Eine Frau und ein Mann.
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„Wir sind für sie da“: Sonja Baier, Fachdienstleiterin für den sozialpsychiatrischen Dienst, und ihr Kollege Michael Hanfstengl, Leiter der Fachambulanz für Suchtkranke der Caritas im Landkreis.

Caritas bietet professionellen Rat

Psychische Probleme: „Es wird eine dritte Welle kommen“

Die Corona-Pandemie hat Folgen für die seelische Gesundheit vieler Menschen. Die Caritas im Landkreis ist sehr besorgt - und weitet ihr Hilfsangebot aus.

Geretsried – „Es wird eine dritte Welle kommen“, prophezeit Sonja Baier, Fachdienstleiterin für den sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas im Landkreis. Die Sozialpädagogin spricht jedoch nicht von Corona, sondern von einer zu erwartenden Zunahme an psychischen Problemen bis hin zum Suizid. Ihr Kollege Michael Hanfstengl, Leiter der Fachambulanz für Suchtkranke, hat gleichzeitig seit April eine extreme Steigerung des Alkoholkonsums festgestellt. „Wir haben mittlerweile in der Beratungsstelle eine Warteliste, die bis weit ins neue Jahr hinein reicht“, sagt er besorgt. Die beiden Caritas-Mitarbeiter machten kürzlich im Gespräch mit unserer Zeitung auf die Folgen der Pandemie für die seelische Gesundheit der Menschen im Landkreis aufmerksam.

Schon während des ersten Lockdowns griffen viele zur Flasche

Schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr hätten viele aus Einsamkeit, Langeweile, Frust oder Angst vor der Zukunft zur Flasche gegriffen, sagt Hanfstengl. Damals seien die Beratungsangebote der Caritas nur für Notfälle besetzt gewesen. Dadurch sei die Warteliste immer länger geworden, die Situation der Klienten habe sich weiter verschlimmert. Man habe daraus gelernt und werde künftig mehr Beratung anbieten, was durch den zweiten Lockdown aktuell aber nur bedingt möglich sei.

Laut Hanfstengl sind rund 70 Prozent der Klienten alkoholabhängig, 30 Prozent konsumieren regelmäßig Cannabis, ein geringer Anteil leidet an Essstörungen, Computer- oder Glücksspielsucht. Am häufigsten würden Männer mittleren Alters zu Bier und Härterem greifen. Meist meldeten sich die Ehefrauen in der Beratungsstelle, sagt Hanfstengl. Der Fachambulanzleiter befürchtet: „Wenn jetzt die Feiertage mit den Folgen von Corona, wie Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit sowie dem zweiten Lockdown zusammentreffen, werden noch mehr Menschen Zuflucht im Alkohol suchen.“

Auch Online-Sitzungen werden angeboten

Weil die Caritas darauf gefasst ist, versucht sie jedem, der sich an sie wendet, ein passendes Angebot zu machen. In der Regel seien das zunächst Einzelgespräche oder Gruppenangebote zur Motivationsabklärung, erklärt der Sozialpädagoge. Dank der Pandemie hätten sich die technischen Möglichkeiten auch bei dem Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche enorm verbessert, sodass neben Gesprächen am Telefon nun auch Online-Sitzungen abgehalten werden könnten.

In einem zweiten Schritt wird den Suchterkrankten in Selbsthilfegruppen oder – nach einem Entzug in der Klinik – in Reha-Gruppen geholfen. Die Caritas verfügt über einen Arzt und Psychologen in ihren Reihen. Weitere Angebote sind die Jugendsuchtberatung, ambulant betreutes Einzelwohnen und die neu gegründete Kontakt- und Begegnungsstätte in Bad Tölz. Hanfstengl ermuntert alle Landkreisbürger, sich bei Anzeichen einer Suchterkrankung telefonisch an die Caritas-Beratungsstellen in Bad Tölz und Geretsried zu wenden.

Manche Auswirkungen zeigen sich erst in Monaten oder Jahren

Wer vor Ausbruch der Corona-Krise bereits psychische Probleme gehabt habe, bei dem hätten sich diese mitunter sogar verstärkt. Außerdem seien neue Patienten hinzugekommen, berichtet Sonja Baier vom sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi) mit Standorten in Bad Tölz und Geretsried. Weihnachten und die dunkle Jahreszeit drückten bei den Betroffenen generell aufs Gemüt. In den Familien könne es zu Spannungen kommen durch das ständige „Aufeinander-Sitzen“, vor allem mit dem Hintergrund der Kontaktbeschränkungen nach außen und den Einschränkungen durch den Lockdown.

Das Wichtigste für uns ist es, den Betroffenen zu zeigen, dass wir für sie da sind.“ 

Sonja Baier, Fachdienstleiterin für den sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas im Landkreis 

Jugendliche wiederum würden durch die Corona-Beschränkungen ihre „echten“ sozialen Kontakte vermissen. Sie kommunizierten zwar stark über soziale Medien, doch dort lauere die Gefahr von Stigmatisierung, wenn man etwa eine andere Meinung als die anderen vertrete, bis hin zu Mobbing.

Manche Auswirkungen von Corona wie Kurzarbeit oder Jobverlust würden sich voraussichtlich erst in einigen Monaten oder Jahren zeigen, glaubt Sonja Baier. Auch sie verspricht im Notfall schnelle und unbürokratische Hilfe, zunächst durch den Krisendienst Psychiatrie – 365 Tage im Jahr, anonym und ohne Krankenkassenkarte. Der SpDi vermittelt im Anschluss medizinische, therapeutische und soziale Hilfen. Dabei arbeitet er eng mit den anderen Fachabteilungen der Caritas sowie mit Psychologen und Ärzten zusammen.

„Das Wichtigste für uns ist es, den Betroffenen zu zeigen, dass wir für sie da sind“, betont Sonja Baier. Das geschehe momentan wieder vermehrt durch Telefongespräche. Ab diesem Jahr soll es auch ein Online-Beratungsangebot geben. Alle Angebote sind kostenlos. (tal)

Info: Der Krisendienst Psychiatrie ist täglich 24 Stunden unter Telefon 0180/6 55 30 00 erreichbar. Der Sozialpsychiatrische Dienst ist während der Öffnungszeiten der Caritas unter 0 81 71/98 30 50 (Geretsried) sowie 0 80 41/79 31 61 50 (Bad Tölz) erreichbar, die Fachambulanz für Suchtkranke in Geretsried unter 0 81 71/98 30 40.

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