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Den Gedenkstein enthüllten (v. li.) Nickelsdorfs Bürgermeister Gerhard Zapfl, Pusztaváms Rathauschef Janos Lisztmayer, Bürgermeister Michael Müller und Projektinitiator Georg Hodolitsch.

Stein der Erinnerung

Im Rathaus: Gedenkstein für Vertriebene aus Ungarn

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Geretsried – Ein Gedenkstein erinnert im Rathaus an die Vertreibung der Deutschen aus Pusztavám vor 70 Jahren. Zur Enthüllung kamen Delegationen aus Pusztavám und Nickelsdorf sowie viele Geretsrieder.

Die Farbe Rot steht für Trauer und Schmerz, aber auch für Freude und Liebe. Roter Marmor ist deswegen genau das richtige Material, um an die Vertreibung der Deutschen aus Pusztavám vor etwa 70 Jahren zu erinnern, sagt Georg Hodolitsch von der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn. Er hatte im Sommer die Idee zu dem Gedenkstein, der nun im Foyer des Rathauses hängt. Am Montagnachmittag haben Bürgermeister Michael Müller und die Rathauschefs der befreundeten Gemeinden Nickelsdorf in Österreich und Pusztavám in Ungarn die Tafel feierlich enthüllt. Rund 70 Personen folgten dem einstündigen Festakt.

Die Vertreibung begann 1944

Den Gedenkstein enthüllten (v. li.) Nickelsdorfs Bürgermeister Gerhard Zapfl, Pusztaváms Rathauschef Janos Lisztmayer, Bürgermeister Michael Müller und Projektinitiator Georg Hodolitsch.

Während des Zweiten Weltkriegs flohen im November und Dezember 1944 zunächst deutsche Frauen und Kinder in Viehwaggons aus Pusztavám nach Bayern. Am 9. Dezember 1944 ließen weitere Familien mit 31 Pferdegespannen gezwungenermaßen ihre geliebte Heimat zurück. So steht es auf der Tafel. Vertrieben wurden alle Menschen, die sich als Deutsche bezeichneten oder einen deutschen Namen hatten. Am 7. Januar 1945 erreichten die Flüchtlinge Beuerberg. Im September siedelten sich zwölf Familien in Schwaigwall an. Drei Jahre später bauten sich die Deutschen aus Ungarn überwiegend im Blumenviertel eine neue Heimat auf.

Bürgermeister Müller betonte, wie viele Menschen damals Flucht und Vertreibung erfahren mussten. Die heutige junge Generation könne kaum noch erahnen, was sich damals abgespielt habe – „mit der unvorstellbaren Hoffnungslosigkeit und Ahnungslosigkeit“. Viele Geretsrieder mit dieser Erfahrung hätten deshalb viel Empathie für die heutigen Flüchtlinge.

Plädoyer für Europa

Gerhard Zapfl, Rathauschef in Nickelsdorf, hielt in seinem Grußwort ein Plädoyer für ein gemeinsames Europa. Auch in der heutigen Zeit müsse man zusammenstehen, um die Krisen zu bewältigen, „damit künftige Generationen auf uns stolz sein können“. Janos Lisztmayer, Bürgermeister in Pusztavám, sagte auf Ungarisch, über das Thema Vertreibung sei nur „sehr schwer zu sprechen. Aber wir müssen darüber reden. Das ist unsere Pflicht.“ Er bedankte sich, dass die Vertriebenen in Geretsried heimisch werden durften.

Hans Schmuck, Vorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn in Bayern, nannte die Gedenktafel „ein sichtbares Zeichen der Erinnerungskultur“. Ähnlich wie der Fluchtwagen, der im Museum der Stadt besichtigt werden kann.

Für die Platte sind Spenden gesammelt worden

Die Marmorplatte hängt im hinteren Teil des Rathauses in der Nähe weiterer Erinnerungsstücke auf Brusthöhe an der Wand. Sie hat einen Wert im vierstelligen Euro-Bereich. Um das Projekt zu finanzieren, hat Hodolitsch bei 21 Familien Spenden gesammelt, darunter auch Personen aus Österreich und Ungarn. Mit Anita Zwicknagl vom Kulturamt hat er das Vorhaben abgestimmt. „Der Marmor stammt aus einem Steinbruch in der Nähe von Budapest“, erklärte der Geretsrieder. Viele Kreuze in Ungarn seien aus demselben Material gefertigt. Hodolitsch zeigte sich „überwältigt von dem Zuspruch“ bei der Feier. Die Tafel erinnere an die verlorene Heimat in Ungarn, die dortigen Häuser, Freunde, Ställe und Weingärten. Sie zeige aber auch die Liebe zur neuen Heimat in Geretsried.

dor

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