Rettung aus der Luft: Im schwierigen Gelände kommt der Polizeihubschrauber zum Einsatz.

Besonderer Polizist

Dein Freund und Kletterer

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Lorenz Kellner ist ein Polizist, der vor nichts zurückschreckt. Er löst Fälle im unwegsamen Gelände – er ist Polizei-Bergführer.

Geretsried/Bichl– Ein Mann ist gestorben. Noch weiß niemand, warum. Die Ordnungshüter sind bald zur Stelle, nehmen die Ermittlungen auf – wie immer, wenn eine Straftat nicht auszuschließen ist. Polizeialltag halt – sofern der „Tatort“ in einer Stadt, in einem Dorf liegt. Was aber ist, wenn den Ort des Geschehens steile Felsen und kaum zugängliche Rinnen umgeben, vielleicht ein tosender Wildbach an ihm vorbeirauscht? Für die Arbeit in diesem Terrain gibt’s einen Spezialisten: den Polizei-Bergführer.

Etwa 45 Planstellen für staatlich geprüfte Polizeiberg- und Skiführer, so die genaue Berufsbezeichnung, hat die Polizei mit alpinistisch ausgebildeten Gesetzeshütern im gesamten bayerischen Alpenraum zu besetzen. Diese Posten sind in vier so genannte alpine Einsatzgruppen zusammengefasst, von denen drei auf den Dienstbereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd und eine, die im Allgäu, auf den Bereich Schwaben Süd-West entfallen. Eine Stelle gehört Lorenz Kellner.

Bis zu 80 tödliche Bergunfälle jedes Jahr

Normalerweise arbeitet ein Polizei-Bergführer in einer alpennahen Dienststelle. Im Fall des 45-jährigen Bichlers ist das anders: Er gehört seit zweieinhalb der Geretsrieder Inspektion an, in der er im Schichtdienst die gleiche Arbeit macht wie alle anderen Kollegen. Fallen aber im Gebirge „Einsätze mit polizeilicher Relevanz“ an, ist Kellner der Experte. Im Alarmfall springt er in seinen Kombi, der „immer mit allem nötigen Geraffel vollgepackt“ ist und fährt zur Unglücksstelle.

Lorenz Kellner arbeitet in der Polizeiinspektion in Geretsried.

Ereignisse von straf- oder zivilrechtlicher Bedeutung – dazu zählen Kollisionen auf der Skipiste ebenso wie die fahrlässige Auslösung von Lawinen, die Vermisstensuche, Abstürze und Suizide – fallen in seine Zuständigkeit. Da kommt schon etwas zusammen. „Allein etwa 50 bis 80 tödliche Bergunfälle“, so schätzt der Polizeihauptmeister, „ereignen sich im bayerischen Alpenraum Jahr für Jahr.“ Das Wettersteingebirge mit der Zugspitze oder der Watzmann im Osten locken das tatendurstige Freizeitvolk. „Das sind berühmte Berge, auf die viele wollen. Aber nicht alle haben die Kompetenz dazu“, sagt Kellner. Insofern klingen 45 Berg-Ermittler erst einmal viel, sind es bei der Vielzahl der Einsätze aber nicht. Zusammenstöße auf der Piste habe es in der zu Ende gehenden Skisaison überdurchschnittlich viele gegeben, sagt der Beamte. Die dazu notwendigen, teils aufwendigen Nachermittlungen kosten Zeit. „Zeit, die für die Bewältigung der polizeilichen Alltagsarbeit fehlt.“

Eine dreijährige Ausbildung, parallel zum normalen Dienst, liegt hinter einem Polizisten, bis er in den Bergen auf Spurensuche gehen darf. Und das bedeutet nicht, dass er während dieser Zeit das Skifahren, Tourengehen, Fels- und Eisklettern beigebracht bekommt. „Das musst du alles vorher können. Du musst ein fertiger Alpinist sein und Erfahrung mitbringen“, sagt der 45-Jährige. Für ihn kein Problem: Von klein auf in den Bergen unterwegs, „die Benediktenwand vor der Nase“, stand Lorenz Kellner früh auf Skiern, ging zum Klettern und Wandern. Später wurden die Gipfel höher und die Wege weiter: Privat ist der verheiratete Polizeihauptmeister am liebsten auf Skihochtouren, besonders in den Westalpen, unterwegs. Abgesehen von einem Steinschlag, den er dank Helm ohne größere Verletzungen überstand, geriet er als Alpinist noch kaum in brenzlige Situationen. Kellner ist allerdings „auch sehr defensiv unterwegs in den Bergen“.

Distanz zu wahren, gelingt nicht immer

Bis er private Passion und Berufswunsch verknüpfen konnte, dauerte es ein wenig. Er ist ein spätberufener Polizist, arbeitete bis 32 „in der freien Wirtschaft“. Erst dann wechselte er in seinen Traumjob. Zehn Jahre verrichtete der Bichler seinen Polizeidienst in München, ehe er sich um die Weiterbildung zum Bergführer bewarb und den Zuschlag erhielt. Etwa 140 Ausbildungs- und Prüfungstage später – gemäß den Vorgaben des internationalen Bergführerverbandes IVBV – bekam Kellner den Job in Geretsried.

An etwa zehn Tagen im Jahr – je zwei Praxistage im Winter und Sommer, Hubschrauberübungen tags und nachts sowie drei Theorietage – verbessern die Polizei-Bergführer ihr alpinistisches Können und Wissen. Denn der Berg schläft nie. „Wir bewegen uns im schwierigen Gelände. Darauf müssen wir jede Sekunde vorbereitet sein.“

Die zu bearbeitenden Bergunfälle ziehen oft umfangreiche strafrechtliche Ermittlungen nach sich. Auf dieser Grundlage entscheidet die Staatsanwaltschaft oder das Gericht über die Schuldfrage. Kein Fall sei gleich. Das macht den Job für den Bichler „interessant und spannend“. Als „Privileg“ empfindet der 45-Jährige den Dienst „in der schönen Natur“. Der kann bisweilen aber sehr belastend für die Psyche werden – wenn es wieder einmal einen Toten gegeben hat. Andererseits gehöre der Tod zum Polizeialltag – „nicht nur in den Bergen“, sagt Lorenz Kellner. Er versucht dann, die professionelle Distanz zu wahren. „Nur leider gelingt das nicht immer.“

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