam den Menschen zeigen konnten. In ihrem Alltag bleibt alles, wie es ist. Es gibt weiter den Seniorennachmittag und das Schlesiertreffen. Die Gottesdienstzeiten haben sich geändert, weil wir uns nicht zerreißen können.

Neu geschaffen wurde die Stelle eines Verwaltungsleiters beziehungsweise einer Verwaltungsleiterin.

Pfarrer Scheifele: Richtig. Seit etwa einem halben Jahr arbeitet Hedwig Sesto bei uns. Der Verwaltungsaufwand, den der Gesetzgeber von uns verlangt, hat sich um ein Vielfaches multipliziert: Datenschutzverordnungen, Präventionsvorgaben, Arbeitsplatzschutz, Arbeitsrecht, die Verwaltung der Gebäude und nicht zuletzt die Hygienebestimmungen während der Pandemie. Frau Sesto ist ein großer Glücksfall für uns. Sie nimmt mir vieles ab und hält mir den Rücken frei.

Sie hatten auch schwere Stunden in Geretsried. Nicht leicht war der Tod von Pfarrer Georg März.

Pfarrer Scheifele: Der Tod von meinem Vorgänger, Pfarrer Georg März, hat mich sehr erschüttert und betroffen gemacht. Wir waren fast gleich alt und haben uns gekannt. Ich weiß noch, wie wir ihn vor gut einem Jahr hier in der Pfarrei Im kleinsten Kreis verabschiedet haben. Da war schon zu spüren, dass es extrem ernst um ihn steht. Kurz darauf ist er zuhause in Lenggries verstorben. So einen Krankheitsprozess wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Dass er das hat aushalten müssen, hat mich sehr bewegt. Ebenso wie die tiefe Anteilnahme der Gemeindemitglieder, sowohl in Geretsried als auch in Lenggries. Geretsried ist anders, das hat sich noch einmal bestätigt. Als Pfarrer bist du in den Herzen der Gläubigen.

Haben Sie das auch schon anders erlebt?

Pfarrer Scheifele: Oh ja. Beispielsweise, dass der Pfarrgemeinderat total konträr zum Pfarrer ist. Oder es gibt Pfarreien, wo Corona bezweifelt wird, sich Verschwörungstheorien breitgemacht haben. In Geretsried habe ich viel menschliche Wärme, Offenheit und Entgegenkommen erfahren. Ich gehe nicht gerne hier weg.

Wie bereiten Sie sich in diesem ungewöhnlichen Jahr auf Weihnachten vor?

Pfarrer Scheifele: In die 15 Gottesdienste an Weihnachten sind weit über 20 Leute involviert, und heuer ist vor allem eins gefragt: größtmögliche Flexibilität. Wir werden weiter improvisieren.

Mussten Sie das schon?

Pfarrer Scheifele: In Maria Hilf gibt es heuer nicht diesen riesengroßen Adventskranz, der von der Decke herunterhängt. Das ist eine unheimliche Arbeit, weil er frisch gebunden wird. Das gemeinsame Binden musste heuer aufgrund von Corona ausfallen. An der Stelle des Adventskranzes hängt dort jetzt ein roter Stern aus Plastik. Das ist improvisiert. In der Kirche ist aktuell auch kein Gemeindegesang erlaubt. Da wird sich der Organist was einfallen lassen, damit der Gottesdienst trotzdem schön wird.

Wie werden Sie persönlich Weihnachten verbringen?

Pfarrer Scheifele: Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich, sofern es möglich ist, ins Seniorenheim gehen darf, um dort eine Messe zu halten. Das ist mir persönlich sehr wichtig. Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag werde ich meine Familie besuchen und zur Ruhe kommen. Ich habe noch drei Brüder. Zusammen mit unseren Eltern sind wir dann fünf Haushalte. Wir müssen schauen, wie wir das machen.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger als Pfarrer Andreas Vogelmeier?

Pfarrer Scheifele: Viel Freude. Und nach dem wir beide Motorradfahrer sind: Er soll regelmäßig seine Maschine bewegen und sich auch Zeit für sich nehmen. Ich spüre, das wird gut.

nej

Gottesdienste zu Weihnachten bietet die Stadtkirche auch online an. Hier geht es zu dem entsprechenden Youtube-Kanal.

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