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Viele Blumen und Kerzen stehen unweit der Stelle des Anschlags am Berliner Breitscheidplatz.

Augenzeugenbericht

„Die pure Hölle“: Geretsrieder erlebt Anschlag in Berlin

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Geretsried – „Es war die pure Hölle.“ So beschreibt der Geretsrieder Florian Völler das, was er am Montagabend erleben musste, als ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz raste.

Der 32-Jährige war nur ein paar Meter von dem Ort entfernt. Zwölf Menschen starben, mehr als ein Dutzend Verletzte schweben noch in Lebensgefahr.

Ist es Glück, dass Völler noch lebt? Ist es Zufall? Oder war ein Schutzengel am Werk, wie eine Bekannte in einer SMS an Völler mutmaßte? Den Personal-Sachbearbeiter hatte es aus dienstlichen Gründen in die Bundeshauptstadt verschlagen. Nach getaner Arbeit beschloss er gegen 19.45 Uhr, mit einem Kollegen durch das Einkaufszentrum „Bikini-Haus“ zu bummeln. Der Kollege trödelte etwas, und so verließen die beiden ein paar Minuten später als geplant das Einkaufscenter.

Ein Bild der Verwüstung

Florian Völler Personal-Sachbearbeiteraus Geretsried

Als Völler durch die Ausgangstüre trat, bot sich ihm ein Bild der Verwüstung: Als Erstes sah er einen Sattelschlepper mit einer völlig zerstörten Frontscheibe. Zertrümmerte Weihnachtsmarkt-Buden. Eine sichtlich überforderte Polizistin, die neben einem der Opfer stand. Menschen, die andere trösteten. Schaulustige, die mit gezückten Handys zur Unfallstelle liefen. Und ein paar Meter weiter Menschen, die scheinbar unberührt von der Tragödie Glühwein tranken. „In der Hektik der Eindrücke konnte ich nicht mal sagen, ob Tote und Verletzte um den Lastwagen herum liegen“, sagt Völler. „Die Situation war aufgrund des noch fließenden Verkehrs und der immer größer werdenden Menschentraube unübersichtlich.“

Wenig später trafen die ersten Rettungskräfte und die Polizei ein – die Dienststelle ist nur ein paar hundert Meter entfernt vom Weihnachtsmarkt. Völler versuchte den Einsatzkräften Platz zu machen, um keinen Helfer zu behindern. Bei einem Polizisten fragte er nach, ob Blutspenden benötigt werden. Doch die Lage war unübersichtlich. Auch für Völler selbst: „An einen Terroranschlag habe ich überhaupt nicht gedacht.“

Erst nach und nach erfuhr der 32-Jährige die Hintergründe und konnte sich seine eigenen Gedanken machen. „Wenn der Kollege nicht getrödelt hätte, wäre ich womöglich ein paar Minuten früher am Eingang des Christkindlmarktes gestanden“, sinniert er. Und vielleicht überrollt worden wie viele andere.

„Hass darf nicht Hass erzeugen“

Was ihn am meisten wütend machte, waren die Schaulustigen, die mit ihren Handys Foto- und Filmaufnahmen machten: „Das war abartig. Ich verachte so etwas. Mit ihrer Sensationsgeilheit behindern die Leute die Rettungskräfte. Und das in Momenten, in denen es um Menschenleben geht.“ Was ihn auch ärgerte, waren die Reaktionen auf den Anschlag: „Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Hetz-Kommentare kommen.“ Ein Terroranschlag mit zwölf Toten sei furchtbar, „aber Hass darf nicht Hass erzeugen. Es sind immer Einzelne, die unsere Gesellschaft zerstören wollen. Die meisten wollen doch nur in Frieden leben.“

Völler vertraut den Sicherheitsbehörden, die gute Arbeit machen, aber einen solchen Anschlag könne man niemals verhindern. „Man kann aus allem eine Waffe machen, aus einem Auto genauso wie aus einem Brotzeit-Messer.“ Daher werde er weiterhin Weihnachtsmärkte besuchen. Und auch in sein Flugzeug stieg er in Berlin ohne mulmiges Gefühl.

pr

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