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Nachdenkliche Gesichter: Rund 120 Besucher kamen zur Podiumsdiskussion der Freien Wähler Geretsried in die Ratsstuben.

Auf Einladung der Freien Wähler Geretsried

Podiumsdiskussion: Wie kann Integration gelingen ?

Geretsried – Die Sprache lernen, Wohnung und Arbeit finden, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen – das sind die Grundvoraussetzungen für Integration. Darüber herrschte Einigkeit bei einer Podiumsdiskussion der Freien Wähler (FW) mit Vertretern aller Parteien. 

In der Veranstaltung sollte es einmal nicht um Obergrenzen und andere aktuell diskutierte Maßnahmen gehen. „Wir wollen heute darüber reden, wie das Zusammenleben zwischen Einheimischen und Asylbewerbern in zwei bis drei Jahren funktionieren kann“, sagte Moderator David Costanzo, Teamleiter der Süddeutschen Zeitung in Wolfratshausen. Etwa 120 Besucher waren zu der Podiumsdiskussion mit dem Untertitel „Zwischen Bürokratie und Menschlichkeit“ in die Ratsstuben gekommen.

Das Eis brach gleich zu Beginn die Besucherin Mezgin Osman. Die Syrerin, Mutter von drei Kindern im Alter von zwei, sieben und elf Jahren, lebt seit zwei Jahren in Geretsried. Auf Costanzos Frage, ob sie hier bleiben wolle, antwortete sie: „Ja. Ich liebe Geretsried.“ Auch die Integrationsbeauftragte des Stadtrats, Sonja Frank (FW), berichtete von durchweg freundlichen, dankbaren und hilfsbereiten Flüchtlingen. Man müsse ihnen nur auf Augenhöhe begegnen. Kontakt aufzunehmen sei das beste Mittel gegen Ängste und Vorurteile.

Da in Geretsried viele Syrer und Afghanen untergebracht sind, wird wohl ein Großteil von ihnen ein Bleiberecht erhalten. Bezahlbarer Wohnraum ist allerdings Mangelware. Bürgermeister Michael Müller (CSU) verwies auf das Projekt der Stadt auf der Böhmwiese. Dort sollen Holzhäuser als vorübergehende Unterkünfte entstehen. Auf dem Lorenz-Areal plane die Stadt zudem 600 Wohnungen nach dem Münchner Modell, also eine Mischung aus Eigentums- und Sozialwohnungen. Der FW-Landtagsabgeordnete Florian Streibl sprach sich dafür aus, bei günstigen Wohnungen „Abstriche“ bei den Standards zu machen. SPD-Bundestagsabgeordneter Klaus Barthel widersprach: Billig zu bauen sei auf längere Sicht teurer. Pullachs Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) berichtete von der Erfahrung, dass es oft Probleme mit Nachbarn gebe, wenn die Gemeinde ein Grundstück für sozialen Wohnungsbau oder Asylbewerberunterkünfte ausweisen wolle.

Auf dem Podium diskutierten (v. li.) Klaus Barthel, Susanna Tausenfreund, Michael Müller und Florian Streibl sowie (nicht im Bild) Sonja Frank.

Beim Thema Sprache forderte Tausendfreund mehr staatliche Kurse – und zwar nicht nur für die vier Nationalitäten Syrien, Eritrea, Irak und Iran, die eine Bleibeperspektive haben: „Selbst wenn ein Senegalese in seine Heimat zurückkehrt, kann ihm der Deutschkurs im Beruf etwas nützen.“

Wie langwierig die Integration auf dem Arbeitsmarkt sein wird, machte eine Aussage Streibls deutlich, basierend auf einem Gespräch mit der Bundesagentur für Arbeit: Es werde voraussichtlich 15 Jahre dauern, bis 75 Prozent der anerkannten Asylbewerber eine feste Anstellung hätten. Barthel mahnte in diesem Zusammenhang mehr Sicherheit für die Arbeitgeber an. Ein ausländischer Mitarbeiter, der einen guten Job mache, eine Wohnung habe und bestens eingegliedert sei, dürfe nicht wieder abgeschoben werden.

Politiker und Zuhörer äußersten trotz aller Zuversicht ihre Sorge darüber, dass der Ton in der Asyldebatte schärfer geworden sei seit den Vorfällen von Köln. Es sei Aufgabe der Kommunen, Bedenken ernst zu nehmen und mit den Bürgern darüber zu sprechen, sagte Müller. Dafür stelle Geretsried gerade mehr Personal ein. Tausendfreund ermunterte dazu, als Gemeinde zum Beispiel gemeinsame Kochaktionen zu ermöglichen, was auch Streibl für eine ausgezeichnete Idee hielt. Der Abgeordnete meinte zum Schluss, wenn alle Diskussionen so sachlich wie an diesem Abend geführt würden, ließen sich Probleme leichter lösen.

von Tanja Lühr

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