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Endstation: Seit Jahrzehnten wird die Verlängerung der S7 diskutiert. Momentan endet sie in Wolfratshausen.

Die Bahn, die niemals ankommt?

Ewigkeitsprojekt S7: Warum Geretsried noch immer auf die S-Bahn wartet

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Seit fast 50 Jahren wartet Geretsried auf die S 7. Im Streit um die Verlängerung überwarf sich die Stadt sogar beinahe mit dem Nachbarn. Ein Paradebeispiel dafür, wie aus einer Zukunftsvision ein Ewigkeitsprojekt wird.

Geretsried – Sieglinde Klotz, 78, hat es ganz genau ausgemessen. Sie sitzt an ihrem Wohnzimmertisch und deutet fünf Meter hinter sich zum Röhrenfernseher, der im Einbauschrank steht. „Genau da“, sagt sie, „wird mal die S-Bahn durchfahren.“

Niemand weiß, wie lange das Haus von Sieglinde Klotz und ihrem Mann Johann, 84, noch stehen wird. Es muss weg, wenn Geretsried als größte Stadt des Landkreises an das Münchner S-Bahn-Netz angeschlossen wird, mit 9,2 Kilometer Gleis für 167 Millionen Euro. Über das Grundstück gleich gegenüber vom früheren „Möbel Mahler“, auf der Grenze zwischen Wolfratshausen und Geretsried, fährt dann die Bahn. Wann es soweit sein wird, kann allerdings auch keiner sagen.

Seit 48 Jahren reden sie in Geretsried über die S-Bahn Verlängerung

Bereits bei der Stadterhebung Geretsrieds 1970 war die Verlängerung der S 7 ein Wunsch, also zwei Jahre vor der Inbetriebnahme des Münchner S-Bahn-Netzes überhaupt. Inzwischen sind 48 Jahre vergangen, in denen unzählige Geretsrieder Wohnungen „in S-Bahn-Nähe“ für teures Geld verkauft wurden und Verkehrsminister und Ministerpräsidenten zu Besuch kamen und über den Bau redeten. Doch bis heute fahren keine Züge. Der Bahnhof Stuttgart 21, der Flughafen in Berlin, und eben die neue, längere S 7 – sie alle sind Paradebeispiele für Ewigkeitsprojekte in Deutschland, die gefühlt nie fertig werden.

Sieglinde und Johann Klotz vor ihrem Haus. Wenn die S-Bahn kommt, wird es abgerissen.

Auch die Wissenschaft hat sich schon mit Zeitplänen beschäftigt, die durcheinanderwirbeln. „In China wird ein Großprojekt einmal entschieden und dann umgesetzt“, sagt Stefan Wurster von der Hochschule für Politik in München. „In einer Demokratie geht das langsamer.“ Wegen vielen Entscheidern, der Möglichkeit zur Klage und wechselnden Mehrheiten im Parlament. Das erhöht die Kosten, im Fall von Stuttgart 21 ging es von ursprünglich 4,5 Milliarden Euro auf inzwischen 8,2 Milliarden nach oben. Dafür würden beispielsweise in China „gravierende Folgekosten entstehen“, sagt Wurster. Nach dem Bau des Drei-Schluchten-Damms, in Rekordzeit durchgezogen, versandeten die Flüsse drum herum. Weil bei den Planungen niemand an die Folgen gedacht hatte – oder weil es die Machthaber nicht interessierte.

Nicht alle Argumente sind logisch. Da entwickelt sich schnell ein Wutbürgertum

Bei der S 7 haben viele mitgedacht, manche sagen, zu viele. 8000 Gegenargumente kamen vor ein paar Jahren auf einen Schlag zusammen. Viele Einwohner verstehen nicht, warum es schon ein Gleis entlang der B 11 nach Geretsried gibt, darauf aber nur ein Güterzug fahren darf. Die Bahn sagt, für Personenzüge sei die Strecke zu kurvig. Andere fragen sich, warum der Endhalt ausgerechnet im Naturschutzgebiet gebaut werden muss und eine Freifläche ein paar hundert Meter weiter nicht infrage kommt. Und überhaupt, der Streckenverlauf: In Gelting gibt es eine Bürgerinitiative, die seit jeher gegen die Bahn kämpft, trotzdem soll der Geretsrieder Ortsteil einen Bahnhof bekommen. Im Wolfratshauser Ortsteil Waldram, etwas östlich, gibt es ebenfalls eine Bürgerinitiative. Dort kämpft man für die Bahn – bekommt aber keinen Halt. Da entwickelt sich schnell ein eine große Wut.

So wie bei Sieglinde und Johann Klotz. Wenn gebaut wird, verlieren sie ihr Zuhause, weil das Gemeinwohl die Einzelinteressen überwiegt. Schlimmstenfalls wird enteignet. Kürzlich hat die Familie ihr Bad renoviert und die Badewanne durch eine Regendusche ausgetauscht. „Eigentlich rausgeschmissenes Geld“, sagt Sieglinde Klotz. „Das bezahlt uns keiner. Wir müssen das Haus sogar besenrein übergeben. Nur, damit sie es dann wegreißen.“

Beinahe wäre das S7-Projekt komplett gescheitert

Beinahe wäre das S 7-Verlängerungsprojekt aber sowieso gescheitert – wegen einer einzelnen Schranke. Die Sauerlacher Straße, direkt neben dem jetzigen Endhalt, muss nämlich gekreuzt werden. Die Wolfratshauser fürchteten, dass ihr Ort durchtrennt wird und im Stau erstickt. Es gab sogar einen Bürgerentscheid. 80,77 Prozent gegen die Schranke, 100 Prozent Streit – denn in Geretsried sahen viele die Lage ganz anders: Die Schranke sei nur ein vorgeschobenes Argument der neidischen Wolfratshauser, die ihren Nachbarn nichts gönnen. Weil mit der Verlängerung in den MVV-Plänen und auf den S-Bahn-Anzeigen nicht mehr Wolfratshausen als Endhalt stehen wird, sondern Geretsried.

Ja, so ist das: Wo Emotionen im Spiel sind, werden solche Kleinigkeiten plötzlich wichtiger als die Sachargumente.

Die geplante Trasse der S7.

Im Fall der S 7 gab es nach jahrelangem Hin und Her einen Kompromiss: Die Gleise sollen nun an der Sauerlacher Straße tiefergelegt und die Mehrkosten aufgeteilt werden. Geretsried bekommt seine Bahn und Wolfratshausen keine Schranke. Aber es ist dadurch viel Zeit vergangen. Die Bahn muss das Planungsverfahren neu aufrollen, Lärmvorschriften überprüfen und Naturschutzregeln beachten, die seit der letzten Planung viel strenger geworden sind. „Jedes Tier muss gezählt werden“, sagt Bahn-Projektleiter Michael Hatzel. Das dauert.

Der Baubeginn für die neue Trasse ist momentan für 2024 terminiert, die Fertigstellung im Advent 2028. Die S 7, sie könnte ein Weihnachtsgeschenk werden. Doch so richtig glaubt in der Region niemand daran, dass das Christkind 2028 pünktlich kommt. Zu oft schon haben sie in der Zeitung von der versprochenen „Jungfernfahrt“ gelesen und vom „Durchbruch“, bis es wieder zur „Aufschiebung“ kam.

„Die S-Bahn wird das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken“

Ein Pro-Bahn-Kämpfer ist Johannes Schneider, 74, Unternehmer aus Wolfratshausen. Ein Banner seines Vereins „S 7-Verlängerung Jetzt“ hängt seit zehn Jahren an einem Haus am Autobahnzubringer, es ist inzwischen verblasst. „Die S-Bahn würde das verbinden, was schon lange zusammengehört“, sagt er. Wolfratshausen und Geretsried, das seien keine zwei getrennten Städte mit 40 000 Einwohnern, das sei ein gemeinsamer Wirtschaftsraum. Der Motor des Landkreises. „Wir müssen das Konkurrenzdenken beenden. Die S-Bahn wird das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.“

Johannes Schneider vom Verein „S7-Verlängerung Jetzt“.

Auch Geretsrieds Bürgermeister Michael Müller hofft, dass das Projekt vorankommt. „Die Verkehrsproblematik ist nach dem Wohnungsmangel das drängendste Problem“, sagt er. „Das ist ein Entwicklungshemmnis für die gesamte Region.“ Jeden Tag pendeln 6000 Arbeitnehmer aus Geretsried hinaus und 4500 herein – sie alle müssen momentan mit dem Auto fahren oder mit dem Bus bis zum S-Bahnhof in Wolfratshausen. 25 Minuten dauert das vom Süden der Stadt, die S-Bahn könnte es in zehn Minuten schaffen.

Das S-Bahn-Netz ist störungsanfällig 

Aber wird das wirklich klappen? Das Netz ist störungsanfällig, beinahe täglich gibt es Probleme – besonders häufig auf dem Ast der S 7, weil die Strecke zwischen Höllriegelskreuth und Wolfratshausen eingleisig verläuft. S-Bahn-Gegner vermuten, dass die Züge deshalb schon oft vor dem Endhalt in Geretsried wenden werden, um wieder in den Fahrplan zu kommen. Dann hätte die Stadt zwar endlich ihren Anschluss – aber darauf verlassen könnte sie sich nicht.

Der Anwalt von Sieglinde Klotz hat viele Briefe geschrieben, sie sind in einem Ordner abgeheftet. Erfolg hatte keines der Schreiben. Und den aktuellen Planungsstand erfährt sie immer nur aus der Zeitung, sagt Sieglinde Klotz. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Seit 16 Jahren sitzen wir auf gepackten Koffern.“ Ihr Mann nickt nur. Wenn Johann Klotz über die S-Bahn spricht, regt ihn das zu sehr auf. „Wir wollen ja gar nicht im Weg sein“, sagt er dann doch, „wir wären schon lange weg.“ Das Haus hätte er am liebsten verkauft für einen Platz im Betreuten Wohnen. Aber seine Immobilie ist wertlos – ausgerechnet in einer Region, in der die Preise sonst kräftig steigen. Aber niemand kauft etwas, das schon in ein paar Monaten verschwinden könnte. Also sitzen die beiden weiter im Weg. „Hoffentlich zieht sich’s noch recht lang hin“, sagt Sieglinde Klotz, „dann erleben wir das Drama nicht mehr.“ Das ist die traurige Seite dieser unendlichen Geschichte.

dor

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